IN DER VERKÜNDIGUNG des Engels an Josef hat die christliche Tradition stets eine Parallele zur Verkündigung an Maria gesehen: Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. (Mt 1,20). Der heilige Patriarch war stets bereit, den Willen Gottes zu erfüllen. Diesen erkannte er vor allem aus dem Gesetz und vier besonderen Träumen.1 Dass Josef selbst im Schlaf göttliche Weisungen empfing und unverzüglich danach handelte, zeugt von seiner tiefen Verbundenheit mit Gott. Indem Josef gehorchte, ließ er sich in das große Erlösungswerk Gottes hineinnehmen.
Der Gehorsam, den Gott verlangt, ist kein blindes Befolgen. Gehorsam – vom Hören her kommend – ist die wache Bereitschaft, aufmerksam aufzunehmen, was Gott sagt, mit offenem Herzen und eigenständigem Denken. Josef war hierin ein herrliches Vorbild. Der heilige Josefmaria schreibt: „Sein Glaube wankt nicht, er gehorcht ohne Zögern (…) Sein Glaube ist aktiv und seine Fügsamkeit nicht der passive Gehorsam eines Menschen, der sich von den Ereignissen fortreißen lässt (…) Josef überließ sich rückhaltlos den Händen Gottes, ohne darauf zu verzichten, über den Sinn der Ereignisse nachzudenken. So konnte er vom Herrn jene Einsicht in die Werke Gottes erlangen, die wahre Weisheit ausmacht.“2
Seit der Begegnung mit dem greisen Simeon im Tempel bei der Darstellung des Kindes wusste Josef, dass Gottes Plan für ihn große Herausforderungen barg. So sehr ihn die Freude überwältigte, als Simeon Jesus als das Licht offenbarte, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel (Lk 2,32), so sehr traf es ihn ins Herz, als derselbe sagte, Jesus werde ein Zeichen sein, dem widersprochen wird (Lk 2, 34). Josef hört diese Worte, schweigend – und vertrauend. Er würde alles in seiner Macht Stehende tun, um das Übel möglichst gering zu halten und das Gute zu fördern.
DURCH DIE jüdische Frömmigkeit wurde Josef darin bestärkt, Gott an die erste Stelle zu setzen. Das Schma Jisrael – das gläubige Bekenntnis zu dem einen Gott, das er mindestens zweimal täglich betete: Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig (Dtn 6,4) – prägte sein Herz. Diese klare Ausrichtung auf Gott ließ den heiligen Josefmaria über ihn sagen: „Wie kein anderer vor und nach ihm hat Josef von Jesus gelernt, Seele und Herz offen zu halten und aufmerksam zu bleiben, um die Großtaten Gottes zu erkennen.“3
Kein einziges Wort Josefs ist im Evangelium überliefert. Doch sein Schweigen ist voller Sinn und seine Taten sprechen für sich. Sie sind Ausdruck seines tiefen und intelligenten Gehorsams und seines inneren Dialogs mit Gott. Papst Benedikt betonte: „Das Schweigen des heiligen Josef zeugt nicht von innerer Leere, sondern im Gegenteil von der Fülle des Glaubens, den er in seinem Herzen trug und der all seine Gedanken und Handlungen leitete.“4
Gerade diese Haltung des stillen Hörens sowie der Wachsamkeit und Offenheit für Gottes Pläne ermöglichte es Gott, den Lebenslauf dieses Mannes durch vier Träume zu lenken. Dadurch konnte Josef seine Frau und seinen Sohn vor Gefahren bewahren und sie an sichere Orte führen. Möge Gottes Stimme und sein Wille auch jederzeit in unser Leben eintreten und uns den Weg weisen können.
IM NEUEN Testament finden wir zwei Sätze, die Jesu Leben charakterisieren. Der eine stammt von Paulus: Er war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,8); der andere von Lukas: Jesus kehrte mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam (Lk 2,51). Beide Passagen zeigen eindrücklich, dass Jesus seinen Heilsplan im Gehorsam verwirklichte – aus Liebe zu Gott, seinem Vater, und zum Wohlgefallen seiner irdischen Familie.
Die Familie ist der Ort, an dem wir lernen, auf andere zu hören, unseren Platz einzunehmen und Verantwortung zu tragen – eingebettet in die Pläne Gottes. In einer gesunden Familie erfahren wir, was es heißt, füreinander da zu sein, einander zu dienen und das gemeinsame Wohl anzustreben. Jesus lernte den Gehorsam in Nazaret – an der Seite eines Mannes, der selbst aus dem Glauben heraus gehorchte. Jesus hörte auf Josef. Josef hörte auf Gott. So entstand das innige Miteinander der Heiligen Familie, das Papst Franziskus so schildert: „Die drei Mitglieder dieser Familie halfen sich gegenseitig, den Plan Gottes zu entdecken. Sie beteten, arbeiteten und kommunizierten miteinander.“5
Der heilige Josefmaria beschreibt den Glauben des heiligen Josef als „vorbehaltlos, vertrauensvoll und bezeugt durch eine wirksame Hingabe an den Willen Gottes im bewusst gelebten Gehorsam“6. Einen solchen Glauben erbitten wir auch für uns: einen Glauben, der hört, der denkt, der leidet – samt dem Wunsch, ihn zu verwirklichen und darin Glück und Segen zu erfahren.
1 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris Corde, Einleitung. In den vier Träumen vernimmt er, er solle keine Angst haben, Maria zur Frau zu nehmen; er solle nach Ägypten fliehen, um das Leben Jesu zu retten; er solle nach Israel zurückkehren; er solle nach Nazaret gehen, um das Kind vor dem König von Judäa zu schützen.
2 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 42.
3 Ebd., Nr. 54.
4 Benedikt XVI., Angelus-Gebet, 18.12.2015.
5 Franziskus, Angelus-Gebet, 29.12.2019.
6 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 42.

