JAHR FÜR JAHR lädt uns die Kirche am ersten Fastensonntag dazu ein, die Versuchungen Jesu zu betrachten. Vielleicht hat es uns beim ersten Mal Hören überrascht, dass der Mensch gewordene Gott selbst geprüft wurde. Doch Jesus wollte die Versuchung auf sich nehmen, um uns auch hierin ähnlich zu werden, um uns zu zeigen, wie auch wir siegen können, und um uns zu versichern, dass wir in der Versuchung auf seine Nähe und Hilfe rechnen können. So erging es der heiligen Katharina von Siena. Nach einer Nacht schwerer innerer Kämpfe fragte sie: „Mein Herr, wo warst du, als mein Herz von so vielen Versuchungen geplagt wurde? Und sie hörte: Ich war in deinem Herzen.“1 Jesus kämpft in uns, mit uns und für uns. Es liegt ein großer Trost in dem Wissen, dass wir unsere Schwierigkeiten nicht allein durchstehen müssen.
Der heilige Augustinus erkannte in der Prüfung eine unvermeidliche Bedingung unserer Pilgerschaft auf Erden. „Keiner von uns kann sich selbst erkennen, ohne geprüft zu werden“, so sagte er, „und keiner kann siegen, ohne zu kämpfen, noch kämpfen, ohne einen Feind oder Versuchungen ertragen zu müssen.“ Der Sieg ist möglich – das wollte Jesus uns zeigen, wie der heilige Kirchenlehrer erklärt: „Du siehst, dass Christus versucht wurde; siehst du nicht, dass er aus dem Kampf siegreich hervorgegangen ist? Wenn du also mit ihm der Prüfung unterworfen bist, denke auch daran, dass du mit ihm triumphieren wirst. Er hätte den bösen Geist davon abhalten können, sich ihm zu nähern; aber wäre er nicht versucht worden, hätte er dir nicht beibringen können, ihm auf dem Weg zum Sieg zu folgen.“2
Der heilige Josefmaria dachte ganz ähnlich: „Der Herr ist unser Vorbild und hat deshalb zugelassen, dass er, obwohl er Gott war, versucht wurde, damit wir Mut fassen und – mit ihm – siegesgewiss sind.“ Und er rät: „Wenn du in solchen Augenblicken spürst, dass deine Seele bebt, dann wende dich an deinen Gott und sag ihm: Hab Erbarmen mit mir, Herr, denn meine Gebeine zittern und meine Seele ist ganz verwirrt (Ps 6,3-4). Er selbst wird dir antworten: Sei ohne Furcht, denn ich habe dich erlöst und dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein (Jes 43,1).“3
WENN DU Gottes Sohn bist (Mt 4,3.6): Mit diesen Worten leitet der Teufel seine Versuchung ein – und mit ähnlichen Worten wird Jesus am Kreuz verhöhnt. Der Angriff zielt auf den Kern seiner Identität: seine Gottessohnschaft. Auch uns trifft die Versuchung stets am heikelsten Punkt: beim Fundament. Vordergründig geht es um Bequemlichkeit, Zorn oder Nachlässigkeit – im Innersten wird unsere Identität als Kinder Gottes erschüttert. Der heilige Josefmaria zeigt auf, was auf dem Spiel steht: „Sklaverei oder Gotteskindschaft – das ist die Alternative unseres Lebens. Entweder Kinder Gottes – oder Sklaven des Stolzes, der Sinnlichkeit oder des angsterfüllten Egoismus.“4
Der heilige Pfarrer von Ars riet angesichts der Versuchung daher zu entschlossenem Handeln: „Entweder die Hölle oder die Flucht, es gibt keinen Mittelweg.“5 Das Heilmittel ist die Rückkehr zur Kindschaft. Ein Kind weiß: Schwierigkeiten sind Momente, in denen klar hervortritt, wer sein Vater ist. Diese Momente mögen wenig angenehm sein, aber das Kind weiß, dass sie vorübergehend sind.
Versuchungen erinnern uns daran, dass wir nicht autark sind und den Herrn um Befreiung vom Bösen anrufen müssen. So können sie – paradox genug – zu einem Ort der Nähe werden. Die heilige Teresa von Ávila schreibt, dass die Seele, die sich an Gott wendet, durch die Versuchungen oder Hindernisse, die ihr der Teufel in den Weg legt, sogar noch wächst, „denn es ist seine Majestät, die für sie kämpft.“6
DER HEILIGE THOMAS von Aquin vergleicht den Teufel mit einem General, der die Schwachstellen einer Festung absucht.7 Doch wir sind gewiss: Gott ist stärker. In dieser Fastenzeit schauen wir auf Christus, der nach Jerusalem geht, um sein Leben hinzugeben. Der Versucher flüstert ihm zu: Misstraue Gott. Wenn er wirklich dein Vater wäre, würdest du nicht hungern, nicht leiden, nicht am Kreuz hängen. So sprach er schon zu Adam – und so spricht er zum neuen Adam.
Der Teufel versuchte den Herrn mit den Worten: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird (Mt 4,3). Doch Jesus selbst ist Brot geworden, damit es uns nie an der lebensspendenden Nahrung fehlt. Der Teufel provozierte ihn: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab (Mt 4,6). Doch Jesus steigt nicht vom Kreuz, sondern bleibt – aus Liebe. In jeder Versuchung wendet der Teufel dieselbe Finte an: Er will uns einreden, dass Gott uns nicht liebt, dass er uns betrügt. Darum rufen wir mit dem heiligen Josefmaria Maria, unsere Hoffnung, an: „Mutter! – Rufe es laut, laut. – Sie hört dich, sieht dich vielleicht bedroht, und sie – deine heilige Mutter – bietet dir mit der Gnade ihres Sohnes ihre mütterliche Hilfe, ihre liebende Zärtlichkeit an: Und du wirst gestärkt sein für den neuen Kampf.“8
1 Hl. Katharina von Siena, Der Dialog, Teil II, Kap., III.
2 Hl. Augustinus, Kommentar zum Psalm 60.
3 Hl. Josefmaria, Briefe 2, Nr. 20.
4 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 38.
5 Hl. Pfarrer von Ars, Über die Beharrlichkeit.
6 Hl. Teresa, Das Buch der Klosterstiftungen, 11, 7.
7 Vgl. hl. Thomas von Aquin, Über das Vater unser.
8 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 516.

