ZU BEGINN der Apostelgeschichte heißt es, dass die ersten Christen nach der Himmelfahrt Jesu einmütig im Gebet verharrten (Apg 1,14). Wenig später wird ihr gemeinsames Leben so beschrieben: Die Gläubigen waren ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam (Apg 4,32). Am dritten Tag der Gebetswoche für die Einheit der Christen richtet sich unser Blick auf genau dieses Kennzeichen der Kirche: ihre Einheit und Verbundenheit.
Die gelebte Einheit der ersten christlichen Gemeinden war für den heiligen Josefmaria Maßstab und Herausforderung zugleich. Er erinnerte daran, dass der christliche Geist nicht nur die Einheit mit dem Papst und den Bischöfen umfasst, sondern ebenso die Verbundenheit mit den Brüdern und Schwestern im Glauben. „Diese Brüderlichkeit, die von den ersten Christen so tief gelebt wurde“, müsse immer wieder neu belebt werden: „Auf diese Weise werden wir uns vereint wissen und zugleich die Vielfalt der persönlichen Berufungen lieben.“1 Alle Getauften sind eingeladen, den Zusammenhalt in der Kirche aktiv zu fördern und alles zu meiden, was trennt – denn „Einheit“, so der Gründer des Opus Dei, „ist ein Zeichen des Lebens“, Uneinigkeit hingegen ein Zeichen von Zerfall.2Diese Aufgabe entfaltet sich im Leib Christi gleichsam in konzentrischen Kreisen: Sie beginnt im Nahbereich: in der eigenen Familie, im persönlichen Umfeld. Von dort weitet sie sich auf die Kirche insgesamt aus, in der der Heilige Geist eine Vielfalt von Charismen weckt, die mit Dankbarkeit und Wertschätzung aufgenommen werden sollen. Schließlich schließt sie auch den Wunsch und das Bemühen um die Einheit mit den nicht-katholischen Christen ein.
Dieser innere Zusammenhalt ist Geschenk Gottes und zugleich Auftrag. Er verlangt die persönliche Bereitschaft, Barrieren zu überwinden und Hindernisse auszuräumen. Mit dem Blick auf das Beispiel der ersten Christen bitten wir den Herrn um die Gnade, die Vielfalt in der Kirche als Reichtum zu erkennen. Benedikt XVI. hat diese Vielfalt als „Frucht des einen Geistes“ beschrieben, „der alle zu einer tiefen Einheit führt,“ indem er die Unterschiede nicht auslöscht, sondern in ein harmonisches Ganzes einbindet.3
Ein BLICK ins Evangelium zeigt, wie Jesus selbst mit sehr unterschiedlichen Menschen in Beziehung tritt: mit Schriftgelehrten und einfachen Arbeitern, mit Einzelnen ebenso wie mit großen Menschenmengen. Zugleich ist er nicht allen in gleicher Weise nahe. Immer wieder zieht er sich mit seinen Jüngern zurück oder verbringt Zeit im kleinen Kreis, etwa im Haus von Betanien. Diese Nähe folgt einer inneren Logik der Liebe.
Darauf weist auch der heilige Thomas von Aquin mit dem Begriff des ordo caritatis4, der Ordnung der Liebe, hin. Liebe ist universal, aber nicht beliebig. Sie beginnt bei jenen, die uns konkret anvertraut sind. Der heilige Josefmaria brachte es nüchtern auf den Punkt: „Wir lieben alle Seelen der Welt! Aber mit Ordnung, mit der Ordnung der Liebe. An erster Stelle die Brüder im Glauben.“5 Damit knüpft er an den Apostel Paulus an, der dazu aufruft, allen Gutes zu tun, besonders aber den Glaubensgeschwistern (vgl. Gal 6,10).
Gerade deshalb richtet sich der Blick bei der Einheit zunächst auf die reale Gemeinschaft im Alltag: auf die Menschen, mit denen uns starke Bande der Brüderlichkeit verbinden, mit denen wir leben und arbeiten. Schon der heilige Ignatius von Antiochien mahnte eindringlich: „Unter euch soll es nichts geben, das euch spalten könnte.“6 Eine nach dem Beispiel Christi gelebte Einheit, so seine Überzeugung, macht nicht nur glücklich, sondern wirkt auch anziehend auf andere.
NACHDEM Paulus zu den Korinthern von der radikalen Gleichheit aller Glieder des mystischen Leibes Christi gesprochen hat, erklärt er ihnen, dass diese Gleichheit nicht Uniformität bedeutet: Gott hat jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Besitzen alle die Gabe, Krankheiten zu heilen? Reden alle in Zungen?“ (1 Kor 12,18-19.29-30). Gott hat jedes Glied des Leibes Christi bewusst an seinen Platz gestellt. Nicht alle haben dieselbe Aufgabe, nicht alle dieselben Gaben – und doch sind alle notwendig. Die Kirche lebt von der Vielfalt. Der heilige Josefmaria hat oft betont: „Es ist wichtig, dass jedermann dem an ihn ergangenen göttlichen Ruf treu zu folgen bemüht ist“7, damit der Kirche die Früchte des ihm anvertrauten Charismas nicht entzogen werden.
Gerne sprach er vom „Reichtum des mystischen Leibs innerhalb seiner göttlichen Einheit: ein einziger Leib, eine einzige Seele; ein einziges Denken, ein einziges Herz, ein einziges Empfinden, ein einziger Wille, ein einziges Wollen. Aber eine Vielzahl von Organen und Gliedern“8. Besonders hob er den Beitrag der Laien hervor, die durch ihre alltägliche Arbeit und Verantwortung die Heiligkeit der Kirche mitgestalten. Das II. Vatikanische Konzil greift diesen Gedanken auf, wenn es betont, dass „es Sache der Laien ist, kraft der ihnen eigenen Berufung in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen“9.
Die erste christliche Gemeinde in Jerusalem verharrte einmütig im Gebet – cum Maria, matre Iesu (Apg 1,14). Um Maria versammelt, wuchs die Kirche in innerer Einheit. Auch heute wird sie dort wachsen, wo wir geeint leben, einander annehmen und jeder Einzelne seiner empfangenen Sendung treu entspricht.
1 Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 61.
2 Vgl. hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 940.
3 Vgl. Benedikt XVI., Angelus-Gebet, 24.1.2010.
4 Hl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, II-II, q. 26.
5 Hl. Josefmaria, Instruktion, Mai 1935/14.9.1950, Anm. 151.
6 Hl. Ignatius von Antiochia, Epistola ad Magnesios, 6, 2.
7 Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 61.
8 Hl. Josefmaria, Brief 22, Nr. 3.
9 II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, Nr. 31.

