JESUS greift immer wieder zu Gleichnissen, um das Geheimnis des Reiches Gottes verständlich zu machen. So vergleicht er es einmal mit einem Samen, der auf dem Acker aufgeht, mit einem Senfkorn, das zu einem großen Baum heranwächst, und mit ein wenig Sauerteig, der den ganzen Teig durchdringt (vgl. Mt 13,31-33). Trotz ihrer Verschiedenheit weisen alle drei Bilder auf dieselbe Wirklichkeit hin: Gottes Reich entfaltet sich. Oft beginnt es unscheinbar und verborgen, besitzt aber eine innere Kraft, die sich schließlich durchsetzt.
Das Reich Gottes ist deshalb keine statische Wirklichkeit. Es breitet sich aus, wo der Mensch Gottes Wirken Raum gibt, jeden Tag und unter allen historischen Umständen. Wie ein guter Gärtner bereitet der Herr den Boden unseres Herzens und wartet ohne Eile darauf, dass die Saat Frucht bringt. Papst Franziskus erklärt: „Jesus schaut auf den ,Acker‘ des Lebens eines jeden Menschen voll Geduld und Barmherzigkeit: Er sieht den Schmutz und das Böse viel besser als wir, doch er sieht auch die Keime des Guten und wartet vertrauensvoll, dass sie heranreifen.“1
Darin liegt eine große Hoffnung. Wie Benedikt XVI. erklärt, möchte Jesus uns erkennen lassen, „dass in uns etwas Kleines und Verborgenes ausgesät ist, das dennoch eine unaufhaltsame Lebenskraft besitzt. Trotz aller Hindernisse wird sich der Same entfalten und die Frucht reifen.“2 Deshalb dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott in uns tätig ist, oft still und unbemerkt, aber wirksam, sofern wir seinem Handeln nicht im Weg stehen.
IM ERSTEN Gleichnis wachsen Weizen und Unkraut bis zur Ernte nebeneinander auf demselben Acker. Auf die Frage der Jünger erklärt Jesus: Der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Kinder des Reiches; das Unkraut sind die Kinder des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel (Mt 13,37-39). Damit macht der Herr deutlich: Das Böse ist zwar Teil der Geschichte, es stammt aber nicht von Gott.
Johannes Paul II. erklärte dazu: „Es ist nicht möglich, sich die menschliche Geschichte ohne Unkraut vorzustellen; das heißt, wie Jesus selbst sagt, es ist nicht möglich, das Unkraut völlig auszurotten, weil es sich mit dem Guten vermischt.“3 Diese Wirklichkeit begegnet uns nicht nur in der äußeren Welt, sondern auch im eigenen Herzen. Neben dem aufrichtigen Wunsch nach Heiligkeit tragen wir Neigungen in uns, die uns von Gott wegziehen. Wir machen dieselbe Erfahrung wie der heilige Paulus: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse (Röm 7,15).
Es sollte uns daher weder überraschen noch entmutigen, wenn wir in uns Neid, Eifersucht oder andere ungeordnete Begierden entdecken. Der Herr erwartet nicht, dass das Unkraut schon vor der Ernte verschwunden ist, sondern dass wir ihm vertrauen und den guten Samen wachsen lassen. Der heilige Josefmaria rät: „Lasst euch nicht betrüben, wenn euch in den herrlichsten Momenten eures Lebens plötzlich die Versuchung überkommt (...). Nehmt Zuflucht zur Barmherzigkeit Gottes, vertraut auf die Fürsprache seiner und unserer Mutter, und alles wird sich zum Guten wenden. Später könnt ihr lachen: Gott behandelt mich wie einen Heiligen! Es hat keine Bedeutung; seid überzeugt, dass der alte Mensch, den wir alle mit uns tragen, sich jederzeit erheben kann. Seid froh und kämpft wie immer!“4
DAS GLEICHNIS vom Weizen und vom Unkraut fasst das Drama der Menschheitsgeschichte zusammen. Gott sät das Gute, der Feind das Böse – und der Mensch ist frei, auf die eine oder andere Stimme zu hören. Darin liegt die Größe, aber auch das Risiko unserer Freiheit. Gott hat uns nicht dazu geschaffen, automatisch das Gute zu wählen. Er hat den Acker auch nicht mit hohen Mauern umgeben, um ihn zu schützen, sondern frei zugänglich gelassen: Er nimmt in Kauf, dass der Feind Unkraut aussät, weil nur eine freie Liebe wirkliche Liebe ist.
Auch auf dem Acker unseres Herzens wachsen Weizen und Unkraut nebeneinander. Jeden Tag entscheiden wir neu, welche Saat wir nähren. Oft ist es gar nicht einfach, zwischen der einen und der anderen zu unterscheiden, denn sie vermischen sich leicht. Deshalb kommt es darauf an, uns bewusst für den guten Samen zu entscheiden, „mit allen verfügbaren Kräften“, wie Papst Franziskus sagt, „um so Abstand vom Teufel und seinen Verführungen zu nehmen“5. Denn unsere Freiheit findet ihre Erfüllung nicht darin, alles tun zu können, sondern darin, das Gute zu wählen. Das wird uns wirklich glücklich machen: Wenn wir unsere Freiheit dazu gebrauchen, Gott und die anderen zu lieben. Einen verlässlichen Maßstab finden wir im Dienst: Wer dient, nährt den guten Samen und lässt das Reich Gottes wachsen.
Der heilige Augustinus macht Mut: „Derjenige, der bei der Prüfung seines Gewissens erkennt, dass er Unkraut ist, soll sich nicht fürchten, sich zu ändern. Es wurde noch nicht zum Mähen aufgerufen, es ist noch Zeit bis zur Ernte. Sei heute nicht, was du gestern warst, und sei morgen nicht, was du heute bist.“6 Maria, unsere Hoffnung, begleite uns auf diesem Weg, damit der gute Same in unserem Herzen kräftig wachse und auch das Leben anderer bereichere.
1 Franziskus, Angelusgebet, 20.7.2014.
2 Benedikt XVI., Angelusgebet, 17.7.2011.
3 Hl. Johannes Paul II., Predigt, 19.7.1987.
4 Hl. Josefmaria, Im Zwiegespräch mit dem Herrn, Das Talent zu sprechen.
5 Franziskus, Audienz, 23.7.2017.
6 Hl. Augustinus, Predigt 73, A.

