Betrachtungstext: 8. Woche im Jahreskreis – Dienstag

Jesus lädt zur Loslösung ein – Loslassen umfasst auch innere Aspekte – Gott lässt sich an Großzügigkeit nicht übertreffen

DER AUSGANG der Begegnung Jesu mit dem reichen jungen Mann dürfte den Aposteln zu schaffen gemacht haben. Das Ereignis bietet Jesus jedoch einen Anlass, ihnen die Bedeutung und den Wert der Loslösung darzulegen. Christus braucht Jünger mit leichtem Marschgepäck, die sich vom Heiligen Geist in Bewegung setzen lassen, Jünger, deren Herzen bereit sind, sich von ihm erfüllen zu lassen; denn, wie die heilige Teresa von Kalkutta sagte: „Nicht einmal Gott kann etwas in ein Herz legen, das schon voll ist.“1 Die apostolische Mission erfordert die Freiheit des Herzens.

Amen, ich sage euch, begann Jesus zu lehren, jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen. Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser und Brüder, Schwestern und Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben (Mk 10,29-30). Die Apostel wurden nachdenklich, wie sie dem Meister so zuhörten. Sie hatten in der gemeinsam verbrachten Zeit erlebt, was die Armut ihres Herrn mit sich bringt, der nicht einmal einen Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen kann (Mt 8,20). Sie konnten bezeugen, dass Gott, der reich war, arm wurde (2 Kor 8,9).

Papst Franziskus sieht in der Armut Christi seinen größten Reichtum und erklärt: „Jesus ist reich durch sein grenzenloses Vertrauen in Gott den Vater, dadurch, dass er sich in jedem Moment ihm anvertraut und dabei stets und ausschließlich seinen Willen und seine Ehre im Sinn hat. Er ist reich, wie es ein Kind ist, das sich geliebt fühlt, seine Eltern liebt und keinen Augenblick an ihrer Liebe und Zuwendung zweifelt.“ Es wurde gesagt, setzte der Heilige Vater fort, dass „es nur eine einzige wahre Traurigkeit gibt: kein Heiliger zu sein. Wir könnten auch sagen, dass es nur ein einziges wahres Elend gibt: nicht als Kinder Gottes und als Brüder und Schwestern Christi zu leben.“2


PAPST BENEDIKT charakterisierte die Heiligen einmal als „jene Männer und Frauen, die voll Freude und großzügig auf den Ruf Christi antworten und alles verlassen, um ihm nachzufolgen“3. Man könnte meinen, dass für Petrus und die Apostel dieses „alles“, das sie aufgaben, nicht viel war: ein altes Boot, ein einfaches Haus und wenig mehr. Der springende Punkt ist ein anderer. Der heilige Gregor der Große weist darauf hin: „Von vielem losgelöst hat sich, wer alles zurückgelassen hat, auch wenn es nur wenig war.“4 Dazu taten sie dies unverzüglich. Sie setzten sich nicht hin, um das Für und Wider abzuwägen, denn darauf kam es nicht an.

„Alles zu verlassen“, bedeutet in Wirklichkeit zunächst einmal eine Neuausrichtung des eigenen Inneren, der eigenen Gefühle, des Willens, der Zukunftsentscheidungen, der Pläne und Ideen. Das ist es, was zählt, was die wahre Leichtigkeit herbeiführt, um den Weg mit Gott zu gehen; und das ist es, was die ersten Jünger taten. Der heilige Petrus Damiani, Eremit, Gelehrter und Kardinal im 11. Jahrhundert, der sich für die Erneuerung der Kirche verzehrte, lehrte: „Mag jemand auch nur mehr an sich selbst gebunden sein, hat er dennoch nicht alles hinter sich gelassen. Es nützt ja auch nichts, alles andere verlassen zu haben, außer sich selbst, denn es gibt keine schwerere Last für einen Menschen als sein eigenes Ich.“5

Alles hinter sich zu lassen bedeutet, die Einladung Jesu anzunehmen, uns mehr und mehr mit seinem göttlichen Leben anzufüllen. Dazu sind wir Christen alle berufen, wie der heilige Josefmaria darlegte: „Der Anruf Gottes, das Siegel der Taufe und die Gnade bewirken, dass jeder Christ den Glauben voll und ganz verwirklichen kann und soll. Jeder Christ soll unter den Menschen alter Christus, ipse Christus (ein anderer Christus, Christus selbst) sein.“6 Diese Hingabe ist kein Verzicht auf unsere persönlichen Merkmale oder Ziele; sie bedeutet vielmehr, uns mit Gott zu erfüllen und ihm zu erlauben, jeden Aspekt unseres Lebens mit seinem Evangelium zu durchdringen.


DER LOHN, den Christus den Aposteln für ihre Hingabe in Aussicht stellt ‒ das Hundertfache und das ewige Leben ‒, übertrifft ihre kühnsten Träume. Das Buch der Weisheit hatte die Prämie bereits angekündigt: Die Weisheit gab den Heiligen den Lohn ihrer Mühen und geleitete sie auf wunderbarem Weg. Sie wurde ihnen am Tag zum Schutz und in der Nacht zum Sternenlicht (Weish 10,17).

„Dieses ,Hundertfache‘“, erklärte Papst Franziskus, „besteht aus den vorher besessenen und dann verlassenen Dingen, die jedoch ins Unendliche vervielfacht werden. Man verzichtet auf Güter und gelangt dafür in den Genuss des wahren Gutes; man befreit sich aus der Knechtschaft der Dinge und gewinnt die Freiheit zum Dienst aus Liebe; man verzichtet auf den Besitz und empfängt die Freude des Gebens. Das, was Jesus sagte: Geben ist seliger als nehmen (vgl. Apg 20,35).“ Und der Papst fährt fort: „Nur wenn wir mit demütiger Dankbarkeit die Liebe des Herrn annehmen, befreien wir uns von der Verführung durch die Götzen und von der Blindheit unserer Illusionen. Geld, Vergnügen und Erfolg blenden, enttäuschen dann aber: Sie verheißen Leben, führen jedoch zum Tod. Der Herr fordert uns auf, von diesen falschen Reichtümern Abstand zu nehmen, um in das wahre Leben einzutreten, in das volle, echte, lichtvolle Leben.7

„Und sind wir nur ein wenig großzügig“, sagte der heilige Josefmaria, „unser Herr übertrifft unsere Vorstellungen immer: Er gibt uns das Vielfache von dem, was wir ihm geben. Stets sind wir die Gewinner; es ist eine Karte, die man gut ausspielen kann.“8 Und an Maria gewandt sagte er: „Ich bitte die Mutter Gottes, sie solle und wolle uns zulächeln, und sie wird uns zulächeln. Und sie wird eure Großzügigkeit auf Erden um das Tausendfache vermehren. Nicht nur hundertfach, sondern tausendfach.9


1 Hl. Teresa von Kalkutta, in: Wo die Liebe ist, da ist Gott: Die Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta, von Brian Kolodiejchuk, Pattloch 2011.

2 Franziskus, Botschaft, 26.12.2013.

3 Benedikt XVI., Predigt, 15.10.2006.

4 Hl. Gregor der Große, Homilie 5 über das Evangelium.

5 Hl. Petrus Damiani, Sermo IX.

6 Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 58.

7 Franziskus, Angelus-Gebet, 11.10.2015.

8 Hl. Josefmaria, Notizen aus einem Familientreffen, 13.4.1974.

9 Hl. Josefmaria, Notizen aus einem Familientreffen, 19.11.1972.