Betrachtungstext: 7. Osterwoche - Mittwoch

Die Einheit der Christen durch Gebet suchen. - Die Gottesfurcht ist ein Geschenk für Kinder. - Wir verabscheuen die Sünde und öffnen uns für die Heiligkeit.

JESUS bittet den Vater am Ende seines hohepriesterlichen Gebets um die Einheit seiner Jünger: Bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir! (Joh 17,11). Es ist eine Absicht, die sich durch die Jahrhunderte hindurch gehalten hat: dass alle Christen eine Einheit bilden.

Die Einheit ist in erster Linie ein Geschenk, sie ist eine Gnade, die man im Gebet erbitten muss. Jeder von uns braucht dies. Denn wir merken, dass wir nicht einmal in der Lage sind, die Einheit in uns selbst zu bewahren. Auch der Apostel Paulus spürte in sich einen zerreißenden Konflikt: das Gute zu wollen und zum Bösen zu neigen (vgl. Röm 7,19). So hat er verstanden, dass die Wurzel so vieler Spaltungen, die es in unserem Umfeld gibt – unter Menschen, in der Familie, in der Gesellschaft, unter den Völkern und auch unter den Gläubigen –, in uns selbst liegt. Wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, »hängen die Störungen des Gleichgewichts, an denen die moderne Welt leidet, mit jener tiefer liegenden Störung des Gleichgewichts zusammen, die im Herzen des Menschen ihren Ursprung hat. Denn im Menschen selbst sind viele widersprüchliche Elemente gegeben. […] So leidet er an einer inneren Zwiespältigkeit, und daraus entstehen viele und schwere Zerwürfnisse auch in der Gesellschaft« (Gaudium et spes, 10). Die Lösung für die Spaltungen besteht also nicht darin, sich gegeneinander zu stellen, denn Zwietracht erzeugt weitere Zwietracht. Das wahre Heilmittel beginnt damit, Gott um Frieden, Versöhnung, Einheit zu bitten1.

Gerade weil die Suche nach der vollen Einheit eine Glaubensgegenüberstellung zwischen Gläubigen verlangt, die sich auf den einen Herrn berufen, ist das Gebet die Quelle der Erleuchtung über die Wahrheit, die als ganze angenommen werden muß. Durch das Gebet erstreckt sich zudem die Suche nach der Einheit, die ja nicht auf einen Kreis von Spezialisten beschränkt ist, auf jeden Getauften. Unabhängig von ihrer Rolle in der Kirche und von ihrer kulturellen Bildung können alle in einer geheimnisvollen, tiefgründigen Dimension einen aktiven Beitrag leisten2.

JESUS SETZT das Gebet zu seinem Vater in den letzten Augenblicken vor seiner Passion fort: Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt (Joh 17,17-18). Es ermutigt uns, und es erfüllt uns auch mit Verantwortung, dass Jesus die Heiligkeit seiner Jünger fordert und sie zur Grundlage für den Auftrag macht, den er ihnen erteilt. Und er hat es nicht dabei belassen: Nach der Auferstehung hat er den Heiligen Geist gesandt, um sie mit seinen Gaben und Früchten zu erfüllen. Paulus erklärt den Galatern: Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn (Gal 4,6-7). Wir sind Kinder Gottes und dazu berufen, Heilige zu sein. In diesem Kontext der göttlichen Abstammung verstehen wir die Bedeutung der "Gottesfurcht", einer Gabe des Heiligen Geistes, die in den Psalmen angekündigt wird: Die Furcht des HERRN ist lauter, sie besteht für immer, (19,10), der Anfang der Weisheit (111,10). Der heilige Josefmaria schrieb, dass die Gottesfurcht die Verehrung des Sohnes für seinen Vater bedeutet; aber keine sklavische Furcht, denn dein Vater Gott ist kein Tyrann3.

Die Gottesfurcht als vertrauensvolle Hingabe an die Güte eines Vaters, der reich an Barmherzigkeit ist, bringt neue Perspektiven in unseren geistlichen Kampf. Sie erinnert uns daran, wie klein wir sind vor Gott und vor seiner Liebe, und dass unser Wohl darin besteht, uns mit Demut, mit Hochachtung und mit Vertrauen in seine Hände hinzugeben. (...) In diesem Sinne verstehen wir also gut, dass die Gottesfurcht in uns die Form der Fügsamkeit, der Dankbarkeit und des Lobpreises annimmt und unser Herz mit Hoffnung erfüllt. Denn oft können wir den Plan Gottes nicht begreifen und merken, dass wir nicht in der Lage sind, uns selbst unser Glück und das ewige Leben zuzusichern. Gerade in der Erfahrung unserer Grenzen und unserer Armseligkeit jedoch tröstet uns der Heilige Geist und lässt uns spüren, was allein wichtig ist: uns von Jesus in die Arme seines Vaters führen zu lassen4. Die Gottesfurcht macht uns die Grenzen bewusst, die wir als Geschöpfe haben, dass es etwas Großes gibt, das wir verpassen können. Die heilige Furcht vor Gott gibt uns eine gewisse Unzufriedenheit, die uns dazu bringt, auf diesen Gott zu achten, der immer wieder an uns vorbeigeht.

UND ICH HEILIGE mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind (Joh 17,19). In Anlehnung an Jesus spricht der heilige Josefmaria von der Aufgabe, uns zu heiligen; heilig zu werden, um andere zu heiligen5. In diesem Bewusstsein des Vorrangs der Gnade können wir den Heiligen Geist bitten, uns mit Gottesfurcht zu erfüllen, damit wir demütiger und fügsamer gegenüber seinen Eingebungen werden: Er öffnet die Herzen. Ein offenes Herz, damit die Vergebung, die Barmherzigkeit, die Güte, die Liebkosung des Vaters zu uns kommen, denn wir sind unendlich geliebte Kinder. Wenn wir von der Gottesfurcht durchdrungen sind, dann werden wir dahin geführt, dem Herrn mit Demut, Fügsamkeit und Gehorsam nachzufolgen6.

Wir sind Kinder Gottes und haben den Auftrag, die Welt mit Gott zu versöhnen und sie zu ihrem vollen Glück zu führen. Die Gottesfurcht führt nicht zur Apathie: Sie ist eine Gabe, die uns zu überzeugten, begeisterten Christen macht, die sich dem Herrn nicht aus Furcht unterwerfen, sondern weil sie von seiner Liebe bewegt und ergriffen sind!7 Eine weitere Folge der Gottesfurcht in der Seele ist die Ablehnung von allem, was den geliebten Vater beleidigen könnte: Vergiß nicht, Sohn, daß es für dich auf der Erde nur ein Übel gibt, das du fürchten und mit der Gnade Gottes vermeiden mußt: die Sünde8.

Wir können uns an die allerseligste Jungfrau voller Gnade wenden, damit sie uns von Gott die Gabe der Furcht des Herrn verschaffe, die unsere Herzen, indem sie uns alle Sünden verabscheuen lässt, den Geist der Anbetung sowie eine tiefe und aufrichtige Demut einprägen möge9.


1 Papst Franziskus, Generalaudienz, 20-I-2021.

2 Hl. Johannes Paul II., Ut unum sint, Nr. 70.

3 Hl. Josefmaria, Weg, Nr. 435.

4 Papst Franziskus, Generalaudienz, 11. Juni 2014.

5 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 9.

6 Papst Franziskus, Generalaudienz, 11. Juni 2014.

7 Ebd.

8 Hl. Josefmaria, Weg, Nr. 386.

9 Hl. Josefmaria, Weihe an den Heiligen Geist.