Erzbischof Romeros letzte Stunden auf Erden

Erzbischof Oscar Romero wird am 23. Mai 2015 in San Salvador seliggesprochen. Romero war von 1977 bis 1980 Erzbischof von San Salvador. Am 24. März 1980 wurde er in San Salvador erschossen, während er die Heilige Messe feierte. Aus Anlass der Seligsprechung dieses Märtyrers bringen wir einen Artikel des Priesters Fernando Sáenz. Er hatte die letzten Stunden vor Bischof Romeros Ermordung mit ihm gemeinsam verbracht.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, eine einzelne Begebenheit mehr als viele Vorträge. Obwohl ich nicht genau weiß, wie ich meine Erinnerungen an Erzbischof Romero angemessen zu Papier bringen kann, können einige Details des letzten Tages auf Erden ein beredtes Zeugnis geben für seine großartige Persönlichkeit – zugleich wissend, dass diese Worte bei weitem seine Persönlichkeit nicht erschöpfend darstellen.

In El Salvador organisierte die Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz jeden Monat Treffen für Priester. Erzbischof Romero nahm häufig daran teil. Damals war ich Vikar der Delegation des Opus Dei in El Salvador, bis zu meiner späteren Ernennung zum Weihbischof von Santa Ana durch den Heiligen Vater.

Am 24. März 1980 holte ich um 10.30 Uhr Erzbischof Romero vom Erzbischöflichen Büro ab, das damals im jetzigen kleinen Seminar angesiedelt war. Noch bevor wir abfuhren, schlug er vor, dass wir dieses Treffen als Gelegenheit nützen können, gemeinsam ein Dokument über die Ausbildung von Seminaristen zu studieren.

Wir fuhren mit dem Auto zur Playa San Diego, wo ein Haus für die Treffen mit den Priestern zur Verfügung gestellt wurde. Aufgrund eines Missverständnisses war es allerdings noch zugesperrt, als wir ankamen.

Die Priester setzten sich einstweilen im kleinen Garten auf die Wiese. Unter den schattigen Palmen lasen und besprachen wir dann das Dokument, das Erzbischof Romero mitgebracht hatte.

Danach breiteten wir ein Tischtuch am Boden aus, aßen und plauderten miteinander. Schließlich kam doch noch der Hausmeister, entschuldigte sich für das Missverständnis, und brachte uns einige Stühle, für die wir uns bedankten.

Wir setzten unser Beisammensein fort, und ich erinnere mich unter anderem daran, dass Erzbischof Romero den Pfarrer des Doms in San Salvador darauf hinwies, dass die alten und historisch sehr wertvollen liturgischen Gewänder des Doms gefährdet seien, da immer wieder Einheiten der Guerilla brutal in die Kathedrale eindrangen. Er schlug ihm vor, sie anderswo sicherer zu verwahren, solange die Unruhen im Land andauern sollten.

Erzbischof Romero, den viele vor allem wegen seiner mutigen, wöchentlichen Ansprachen (nach der Sonntagspredigt) zu den dramatischen Ereignissen kannten, die damals das Land erschütterten, war ein einfacher und guter Bischof.

Sein Frömmigkeitsleben zeigte sich sowohl im geistlichen Reichtum seiner Sonntagspredigten, als auch in der materiellen Sorge um Messgewänder und liturgische Gefäße, die für den Gottesdienst bestimmt waren.

Ich erinnere mich auch daran, dass Erzbischof Romero bei unserer kurzen Zusammenkunft mit dem Pfarrer von San Jose de Guayabel über die Möglichkeit sprach, Mais und Bohnen auf dessen Pfarrgebiet anzubauen, damit die Seminaristen etwas zu essen hätten.

Im Gespräch mit den Priestern wurden noch viele Themen angesprochen, auch der selige Pater Miguel Pro und die „Cristeros" (Anm. katholische Untergrundkämpfer) in Mexiko.

Gegen 15.00 Uhr endete unser Treffen. Erzbischof Romero wollte direkt in die Stadt zurückkehren, da er noch einen Termin hätte. Gegen 15.30 oder 16.00 Uhr setzte ich ihn beim Krankenhaus zur Göttlichen Vorsehung ab.

Wenig später wurde er während der Gabenbereitung der Hl. Messe mit einer Sprengpatrone erschossen.

Immer wenn ich an diesen Tag zurückdenke, kommen mir diese weniger bekannten Tugenden des Erzbischofs in den Sinn: seine Sorge um die Priester, seine aufrichtige Frömmigkeit, seine Einfachheit.

Ich hatte oft die Gelegenheit diese Qualitäten an ihm zu beobachten - gerade auch bei dieser letzten Begegnung, als niemand ahnen konnte, dass er unmittelbar danach sterben würde.


Veröffentlicht in El Adelanto Bañezano, August 1995


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