DAS HEUTIGE Evangelium bündelt zwei kurze Gleichnisse Jesu über das Reich Gottes: darüber, wie es wächst – und wer das Wachstum letztlich bewirkt. Wie so oft greift Jesus auf Bilder aus dem Alltag zurück. Seine Zuhörer kennen sie, verstehen sie – und lassen sich gerade dadurch auf etwas Neues ein. Zunächst spricht er vom Bauern, der Samen auf seinen Acker wirft – und danach seinem Alltag nachgeht: Er schläft, steht auf, erlebt Nacht und Tag. Und währenddessen keimt der Same und wächst – und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt Frucht, Schritt für Schritt: zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn (Mk 4,27-28).
Der Akzent dieses Gleichnisses liegt nicht auf der Arbeit des Bauern, sondern auf dem Geheimnis des Wachstums. Der Same – Sinnbild für das Wort Gottes – trägt eine innere Kraft in sich. Sobald er aufgenommen wird, beginnt er zu wirken. Nicht durch menschliches Zutun, sondern durch Gottes schöpferisches Handeln. Das Reich Gottes wächst nicht, weil der Mensch alles im Griff hätte, sondern weil Gott selbst es wachsen lässt. „Deshalb bitten wir so sehr“, sagte Papst Franziskus: „Dein Reich komme. Er ist es, der es wachsen lässt. Der Mensch ist sein demütiger Mitarbeiter, der das schöpferische Wirken Gottes betrachtet, sich daran erfreut und geduldig dessen Früchte erwartet.“1
Aus dieser Haltung heraus gab der heilige Josefmaria folgende Empfehlung: „Wenn du wirklich auf den Herrn vertraust, wirst du lernen, dich mit allem zufrieden zu geben, was auf dich zukommt. Du wirst die Gelassenheit nicht verlieren, selbst wenn ein Vorhaben trotz deines persönlichen Bemühens und trotz des Einsatzes aller vernünftigen Mittel nicht so gelingt, wie du es dir erhofft hattest ... Es wird eben nur soweit in Erfüllung gegangen sein, als es den Plänen Gottes entspricht.“2
IM ZWEITEN GLEICHNIS weitet Jesus den Blick. Nun geht es nicht mehr nur um das Wachstum des Wortes im Kleinen, sondern um die Dynamik des Reiches Gottes insgesamt. Jesus spricht diesmal von einem Senfkorn, dem kleinsten aller Samen: kaum sichtbar, unscheinbar. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können (Mk 4,31-32).
Schon früh deutete die Kirche dieses Bild christologisch. Das Senfkorn ist ein Sinnbild für Christus selbst, lehrte der große Bischof und Prediger Johannes Chrysostomus: Durch seine Menschwerdung wurde der Sohn Gottes klein und demütig, ein Diener für alle. Er nahm das Leid des Kreuzes auf sich, starb für uns und wuchs durch seine Auferstehung in die Herrlichkeit des Himmels, wie ein mächtiger Baum, der uns Schutz bietet und die Unsterblichkeit schenkt.3 Diese Logik gilt für alle, die zu Christus gehören wollen. Wer Teil der Dynamik des Reiches Gottes werden möchte, muss nicht Größe zeigen, sondern „arm im Geist“ sein und Gott Raum geben, der eine Vorliebe für die Einfachen und Demütigen hat. Papst Franziskus betont: „Wenn wir so leben, bricht durch uns die Kraft Christi hervor und verwandelt, was klein und einfach ist, in eine Wirklichkeit, die wie ein Sauerteig die ganze Welt und die Geschichte durchwirkt.“4
Beide Gleichnisse führen zur gleichen Einsicht: Das Reich Gottes erfordert unsere Mitarbeit, doch es bleibt ein Geschenk Gottes, eine Gnade, die unserem Tun vorausgeht und es begleitet. Dies lässt uns höchst zuversichtlich sein, wie Papst Benedikt betont: „Wenn unsere kleine Kraft, die gegenüber den Problemen der Welt ohnmächtig zu sein scheint, in die Kraft Gottes gelegt wird, fürchtet sie keine Hindernisse, denn der Sieg des Herrn ist gewiss. (...) Der Same geht auf und wächst, da ihn die Liebe Gottes wachsen lässt.“5
AM ENDE des Abschnitts hält der Evangelist Markus fest, dass Jesus zu den Menschen in Gleichnissen sprach – so, wie sie es aufnehmen konnten. Seinen Jüngern jedoch erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war (Mk 4,33–34). So zeichnet sich eine klare Linie ab: Es gibt die Menge der Hörenden, jener, die ein- oder auch mehrmals dabei waren, wenn Jesus predigte – und jene, die bleiben, die fragen, die sich binden. Auch sie waren einst Teil der Volksmenge gewesen. Doch aus Neugierde wurde Nähe, aus Nähe Jüngerschaft.
Diese Bewegung ist zeitlos. Auch heute beginnt der Weg mit einem ersten Hören, einem inneren Anklopfen. Wer sich darauf einlässt, entdeckt in Christus jene „verborgenen Schätze und alle Weisheit“6, von denen die christliche Tradition spricht. Und es bleibt möglich, ihm nahe zu bleiben: in der Eucharistie, in der Begegnung mit seinem Wort, im Gebet und im mit Christus gemeinsam gelebten Alltag.
Diese Nähe wächst nicht sprunghaft, sondern leise – wie der Same im Acker. Geduld ist gefragt, Ausdauer, Vertrauen. Schauen wir auf Maria, unsere Mutter, die alles in ihrem Herzen bewahrte (Lk 2,19), und bitten wir sie, uns zu helfen, das Wort Gottes aufzunehmen – und ihm Zeit zu lassen, damit es reiche Frucht bringt.
1 Vgl. Franziskus, Angelus-Gebet, 14.6.2015.
2 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 860.
3 Vgl. hl. Johannes Chrysostomus, Homilie 7.
4 Franziskus, Angelus-Gebet, 14.6.2015.
5 Benedikt XVI., Angelus-Gebet,17.6.2012.
6 Hl. Johannes vom Kreuz, Geistlicher Gesang, Lied 36, 3.

