Das Kerngeschäft der Familie: Die Liebe lernen, um Liebe zu geben

Wie beginnt die Geschichte einer großen Familie mit sechs Kindern? Kristin und Emilio fanden sich bereit, ihre Erfahrungen im „Jahr der Familie 2021“ mitzuteilen. Dass unsere Gesellschaft aus Familien besteht und von diesen lebt, hat sich im Corona-Jahr besonders deutlich gezeigt. Und noch eins wird deutlich: Die Liebe in den Familien hält die Gesellschaft zusammen.

Persönliche Zeugnisse
Opus Dei - Das Kerngeschäft der Familie: Die Liebe lernen, um Liebe zu geben

„Eigentlich war der entscheidende Punkt in unserem Leben, dass wir beide nach jemandem gesucht haben“, so beginnt Kristin, wenn sie die persönliche Geschichte ihrer Ehe mit Emilio erzählt. Inzwischen sind sie nicht mehr zu zweit, sondern eine 8-köpfige Familie. Am Anfang war für beide das Wichtigste, dass der zukünftige Partner den christlichen Glauben hatte. „Wir hatten uns beide, räumlich weit getrennt, auf einer Website eingetragen, wo man katholische Partner finden konnte. Das geschah damals fast gleichzeitig. Und so sind wir uns zum ersten Mal digital begegnet. Wir haben uns dann geschrieben. Er hatte mir da schon anvertraut: „Ich bete jeden Tag, auch den Rosenkranz…“ Dann haben wir entdeckt, dass wir sogar gemeinsame Bekannte hatten, obwohl er aus Spanien schrieb und ich in Köln war. „Das ist schon mal super“, habe ich gedacht. Dann hat Emilio gesagt: „Ich komme einmal nach Deutschland, um Dich zu besuchen.“

Mit diesem traumhaften Paar hatten wir Gelegenheit, im Jahr der Familie über die Prioritäten im Leben einer großen Familie zu sprechen.

Warum braucht der Mensch eigentlich die Familie?

Emilio: Das hat etwas mit Liebe zu tun. Der Mensch unterscheidet sich von den Tieren, weil er eine Verbindung mit Gott haben kann und weil er lieben kann. Die beste Umgebung, in der wir das im ursprünglichen Sinn spüren können, ist die Familie.

Kristin: Ja, genau. Und in einer gesunden Familie lernt man auch alles, was dazu nötig ist: Den Umgang miteinander, die Liebe an sich, aber auch die Fähigkeit, die Liebe weiterzugeben, oder auch: die Liebe überhaupt zu begreifen. Das lernt man alles in der Familie. Und wo soll man das außerhalb der Familie lernen können?

Ihr habt sechs Kinder… Emilio arbeitet full time . Die Omas und Opas sind weit weg. Wie kann man dabei den inneren Frieden und die Ruhe bewahren?

Emilio: Wir sollten nicht vergessen, dass wir die Dinge in Freiheit machen, und dass alles geschieht, weil es wirklich einen Sinn hat, in sich gut ist und vor Gottes Augen geschieht. Das hilft mir, den inneren Frieden zu bewahren. Genau diese Wahrnehmung, dieses Verständnis für die Personen und die Dinge, die zu tun sind, gibt uns den inneren Frieden. Aber eigentlich nicht dadurch, dass wir uns freie Tage ohne Kinder nehmen…

Kristin: Die gibt es nicht... (beide lachen!)

Emilio: Auch abends haben wir eigentlich keine Ruhe. Aber trotzdem haben wir inneren Frieden. Vielleicht ist der Grund dafür, dass wir glücklich sind über das, was wir von Gott erhalten haben, und auch, weil wir frei dafür waren und uns entschieden haben, dass Kinder kommen durften.

Emilio und Kristin: wichtig ist beides - das Eheleben und das Familienleben mit den Kindern

Ist die Arbeitsteilung im Haushalt wirklich so wichtig und grundlegend, wie es manchmal heißt?

Kristin: Es ist eigentlich sehr grundlegend. Alleine würde ich das Familienmanagement und den Haushalt, glaube ich, nicht so hinbekommen. Oder vielleicht würde ich das hinbekommen, aber dann würde ich keine Freizeit mehr haben, in der ich mich einfach einmal hinsetzen kann. Also, es ist schon wichtig, dass man tagein tagaus die Kräfte ein bisschen aufteilt. Ohne Emilio kann ich mir das alles jedoch nicht vorstellen.

