JESUS wusste, dass seine Stunde nahte. Mehrmals hatte er seine Jünger darauf vorbereitet (vgl. Joh 8,21; 13,33-38), doch er ahnte, dass sie die kommenden Ereignisse trotz seiner Worte nicht verstehen würden. Als ihn die Nachricht von der Krankheit seines Freundes Lazarus erreicht, wartet er daher noch ab. Seine Erklärung wirkt zunächst überraschend: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden (Joh 11,4).
Als Jesus eintrifft, liegt Lazarus bereits im Grab. Martha begegnet ihm mit einem Vorwurf: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben (Joh 11,21). Ihr Glaube reicht zwar bis zur Hoffnung auf die Auferstehung am Jüngsten Tag (Joh 11,24), doch dass Lazarus auf Erden nochmals leben könnte, kommt ihr nicht in den Sinn.
„Jesus hätte den Tod seines Freundes Lazarus vermeiden können“, kommentierte Papst Franziskus die Vorgänge in Bethanien, „doch er wollte unsere Trauer über den Tod unserer Lieben teilen und vor allem Gottes Herrschaft über den Tod demonstrieren.“1 Jesus wird Lazarus wieder zum Leben erwecken – und seinen Freunden zeigen, wer das letzte Wort hat: Wer seine Hoffnung auf Gott setzt, hat nichts zu befürchten – denn er ist die Auferstehung und das Leben (Joh 11,25). „Nichts wird uns das Herz schwer machen, wenn wir es in dieser Sehnsucht nach der wahren Heimat verankern“, schrieb der heilige Josefmaria, „durch den Aufwind seiner Gnade wird der Herr unser Boot an das ersehnte Ufer gelangen lassen.“2
WIR KÖNNEN uns vorstellen, welche Trauer über dem Haus von Bethanien lag. Dort, wo früher Freude und fröhliche Gastfreundschaft herrschten, ist Stille eingekehrt. Als Martha hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen (Joh 11,20). Sie ließ sich nicht vom Schmerz in sich selbst verschließen und ihre Gedanken nur mehr darum kreisen, was sie nicht verstand und mit Bitterkeit erfüllte. Sie erhebt ihre Klage direkt zu Christus: Wärst du hier gewesen … (Joh 11,21). Ihre Worte erinnern an das Gebet des Psalms: Aus den Tiefen rufe ich, Herr, zu dir (Ps 130,1).
Noch bevor Lazarus auferweckt wird, geschieht ein anderes Wunder: Martha findet aus ihrer Verzweiflung heraus. Jesus stärkt ihre Hoffnung: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“ (Joh 11,25-26). Martha befindet sich nicht in der Verfassung, um zu bejahen, was Jesus ihr eröffnet. Dennoch antwortet sie mit einem der klarsten Glaubensbekenntnisse des Evangeliums: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll“ (Joh 11,27).
Ob ihr Bruder lebt oder nicht, Martha glaubt bereits, dass, wer bei Christus ist, nicht sterben wird. Ihre Trauer über den Tod ihres Bruders und ihr Unverständnis für die Untätigkeit ihres Freundes hinderten sie nicht daran, anzuerkennen, dass Jesus der Messias ist, der ihrem Leben einen Sinn gibt. Der heilige Josefmaria, der viele Male einen ähnlichen Schmerz erlebt hat wie Martha, schrieb: „In meinem Elend, so klagte ich einem Freund, sei es mir so, als ob Jesus an mir vorübergehe und mich allein lasse. Doch sogleich berichtigte ich mich, reuig und voll Vertrauen: Es stimmt nicht, Herr, meine Liebe! Ich bin es, der an dir vorübergeht ... Nie wieder, Herr!“3
BEIM GRAB angekommen, fordert Jesus die Umstehenden auf, den Stein wegzurollen. Martha bremst: „Er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag“ (Joh 11,39). Doch Jesus erinnert sie an seine Worte: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ (Joh 11,40) Dann ruft er mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!" Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt (Joh 11,43-44).
Die Szene von Bethanien zeigt: Christus versteht den Tod nicht als letzte Wirklichkeit. Er ruft die Menschen aus ihren Gräbern heraus, „Er ruft uns eindringlich, aus der Finsternis des Gefängnisses herauszutreten, in das wir uns eingeschlossen haben“, ruft uns Papst Franziskus zu, „weil wir uns mit einem falschen, egoistischen, mittelmäßigen Leben begnügt haben.“4 Er rechnet jedoch auch mit unserer Freiheit, diesem Ruf zu folgen oder nicht. Er zwingt uns nicht, aufzuerstehen. Er reicht uns seine Hand und wartet, dass wir sie ergreifen. „Lazarus kam aus dem Grab hervor, weil die Stimme Gottes zu ihm gedrungen war“, schrieb der heilige Josefmaria, „und sogleich erwachte sein Wille, aus dem Kerker des Todes herauszukommen. Hätte er nicht gewollt, so wäre er von neuem gestorben. – Nimm es dir aufrichtig vor: Ich will immer an Gott glauben; ich will immer auf Gott hoffen; ich will Gott immer lieben ... Er verlässt uns niemals.“5
Der Evangelist berichtet, dass viele der Anwesenden zum Glauben an Jesus kamen (vgl. Joh 11,45). Für die Jünger und die Geschwister von Bethanien wird nun verständlich, warum der Herr nicht früher gekommen war: Ihr Glaube ist gewachsen – und viele andere beginnen ebenfalls zu glauben. Auch wir dürfen darauf vertrauen, dass Christus uns aus allem herausführen kann, was unser Leben einengt. Maria, die Mutter des Herrn, möge uns helfen, mit diesem Glauben zu leben und ihn weiterzugeben.
1 Franziskus, Angelus-Gebet, 29.3.2020.
2 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 221.
3 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 159.
4 Franziskus, Angelus-Gebet, 6.4.2014.
5 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 211.

