IN DER ZWEITEN Lesung dieses Sonntags mahnt der Apostel Jakobus die Christen, keine Unterschiede zwischen den Menschen zu machen. Er beschreibt eine Situation, in der jemand mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung eine Versammlung betritt und gleich besondere Aufmerksamkeit sowie den besten Platz erhält. Kommt hingegen ein Armer in schmutziger Kleidung, wird er übersehen oder es wird ihm gar ein Platz zu Füßen eines anderen zugewiesen. Jakobus erinnert uns daran, dass solches Verhalten der christlichen Botschaft widerspricht: Hat nicht Gott die Armen in der Welt zu Reichen im Glauben und Erben des Reiches erwählt, das er denen verheißen hat, die ihn lieben? (Jak 2,1-5).
Oft prägen Vorurteile unseren Blick auf die Welt. Wir entwickeln vorgefasste Meinungen, die dazu führen, Menschen und Situationen sofort negativ oder positiv zu klassifizieren – manchmal aufgrund eigener Erfahrungen, manchmal nur wegen eines ersten Eindrucks oder einer gehörten Meinung. Gerade wenn wir meinen, einen Grund für ein negatives Urteil zu haben, wird es uns helfen, den Blick Christi einzunehmen, der nicht bei Fehlern oder Sünden stehen bleibt. Papst Franziskus lädt uns ein: „Schau dich um: Du wirst viele Menschen in deiner Nähe finden, die sich verletzt und allein fühlen. Sie brauchen das Gefühl, geliebt zu werden. Mach den ersten Schritt! Jesus bittet dich um einen Blick, der nicht beim Äußeren stehen bleibt, sondern der das Herz sieht; (…) einen Blick, der nicht urteilt, sondern einlädt.“1
In diesem Sinne erinnert uns der Prälat des Opus Dei daran, dass wahre brüderliche Liebe dazu führt, „Diskriminierungen zu vermeiden, die aufgrund von Unterschieden entstehen könnten“2. So sehen wir das, was uns voneinander unterscheidet, nicht als Hindernis, sondern als Gelegenheit, unser Herz zu weiten und eine bedingungslose Liebe zu schenken. Der heilige Josefmaria schrieb: „Ihr müsst euch in einer Brüderlichkeit üben, die über jede natürliche Sympathie oder Antipathie hinausgeht, und einander als wahre Geschwister lieben – mit der Fürsorge und dem Verständnis, das diejenigen kennzeichnet, die eine eng verbundene Familie bilden.“3
DAS HEUTIGE Evangelium erzählt von der Heilung eines Taubstummen. Als er Jesus vorgestellt wurde, nahm ihn dieser beiseite, weg von der Menge, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden (Mk 7,33-35). Viele der Wunder Jesu betreffen die Sinne. Durch diese Heilungen konnten die Menschen die Welt in ihrer vollen Schönheit erleben: die Stimmen ihrer Liebsten hören, den Anblick einer schönen Landschaft genießen, sich frei ausdrücken und sich ohne Einschränkungen bewegen. Was für die meisten selbstverständlich war, wurde für sie – gerade weil sie es zuvor nicht gekannt hatten – zu einem kostbaren Geschenk.
Von diesen Menschen, die durch Jesus geheilt wurden, können wir lernen, das Leben mit Staunen zu betrachten. Oft ist es so, dass die alltägliche Realität uns nicht besonders aufregend erscheint. Das kann dazu führen, dass wir nach stärkeren Reizen suchen oder uns nur mit Aktivitäten beschäftigen, die genau unseren Erwartungen entsprechen. Diese Haltung erschwert jedoch den Kontakt mit unseren Mitmenschen und hindert uns daran, die kleinen Freuden des Lebens zu genießen: die Zufriedenheit über eine gut erledigte Aufgabe, über ein nettes Gespräch unter Freunden, ein einfaches Abendessen mit der Familie oder einen Moment des Lesens oder Sports.
