Tag 4, 21. Januar: Die Heiligen, Band der Einheit

Kirche: in Ursprung und Ziel heilig – Der Kampf um die Heiligkeit – Die Heiligen: Band der Einheit

DIE KIRCHE ist kein menschliches Projekt. Sie wurde von Christus gewollt und gegründet, im Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters, und wird bis heute vom Heiligen Geist getragen. Ihr Ursprung ist trinitarisch – ein fortwährendes Werk der Heiligsten Dreifaltigkeit. Von hier aus richtet sich unser Blick am vierten Tag der Gebetswoche für die Einheit der Christen auf ein zentrales Merkmal der Kirche: ihre Heiligkeit. Papst Franziskus erinnert daran, dass dieses Vertrauen in die Heiligkeit der Kirche bereits zum Selbstverständnis der ersten Christen gehörte. Sie nannten sich schlicht „die Heiligen“, weil sie überzeugt waren: Es ist Gott selbst, der Heilige Geist, der die Kirche heiligt.1

Die Kirche ist heilig, weil ihr Ursprung heilig ist. Sie ist heilig, weil Jesus Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen (Eph 5,25-26). Sie ist heilig, weil der Heilige Geist, wie es das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt, „am Pfingsttag gesandt wurde, auf dass er die Kirche immerfort heilige“2. Heilig ist sie auch in ihrem Ziel – der Ehre Gottes und dem Heil der Menschen – sowie in den Mitteln, die ihr anvertraut sind: dem Wort Gottes und den Sakramenten.

Diese Glaubensgewissheit schließt jedoch nicht aus, dass die sichtbare Heiligkeit der Kirche durch die Sünden ihrer Glieder verdunkelt werden kann. Der heilige Josefmaria Escrivá sprach hier von einem „scheinbaren Widerspruch“: Die Kirche wird in der Heiligen Schrift als gens sancta (1 Petr 2,9), als heiliges Volk, bezeichnet – und besteht doch aus Menschen mit Schwächen und Grenzen. Darin müssen wir einen Aspekt ihres Geheimnisses sehen.3 Der Blick auf die durchwachsene Heiligkeit der Kirche soll jedoch nicht zur Resignation führen, sondern ein Ansporn sein, unseren Wunsch zu erneuern, in unserem Leben das Licht ihrer Heiligkeit sichtbar werden zu lassen.


WER DIE KIRCHE verstehen will, braucht einen Blick des Glaubens. Es würde wenig Reife beweisen, so sagte der heilige Josefmaria, wenn jemand seinen Glauben an Christus vom Verhalten einzelner Vertreter abhängig machte. „Die Kirche“, so hält er dagegen, „wird weder von Petrus noch von Johannes noch von Paulus geleitet. Sie wird vom Heiligen Geist geleitet, und der Herr selbst hat verheißen, dass Er an ihrer Seite bleiben wird alle Tage bis ans Ende der Welt (Mt 28,20).“4

Zugleich ist es verständlich, dass Menschen auf das Leben der Christen schauen, wenn sie der Kirche näherkommen. Umso schmerzlicher ist es, wenn dieses Zeugnis misslingt. Auch hier hat die Kirche nie gezögert, Selbstkritik zu üben. Immer wieder wurde anerkannt, dass Christen „das wahre Antlitz Gottes eher verhüllt als offenbart“5 haben. Der Glaube an die Heiligkeit der Kirche führt deshalb nie zur Selbstzufriedenheit, sondern zur Bitte und Bemühung um persönliche Erneuerung. In diesem Sinn betonte Benedikt XVI., dass „die Heiligkeit unseres Lebens das Herz der ökumenischen Begegnung und Bewegung“6 sein muss. Die Schwächen der Gläubigen – eigene wie fremde – werden so nicht zum Hindernis, sondern zum Anstoß für Umkehr, Sühne und intensiveres Gebet.

Die Heiligkeit der Kirche gründet somit nicht in der moralischen Leistung ihrer Mitglieder, sondern in Christus selbst. Der heilige Johannes Paul II. betonte, dass selbst Schuld und Untreue einzelner nicht zerstören können, „was Gott auf Grund seines Planes an Gnaden in sie eingegossen hat“7. Angesichts der Schönheit und Makellosigkeit unserer Mutter, der Kirche, empfahl der heilige Josefmaria: „Wenn wir ihre Schönheit einmal nicht sehen sollten, reinigen wir uns die Augen! Wenn wir merken, dass uns der Klang ihrer Stimme nicht gefällt, dann beseitigen wir die Verhärtung unseres Gehörs, die uns hindert, in ihrem Wort die Rufe des liebevollen Hirten zu vernehmen!“8


EINE BESONDERE Quelle der Hoffnung ist die konkrete Erfahrung gelebterHeiligkeit.Der heilige Josefmaria wies darauf hin, dass es zu allen Zeiten – auch heute – zahllose Katholiken gegeben hat, „die sich wirklich geheiligt haben: Junge und Alte, Ehelose und Verheiratete, Priester und Laien, Männer und Frauen.“ Nur fallen uns „die gewöhnlichen, einfachen, aber heiligen Menschen nicht auf, die mit und neben uns arbeiten und leben. Ein irdischer Blick bleibt eher an der Sünde und an der versagten Treue haften: das sind aufsehenerregendere Dinge.“9

Hinzu kommt das Zeugnis vieler Heiliger und Seliger, die sich vielfach ausdrücklich für die Einheit der Christen eingesetzt oder sie mit ihrem Leben bezeugt haben: der heilige John Henry Newman, der vor seiner Konversion Anglikaner war, die heilige Elizabeth Hesselblad von Schweden, die einer lutherischen Familie angehörte und den Birgittenorden neu gründete, der heilige Josaphat Kunzewitsch, ein Ukrainer, der die Einheit der Christen im slawischen Gebiet suchte; der heilige Johannes Paul II., der sich unermüdlich um den Ökumenismus bemühte, ebenso wie viele katholische und nicht-katholische Märtyrer wie etwa der ugandische Katechet Karl Lwanga und seine Gefährten, die auch in der anglikanischen Kirche verehrt werden, oder die 21 Märtyrer von Sirte, die als Gastarbeiter in Libyen die Bluttaufe erlitten und primär in der koptischen Kirche verehrt werden. Die Entdeckung von Beispielen der Heiligkeit auch bei unseren getrennten Brüdern wird ein unschätzbarer Impuls für die Suche der Einheit sein.

Das II. Vatikanische Konzil erinnert auch in seiner Kirchenkonstitution daran, dass der Weg zur Einheit über das Wachstum in der Heiligkeit führt. Dabei richten wir unseren Blick auf Maria als Vorbild des Glaubens und der Hingabe: Die Mutter der Kirche „leuchtet der ganzen Gemeinschaft der Auserwählten als Urbild der Tugenden voran“10. Sie möge uns lehren, Verantwortung für die Heiligkeit aller Glieder des mystischen Leibes Christi zu übernehmen, allem voran unserer eigenen. Denn dies ist der Weg, der zur Einheit führt.


1 Vgl. Franziskus, Audienz, 2.10.2013.

2 II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, Nr. 4.

3 Vgl. hl. Josefmaria, Loyal zur Kirche, 6.

4 Ebd., 7.

5 Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, Nr. 19.

6 Vgl. Benedikt XVI., Ansprache, 19.8.2005.

7 Hl. Johannes Paul II., Enz. Ut unum sint, Nr. 11.

8 Hl. Josefmaria, Loyal zur Kirche, Nr. 8.

9 Ebd., 5.

10 Vgl. Vat. Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, Nr. 65.