WIE AN JEDEM SABBAT begibt sich eine Frau, deren Namen wir nicht kennen, in die Synagoge. Sie war ganz verkrümmt und konnte nicht mehr aufrecht gehen (Lk 13,11). Seit achtzehn Jahren litt sie an diesem Gebrechen. An diesem Sabbat ist auch Jesus anwesend. Sein Blick fällt auf die gebeugte Frau. Er ruft sie zu sich und sagt: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Dann legt er ihr die Hände auf, und im selben Augenblick richtet sie sich auf (vgl. Lk 13,12–13).
Die Heilung kommt völlig unerwartet. Die Frau hatte Jesus nicht darum gebeten, ja, sie hatte nicht einmal versucht, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Doch Jesus sieht sie und erkennt ihre Not. Er wartet nicht darauf, dass sie ihn um Hilfe bittet, sondern geht selbst auf sie zu und befreit sie von ihrem Leiden.
So zeigt uns Jesus, dass Gottes Antwort auf das Leid der Menschen sein Erbarmen ist. Er bleibt nicht unberührt von unserem Schmerz; selbst unsere kleinsten Sorgen gehen ihm nahe. Christus hat das menschliche Leid am eigenen Leib erfahren. Papst Franziskus erinnert daran: „Er hat jede erdenkliche Art des Leids kennengelernt, sei es moralischer oder physischer Art: Er hat Hunger, Erschöpfung und die Bitterkeit des Unverständnisses erfahren, er ist verraten und verlassen, gegeißelt und gekreuzigt worden.“1
Die Geschichte der gebeugten Frau spricht deshalb auch zu uns: Wo immer ein Mensch leidet, darf er auf die Nähe Christi vertrauen. Er sieht unsere Not, noch bevor wir sie in Worte fassen können.
DIE KRANKHEIT hinderte die Frau daran, aufrecht zu gehen und den Blick zum Himmel zu erheben. Ihre Augen blieben unwillkürlich auf den Boden gerichtet. Doch als Jesus sie von ihrem Leiden befreite, konnte sie sich wieder aufrichten. Voller Freude pries sie Gott (Lk 13,13), und das ganze Volk freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte (Lk 13,17).
Jesus selbst erklärt, dass die Frau seit achtzehn Jahren vom Satan gefesselt war (vgl. Lk 13,16). Die Kirchenväter sahen in ihr deshalb auch ein Bild für Menschen, die so sehr an irdische Dinge gebunden sind, dass sie den Blick für Gott verlieren. Einer von ihnen schrieb: „Jeder Sünder, der nur an das Irdische denkt und sich um das Himmlische gar nicht kümmert, kann seinen Blick nicht nach oben erheben. Denn da er seinen niedrigen Begierden folgt, verliert er die aufrechte Haltung seines Geistes von selbst – und richtet seinen Blick stets nur auf das, woran sein Denken unablässig geheftet ist.“2
Auch wir können uns durch unsere Fehler und Schwächen wie gefesselt fühlen. Doch gerade dann dürfen wir uns vertrauensvoll an Gott wenden. Der heilige Josefmaria ermutigte: „Seid nicht bestürzt, euch so zu sehen, wie ihr seid – aus Lehm. Seid unbesorgt: Du und ich, wir sind Kinder Gottes (...). Wir, die wir auf besondere Weise Gott gehören und trotz unseres persönlichen Elends seine Werkzeuge sind, werden wirksam sein, wenn wir die Demut und das Bewusstsein unserer Schwäche nicht verlieren.“3 Unsere Schwächen müssen uns also nicht von Gott entfernen. Wenn wir sie demütig anerkennen und auf seine Hilfe vertrauen, können sie uns sogar näher zu ihm führen. Christus schenkt uns die Freiheit, den Blick wieder nach oben zu richten.
SO WIE die gebeugte Frau unter ihrer Krankheit litt, so leidet der Mensch unter der Knechtschaft der Sünde. Sie bewirkt, wie der heilige Johannes Paul II. sagte, „dass der Mensch sich seinem eigenen Selbst und seinem Inneren gegenüber entfremdet.“4 Jesus erklärt: Amen, amen, ich sage euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. Wenn euch der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei (Joh 8,34.36).
Gott hat uns als freie Menschen geschaffen, fähig, das Gute zu wählen, aber auch, uns von ihm abzuwenden. Der heilige Josefmaria sprach vom „hohen Risiko der menschlichen Freiheit“5, das Gott bei der Erschaffung des Menschen eingegangen ist. Durch die Erbsünde wurde diese Freiheit geschwächt, und jede persönliche Sünde schränkt sie weiter ein. Deshalb bedeutet Sünde, wie der Prälat des Opus Dei schreibt, „immer, mehr oder weniger, eine Versklavung (vgl. Röm 6,17-20).“6
Doch Gott achtet unsere Freiheit und hilft uns, sie wiederzugewinnen. Er will „keine Sklaven, sondern Kinder“7, wie der heilige Josefmaria betonte. Deshalb dürfen wir jederzeit zu ihm zurückkehren und auf seine Vergebung vertrauen. „Wie befreiend ist die Vergebung Gottes, der uns zu uns selbst und zu unserem wahren Vaterhaus zurückfinden lässt“8, schreibt der Prälat des Werkes. Dort erwartet uns auch Maria, die Mutter des Erlösers, und hilft uns, alles hinter uns zu lassen, was uns von ihrem Sohn trennt.
1 Franziskus, Ansprache, 17.5.2014.
2 Hl. Gregor der Große, Homilien zu den Evangelien, Nr. 29.
3 Hl. Josefmaria, Brief 2, Nr. 20.
4 Hl. Johannes Paul II., Audienz, 3.8.1988.
5 Hl. Josefmaria, Brief 24.10.1965, Nr. 3.
6 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 9.1.2018, Nr. 2.
7 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 129.
8 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 9.1.2018, Nr. 4.