Der heilige Josefmaria ermutigt uns in diesem Zusammenhang, die „Abtötung der Sinne“ zu üben – kleine Opfer, die uns helfen, den Moment, den wir erleben, wirklich zu schätzen, und nicht den ersten Impulsen zu folgen, die unsere Fantasie uns vorgaukelt.4 So können wir, wie Papst Franziskus sagte, eine Haltung des Herzens entwickeln, „die alles mit gelassener Aufmerksamkeit erlebt; die versteht, jemandem gegenüber ganz präsent zu sein, ohne schon an das zu denken, was danach kommt; die sich jedem Moment widmet, als wäre er ein göttliches Geschenk, das voll und ganz gelebt werden muss.“5
Kleine Gesten wie das Segnen des Tisches vor dem Essen oder das bewusste Interesse an den Anliegen anderer – statt sich sofort dem Handy zuzuwenden – helfen uns, unsere Sinne in gewisser Weise zu heilen. Dies sind Momente, in denen wir den Drang, uns sofort zu sättigen oder abzulenken, bremsen und stattdessen Gott und unseren Brüdern und Schwestern Raum geben.
NACH der Heilung bat Jesus die Anwesenden, niemandem davon zu erzählen. Doch der Evangelist bemerkt, dass sie, je mehr er es ihnen verbot, umso mehr darüber sprachen. Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht. Er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen (Mk 7,37). Dieser Ungehorsam mag verwundern, der heilige Johannes Chrysostomus erklärt jedoch, dass ihre Freude sie schlichtweg übermannte, sodass sie nicht schweigen konnten. Er kommentiert: „Der Herr will uns zeigen, dass wir nicht nur vermeiden sollen, über uns selbst zu sprechen, sondern sogar diejenigen zurückhalten sollten, die uns loben wollen. Doch wenn der Ruhm Gott zugeschrieben wird, sollen wir nicht nur kein Hindernis sein, sondern die Menschen auffordern, dies zu tun.“6
Die Reaktion der Menschen auf die Heilung des Taubstummen ist verständlich. Wenn wir etwas Außergewöhnliches erleben, ist es ganz natürlich, dass wir es mit anderen teilen möchten. Die Verbreitung des Evangeliums folgt derselben Logik: In Jesus haben wir eine Liebe gefunden, die auf die tiefsten Bedürfnisse des menschlichen Herzens antwortet. Papst Franziskus betonte: „Deshalb verkünden wir das Evangelium. Der wahre Missionar, der niemals aufhört, Jünger zu sein, weiß, dass Jesus mit ihm geht, mit ihm spricht, mit ihm atmet, mit ihm arbeitet. Er spürt die Gegenwart des lebendigen Jesus inmitten der missionarischen Arbeit. Wenn jemand diese Nähe Jesu nicht im Herzen seiner Mission entdeckt, verliert er schnell die Begeisterung und wird unsicher in dem, was er weitergibt. Es fehlt ihm an Kraft und Leidenschaft. Ein Mensch, der nicht überzeugt, begeistert und sicher ist, wird niemanden überzeugen.“7
Der heilige Josefmaria unterstrich daher, dass der erste Schritt zur Evangelisierung darin besteht, die eigene Beziehung zu Christus zu pflegen, denn nur so wird unsere Botschaft fruchtbar: „Du musst unbedingt ein ,Mann Gottes‘ sein, ein Mann des Gebets und der Hingabe. Dein Apostolat muss ein Überfließen deines inneren Lebens sein.“8 Wir bitten die Jungfrau Maria um ihre Fürsprache, damit wir in der Nähe ihres Sohnes bleiben und ihn durch unser Leben den Menschen um uns herum bekannt machen können.
1 Franziskus, Angelus-Gebet, 27.6.2021.
2 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 16.2.2023, Nr. 6.
3 Hl. Josefmaria, Brief 30, Nr. 28.
4 Vgl. Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 173 u. a.
5 Franziskus, Laudato Si’, Nr. 226.
6 Hl. Johannes Chrysostomus, In Matthaeum 32,1.
7 Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 266.
8 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 961.