WÄHREND die Apostel ihre ersten missionarischen Erfahrungen sammeln, die Umkehr verkünden und Zeugnis für die Wahrheit ablegen (vgl. Mk 6,12), dringt der Ruf Jesu bis in die höchsten Kreise vor. Auch König Herodes Antipas hört von ihm – und wird dabei unweigerlich an Johannes den Täufer erinnert: an dessen Stimme, an dessen unbequeme Wahrheit, an dessen Tod. Der Katechismus der Katholischen Kirche bezeichnet das Martyrium als „das erhabenste Zeugnis für die Wahrheit des Glaubens“ – ein Zeugnis bis zum Tod.1
Die Evangelien berichten mit nüchterner Klarheit von den Umständen des Martyriums des Johannes. Er wird während eines Geburtstagsbanketts des Herodes in einem seiner Paläste enthauptet. Durch seine kompromisslosen Predigten war er mit der politischen Macht in Konflikt geraten. Herodes hörte ihm zwar gern zu, ließ ihn aber dennoch gefangen setzen. Der Täufer hatte ihn öffentlich ermahnt: Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zur Frau zu haben (Mk 6,18). Der eigentliche Hass ging jedoch von Herodias aus, die diese Wahrheit nicht ertragen konnte.
Die Suche nach der Wahrheit bleibt nie folgenlos. Sie fordert heraus und rührt an das Innerste des Menschen. Papst Franziskus beschreibt Wahrheit nicht als abstrakten Begriff, sondern als Halt – als das, worauf man sich stützen kann, um nicht zu fallen. In diesem Sinn ist Wahrheit letztlich personal: „der lebendige Gott“2. Diese Wahrheit hat einen bestimmten Namen. Jesus Christus sagt von sich: Ich bin die Wahrheit (Joh 14,6). Herodes opfert diese Wahrheit dem eigenen Vorteil. Wie später Pilatus weicht er der Verantwortung aus. Obwohl er Johannes schätzte, ließ er sich von Angst, Eitelkeit und äußeren Zwängen leiten. Während der Täufer innerlich frei war, war der König innerlich gefangen – unfähig, sich für das Gute zu entscheiden.
DAS MARTYRIUM des Johannes ereignet sich in einer Atmosphäre moralischer Leere: ein Bankett, ein Tanz, ein unbedachter Schwur, persönliche Rachsucht – und eine brutale Entscheidung. Die Klarheit und Treue des Täufers stehen in scharfem Kontrast zur Oberflächlichkeit seiner Umgebung. Herodes verpasst eine entscheidende Gelegenheit. Zwei Jahre später wiederholt sich die Szene auf tragische Weise. Am Morgen des Karfreitags begegnet Herodes Jesus selbst. Er freut sich, ihn zu sehen, weil er schon viel von ihm gehört hatte (Lk 23,8), und hofft auf ein Wunder, auf ein Schauspiel (vgl. Lk 23,8). Doch sein Herz bleibt verschlossen. Jesus Christus, der allen Menschen mit Barmherzigkeit begegnet, schweigt. Herodes hört kein Wort aus dem Mund des Heilands.3
Johannes ließ er enthaupten; mit Jesus trieb er seinen Spott, ließ ihm ein Prunkgewand umhängen und schickte ihn so zu Pilatus zurück (Lk 23,11). Hinter Herodes‘ Fassade der Macht treten innere Leere, mangelnde Selbstbeherrschung und eine Blindheit für das Göttliche zutage. Jesus lässt sich nur mit reinen Augen erkennen – mit einem offenen, für Gott empfänglichen Herzen. Der heilige Josefmaria formulierte es so: „Unser Herz ist für die Liebe geschaffen. Und wenn man ihm einen reinen und edlen Gegenstand für diese Liebe versagt, dann rächt es sich und füllt sich an mit Elend.“4 Ungezügelte Begierde ebenso wie gefühllose Härte, sentimentaler Überschwang ebenso wie innere Kälte – all das ist der wahren Gottesliebe und einem reinen Leben fern.
JOHANNES hingegen hatte sein Leben längst aus der richtigen Perspektive gesehen. Er muss wachsen, ich aber geringer werden (Joh 3,29-30) – das war seine Devise. Seine Sendung war erfüllt: Er hatte auf das Lamm Gottes hingewiesen und trat nun zurück. Diese Demut und Entschlossenheit befähigten ihn, sein Martyrium anzunehmen – und dem Opfertod Jesu noch zuvorzukommen. Der heilige Beda der Ehrwürdige bemerkt treffend: „Da er sein Blut für die Wahrheit vergossen hat, hat er es für Christus vergossen.“5
Der frühchristliche Schriftsteller Origenes hebt hervor, Johannes habe Herodes „mit der inneren Freiheit eines Propheten“ zurechtgewiesen. „Wegen dieser Kühnheit wurde er eingesperrt, doch er fürchtete weder den Tod noch den ungewissen Ausgang seines Prozesses. Selbst in Ketten waren seine Gedanken auf Christus gerichtet, den er verkündet hatte.“6 Der heilige Josefmaria bewunderte diese Haltung und machte sie zu seinem persönlichen Leitwort: „Mich verbergen und verschwinden ist das Meine. Nur Jesus soll glänzen.“7 Diese selbstlose Ausrichtung auf Christus machte Johannes fähig zum höchsten Zeugnis.
Martyrium ist dabei nicht nur eine historische Kategorie. Benedikt XVI. sprach vom „Martyrium der täglichen Treue zum Evangelium“ – vom „Mut, Christus in uns wachsen zu lassen und unser Denken und Handeln an ihm auszurichten“8. In diesem Sinn ist jeder Christ gerufen, die Wahrheit zu leben – auch dort, wo sie Widerstand hervorruft. Maria, die Königin der Märtyrer, möge uns helfen, diese Wahrheit als lebendige Begegnung mit Jesus zu suchen und ihr treu zu bleiben.
1 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2473.
2 Franziskus, Botschaft zum 52. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, 2018.
3 Vgl. hl. Josefmaria, Der Kreuzweg, 1, Nr. 3.
4 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 183.
5 Hl. Beda, Homilie 23, Buch 2.
6 Origenes, Homilie 27, über Lukas 2-4.
7 Hl. Josefmaria, Brief, 28.1.1975.
8 Benedikt XVI., Audienz, 29.8.2012.