Emilio: Wir sind ein Team. Wir beide stützen einander. Wenn einer in der Familie alles alleine machen würde, wäre das Unrecht, und diese Person würde schnell bis zur Erschöpfung beansprucht. Der Haushalt, die Erziehung der Kinder, das Familienmanagement – sind gleichermaßen die Aufgaben von beiden, sind die solidarische Rolle der Eltern.

Kristin: Familie ist ein Job von 24 Stunden. Man ist Tag und Nacht für die Familie, für die Kinder da. Deswegen kann man nicht sagen: „Ich komme von der Arbeit nach Hause und das war es an Arbeit für den heutigen Tag. So funktioniert das nicht.“

Emilio: Und jetzt… (lacht) mit Homeoffice ist alles noch viel „einfacher“. Ich bin immer dabei, wenn in Beruf und Familie etwas los ist.

Heutzutage, besonders im katholischen Kontext, in dem Jahr, das auch dem heiligen Josef gewidmet ist, sprechen wir oft über die Bedeutung der Rolle des Vaters. Wie sieht bei euch die Rolle des Vaters im Familienalltag aus ?

Emilio: Ich muss natürlich beruflich arbeiten… Und ich sehe, dass die Kinder meine Liebe als Vater benötigen, die ich ihnen gebe. Aber dies geschieht auf eine andere Art und Weise, als die der Mutter - halt auf eine männliche Art und Weise. Und so lernen die Kinder, vom Vater und von der Mutter, zwei verschiedene Arten des Umgangs mit der Welt.

Kristin: Du verkörperst auch wirklich einen Vater. Und bei uns ist es so, dass der Vater strenger ist als die Mutter. Für die Kinder ist das gut. Ich habe einen anderen Blickwinkel: einerseits darauf, wie die Dinge passieren, was sie bedeuten, was die Kinder vielleicht dabei fühlen und was sie wirklich von den Eltern brauchen. Ich sehe einiges vielleicht auch ein bisschen anders als der Vater.

Emilio (sagt das lachend): Die Mutter gibt den Kindern mehr Chancen, sich bei vielem einzubringen. Aber meine Rolle als Vater ist nicht, etwas grundlegend anders zu machen… Ich mache die gleichen Sachen wie Kristin: Kinder baden, von A nach B transportieren, die Mahlzeiten vorbereiten, die Kinder zu Bett bringen… Wir haben eigentlich keine Aufgabenteilung bei den gewöhnlichen Tätigkeiten. Jeder von uns macht, was gemacht werden soll. Aber es gibt doch einen Unterschied in der Art und Weise, wie wir die gleichen Dinge tun. Auch unser Verhältnis zu den einzelnen Kindern ist unterschiedlich, und die Kinder spüren das. Jedes Kind benötigt ein Verhältnis zur Mutter und eines zum Vater.

Quality time: was denkt mein Sohn; was denkt mein Vater?

Kristin: Wir merken, dass die Kinder tatsächlich „beide Seiten“ brauchen.

Habt ihr in all diesen Jahren, in denen Ihr verheiratet seid, vielleicht eine Liste von „Regeln“ herausgefunden, nach denen man das Ehe- und Familienleben führen kann, damit es gut funktioniert?

Kristin: Ich denke, dass eine ganz wichtige Regel darin besteht, damit alles überhaupt gut funktionieren kann, dass es ein Eheleben gibt und dass es auch das Familienleben mit den Kindern gibt. Wichtig ist, dass die Eltern vor den Kindern die gleiche Meinung haben. Die Kinder müssen diesen Wunsch der Eltern merken, damit sie es selbst nicht gut finden, die Eltern gegeneinander auszuspielen. Ein zweiter Punkt ist sicherlich, konsequent mit den Kindern zu sein, so dass allen klar ist, was jetzt gilt. Natürlich ist es für uns Eltern auch wichtig, dass wir warten können, wenn wir untereinander etwas diskutieren möchten. Das machen wir schon in aller Regel nicht in Gegenwart der Kinder, obwohl es schwierig ist, das immer so in Ruhe hinzubekommen.

Emilio: Es ist wichtig, sich auch ab und zu daran zu erinnern, dass die Kinder Liebe und Verständnis brauchen. Dafür benötigen die Eltern natürlich viel Geduld, um etwa hinzuhören. Und der Glaube ist auch hilfreich, um die Kinder im Gebet vor Augen zu haben. Der Glaube ist zudem wichtig, um im äußeren Tun die innere Ruhe, den Frieden und auch die Kraft zu haben, die manchmal nötig ist, um Geduld zu bewahren.ak

Fotos (3): Volodymyr Pashkovsky