ICH ERHEBE meine Augen zu dir, der du thronst im Himmel (Ps 123,1). Diese Worte des Psalmisten erinnern uns an eine wesentliche Wahrheit: Wir müssen zu Gott aufblicken. Horizontale, rein irdische Blicke reichen nicht aus, um selbst zu verstehen: wer wir sind, was unsere tiefsten Sehnsüchte sind, was der Sinn des Lebens ist. Der vertikale, auf Gott gerichtete Blick hingegen erinnert uns daran, dass unser Ursprung und unsere Bestimmung göttlich und nicht nur irdisch sind. Unsere Sehnsucht nach Transzendenz, unsere Sehnsucht nach Gott, sind klare Hinweise darauf, dass uns nichts Geschaffenes befriedigen kann.
Es ist jedoch nicht immer leicht, die Notwendigkeit zu erkennen, unsere Augen zum Herrn zu erheben. Manchmal fällt es uns schwer, Augen und Arme für den Kampf und das Gebet nach oben gerichtet zu halten, so wie Mose in der Wüste um das Einschreiten Gottes bat, als die Israeliten versuchten, die Amalekiter zu besiegen (vgl. Ex 17,11-13). Oft lassen wir uns von der Anziehungskraft irdischer Dinge mitreißen, die an sich nicht schlecht sind, aber an die Stelle Gottes treten und unseren Blick trüben können: Vergnügen, Ehre, Reichtum, Macht. Wenn wir unser Herz ausschließlich auf diese Dinge richten, versuchen wir vergeblich, unseren Durst nach Gott zu stillen. Früher oder später werden wir frustriert sein, denn wir sind eigentlich für etwas Wertvolleres geschaffen. Zwei Wege bieten sich uns dann an: Entweder wir verfolgen diese irdischen Begehrlichkeiten weiter – was uns unbefriedigt lassen wird, da endliche Güter nur ein begrenztes Wohlbefinden bieten – oder wir stellen die Liebe des Herrn in den Mittelpunkt unseres Lebens, als das einzige ewige und wirklich notwendige Gut, von dem aus alles sein wahres Maß erhält.
Das Alte Testament zeigt uns, dass das Volk Israel oft Gott vergessen und einen horizontalen Blick angenommen hat. Deshalb berief der Herr zahlreiche Propheten, um die Israeliten an ihre ursprüngliche Berufung zu erinnern. Einer von ihnen war Ezechiel, zu dem der Herr sagte: Ich sende dich zu den Söhnen Israels, zu abtrünnigen Völkern, die von mir abtrünnig wurden. Sie und ihre Väter sind von mir abgefallen, bis zum heutigen Tag. Es sind Söhne mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen. Zu ihnen sende ich dich. Du sollst zu ihnen sagen: So spricht Gott, der Herr. Sie aber: Mögen sie hören oder es lassen – denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit –, sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war (Ez 2,3-5). Wir Christen können durch unser Zeugnis daran erinnern, dass der Mensch zu mehr berufen ist als nur zu ruhen, zu essen, zu trinken und sich zu amüsieren (vgl. Lk 12,19). Wir blicken nach oben, um einem göttlichen Ruf zu folgen, der uns auf Erden und im Himmel glücklich machen wird.
„SICH SEHNEN bedeutet“, so predigte einmal Papst Franziskus, „das Feuer lebendig zu halten, das in uns brennt und uns dazu drängt, über das Unmittelbare, das Sichtbare hinauszugehen. Sich sehnen bedeutet, das Leben als ein Geheimnis, das uns übersteigt, anzunehmen, wie einen immer offenen Spalt, der uns einlädt, weiter zu blicken, denn das Leben ist nicht nur ,hier‘, es ist auch ,anderswo‘.“1 In uns brennt ein Feuer, das einer ursprünglichen Einsamkeit entsprang und uns dazu treibt, Gott als den Einzigen zu suchen, der dieses Feuer löschen, unsere Wunden heilen und unseren Durst nach Gemeinschaft stillen kann. Wie der heilige Paulus erkennen wir unsere Begrenztheit und bitten darum, dass der Stachel aus unserem Fleisches entfernt wird: jener Stachel, der uns daran hindert, uns zu überheben (vgl. 2 Kor 12,7-8).
Wenn wir beten, unsere Wunden angesichts der offenen Wunden Jesu am Kreuz begreifen zu können, erinnern wir uns zugleich an die Zuversicht schenkende Antwort des Herrn an den heiligen Paulus: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet (2 Kor 12,9). So erkennen wir, dass persönliche Schwächen nicht das letzte Wort haben: Sie sind da, um die göttliche Gnade zu empfangen, um uns daran zu erinnern, dass wir im Herrn stark sind mit einer Kraft, die nicht unsere eigene ist. Die Fehler der Vergangenheit halten uns gerne in der Horizontalität fest und lassen uns glauben, dass unser Leben niemals abheben kann. Die Gnade hingegen lässt uns in die Zukunft blicken, hebt uns empor und lässt uns erkennen, dass wir mit göttlicher Hilfe mehr sind als unsere Geschichte.
