UND DAS Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut (Joh 1,14). Am Hochfest der Verkündigung des Herrn jubeln wir über das große Erbarmen, das Gott uns erwiesen hat, indem er in unsere Welt gekommen ist. Wir feiern Jesus von Nazaret – wahrer Gott und wahrer Mensch; wir feiern Maria, die heilige Jungfrau, die zur Mutter des Herrn geworden ist; und wir feiern die ganze Menschheit – auch uns selbst. Denn die Menschwerdung des Wortes bedeutet auch, dass unserer menschlichen Natur eine hohe Würde innewohnt, die durch das Wirken der Gnade noch erhöht werden kann.
„Ich sehe dich als perfectus Deus, perfectus homo, ganz Gott, aber auch ganz Mensch, aus Fleisch und Blut, wie ich“, betete der heilige Josefmaria voller Staunen. „Er entäußerte sich, nahm Knechtsgestalt an (Phil 2,7), damit ich niemals daran zweifle, dass er mich versteht und mich liebt.“1 Die Menschwerdung Christi – eine Glaubenswahrheit und zugleich ein historisches Ereignis – ist eine unerschöpfliche Quelle des Friedens für unsere Seelen. Papst Franziskus erklärte: „Gott wurde gebrechlich, um unsere Gebrechlichkeit hautnah zu berühren.“2
Zu Beginn der Heiligen Messe bitten wir Gott heute in kühner Hoffnung: „Gläubig bekennen wir, dass unser Erlöser wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Mache uns würdig, Anteil zu erhalten an seinem göttlichen Leben.“3 Das Geheimnis der Menschwerdung offenbart, dass unser Dasein eine Dimension besitzt, die über das an sich schon gute rein Menschliche hinausgeht: Wir sind fähig, ein übernatürliches Leben zu führen, über das Vergängliche hinaus zu blicken, mit einer Kraft zu lieben, die von Gott kommt, durch Christus, der uns in allem gleich geworden ist, außer in der Sünde.
SEI GEGRÜßT, du Begnadete, der Herr ist mit dir (Lk 1,28). Maria spürte die Nähe Gottes wohl schon von Beginn ihres Lebens an. Im Augenblick der Menschwerdung wurde diese Nähe noch intensiver. Und die Jahre, die sie mit Jesus in Nazaret verbrachte, konnte sie sie auf einzigartige Weise erfahren, in den einfachsten und alltäglichsten Dingen. Auch später, als ihr Sohn sein öffentliches Wirken begann, war sie häufig an seiner Seite.
Zweifellos ist die Erfahrung Marias einzigartig und unwiederholbar: Niemand war Jesus so nahe wie sie. Und doch können auch wir diese Nähe erfahren – wenn auch nicht mit den Augen des Leibes, so doch mit den Augen des Glaubens. Die Betrachtung des Evangeliums ist ein hervorragender Weg, uns der Menschheit des Herrn, die Maria so gut kannte, zu nähern. Dabei, so sagte der heilige Josefmaria, geht es nicht darum, über die Seiten der Schrift zu eilen „wie Wasser, das durchfließt,“4 sondern das Leben Jesu mit dem liebevollen Blick seiner Mutter zu betrachten: „Denn wir müssen sein Leben gut kennen, es ganz im Kopf und im Herzen tragen, damit wir es in jedem Augenblick ohne Hilfe eines Buches mit geschlossenen Augen vor unserem inneren Blick wie einen Film vorüberziehen lassen können. Die Worte und Taten des Herrn werden uns auf diese Weise in den verschiedenen Situationen unseres Lebens begleiten.“5
Der Katechismus beschreibt die Wandlung, die wir durchmachen, wenn wir auf diese Weise das Leben des Messias betrachten, folgendermaßen: „Die ,Beschauung‘ ist gläubiges Hinschauen auf Jesus. ,Ich schaue ihn an, und er schaut mich an‘, sagte ein Bauer von Ars, der vor dem Tabernakel betete, zu seinem heiligen Pfarrer. (...) Das Licht seines Antlitzes erleuchtet die Augen unseres Herzens und lässt uns alles im Licht seiner Wahrheit und seines Mitleids mit allen Menschen sehen.“6 Wie Verliebten genügt auch uns ein einziger Blick, um uns der großen und treuen Liebe bewusst zu werden, die unser Leben umgibt.
IN DIESEN MOMENTEN der vertrauensvollen Beschauung unseres Herrn können wir Gesten und Worte von ihm aufnehmen, die uns dann im Alltag zur Inspiration und Orientierung werden. Die Art und Weise, wie Christus die göttliche und die menschliche Liebe miteinander verband, hilft uns, unserem eigenen christlichen Leben eine zutiefst menschliche Note zu geben. Der heilige Josefmaria sagte gerne: „Um göttlich zu sein, um vergöttlicht zu werden, müssen wir zuerst ganz menschlich sein.“7 Das heutige Fest erinnert uns daran, dass Gott ein sehr menschlicher Gott ist – denken wir nur an Jesu feinfühligen Umgang mit allen Menschen, an seine Nähe zu den Ausgegrenzten, an seine Sorge um seine Jünger. Er gibt sich sogar leiblich hin: mit seiner Stimme, mit seinen Händen, die heilten und segneten, mit seinen Armen, die sich öffneten, um das Kreuz zu umarmen. Er entwirft keine bloße Theorien, sondern ging ans Werk. Die Betrachtung Jesu, des wahren Menschen, nährt so nicht nur unser Gebet, sondern auch unsere christliche Sendung zum Dienst.
Benedikt XVI. betonte: „Diese Vorgehensweise Gottes ist ein starker Ansporn, über den Realismus unseres Glaubens nachzudenken, der nicht auf die Sphäre des Gefühls, der Emotionen beschränkt sein darf, sondern in unser konkretes Dasein eintreten, das heißt unser tägliches Leben berühren und es auch praktisch ausrichten muss.“8 Das Opfer, das Jesus dem Vater darbringt, ist sein ganzes Leben – eine Selbsthingabe, die jede Sekunde seines Erdenlebens umfasst. Diese Haltung begegnet uns bereits in Maria, die mit ihrem fiat, mir geschehe, am Tag der Verkündigung beschloss, so Worte von Papst Franziskus, „auf die Verheißungen Gottes zu vertrauen, die einzige Kraft, die in der Lage ist, alles zu erneuern“9.
1 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 201.
2 Franziskus, Angelus-Gebet, 3.1.2021.
3 Römisches Messbuch, Hochfest der Verkündigung des Herrn, Tagesgebet.
4 Hl. Josefmaria, Beisammensein, 2. Januar 1971.
5 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 107.
6 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2715.
7 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 172.
8 Benedikt XVI., Audienz, 9.1.2013.
9 Franziskus, Ansprache, 26.1.2019.