Deshalb führt es zur Freude, die eigenen Wunden festzustellen und sie in die Hände Gottes zu legen. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, schreibt der heilige Paulus, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (2 Kor 12,9-10). Die Berührung der eigenen Schwäche ist nichts Demütigendes, gegen das man sich auflehnen sollte, sondern kann zu einer Quelle der Freude werden, weil sie hilft, das Wirken der göttlichen Gnade im eigenen Leben zu erkennen. Und das wird uns anspornen, hoffnungsfroh zu kämpfen, weil wir wissen, dass wir nicht nur auf unsere eigene Kraft angewiesen sind. Der heilige Josefmaria sagte: „Wenn ich bedenke, dass ich aller Gräueltaten und Irrtümer fähig bin, die die niederträchtigsten Menschen begangen haben, dann geht mir auch auf, dass ich untreu werden könnte… Diese Ungewissheit ist eine weitere Wohltat der Liebe Gottes, denn wie ein kleines Kind muss ich nun an die Arme meines Vaters klammern und jeden Tag ein wenig darum kämpfen, mich nicht von ihm zu entferne. Dann bin ich sicher, dass Gott mich nicht von seiner Hand lassen wird.“2
„GOTT erhebt durch das, was erniedrigt“, lesen wir in einem Brief des heiligen Josefmaria. „Wenn die Seele sich führen lässt, wenn sie gehorcht, wenn sie die Läuterung gefasst annimmt, wenn sie aus dem Glauben lebt, wird sie mit einem ungeahnte Licht sehen, angesichts dessen sie staunend denken wird, dass sie davor von Geburt an blind war.“3Wenn die Seele auf diese Weise reagiert, mit Glauben und einem übernatürlichen Sinn angesichts der Dinge, die sie zunächst demütigen, wird sie Licht haben und sehen. Es wird ihr nicht wie den Bewohnern von Nazaret ergehen, die sich über die Predigt von Jesus Christus empörten und ihn nicht als Messias erkannten, obwohl sie ihn vor Augen hatten. Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen? (Mk 6,2-3).
Manchmal denken wir vielleicht, dass Gott und unsere Mitmenschen uns deshalb mögen, weil sie unsere gute Seite kennen. Wir glauben dann, dass sich ihr Urteil völlig ändern würde, wenn sie unsere Fehler oder Unsicherheiten entdecken würden. So kaschieren wir vielleicht alles, was uns erniedrigen könnte, trotz all der damit verbundenen inneren Spannungen, und bauen auf unsere eigene Fähigkeit, unsere Probleme zu lösen. Ein solcher Zugang ist auf Dauer anstrengend, vor allem aber hindert er uns daran, die Hilfe anzunehmen, die uns der Herr und die Menschen, die uns wichtig sind, geben können. Gleichzeitig kann er eine gewisse Schwierigkeit anzeigen, die Schwächen anderer Menschen zu verstehen. Papst Franziskus schrieb diesbzüglich einen interessanten Gedanken: „Der Böse lässt uns verächtlich auf unsere Schwachheit blicken, während der Heilige Geist sie voll Erbarmen ans Tageslicht bringt. Die Sanftmut ist der beste Weg, um mit dem Schwachen in uns umzugehen. Der ausgestreckte Zeigefinger und die Verurteilungen, die wir anderen gegenüber an den Tag legen, sind oft ein Zeichen unserer Unfähigkeit, unsere eigene Schwäche, unsere eigene Zerbrechlichkeit innerlich anzunehmen.“4
Wenn wir unsere Beziehung zu Gott und zu anderen ohne Masken leben, können wir zeigen, dass die göttliche Liebe keine Bedingungen kennt. „Hab keine Angst, man könnte die Fehler sehen, die du und ich haben“, sagte der heilige Josefmaria, „mich drängt es geradezu, sie zu offenbaren und von meinem persönlichen Kampf zu erzählen, von meinem Wunsch, mich in diesem oder jenem Punkt zu verbessern, um dem Herrn gegenüber treu zu sein. Das Bemühen, diese Mängel zu bannen und zu überwinden, ist bereits eine Art und Weise, die göttlichen Wege aufzuzeigen.“5 Die Jungfrau Maria weiß als gute Mutter genau, wie wir sind. Sie kann uns helfen, unsere Fehler und die Fehler der anderen liebevoll und mit Verständnis zu betrachten.
1 Franziskus, Predigt, 6.1.2022.
2 Hl. Josefmaria, Der Kreuzweg, XIV. Station, Nr. 5.
3 Hl. Josefmaria, Brief 2, Nr. 17.
4 Franziskus, Patris Corde, Nr. 2.
5 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 163.