Betrachtungstext: 6. Januar – Fest Erscheinung des Herrn

Die Weisen sind stellvertretend für alle Völker gekommen – Allen Menschen die Erlösung bringen – Mit unserem eigenen Leben leuchten

„VOR NICHT allzu langer Zeit“, so erzählte der heilige Josefmaria, „stand ich staunend vor einem Marmorrelief, das die Anbetung des Kindes in der Krippe durch die Weisen aus dem Morgenland darstellte. Vier Engel umrahmten die Szene, jeder mit einem Herrschaftssymbol in der Hand: ein Diadem, eine von einem Kreuz gekrönte Weltkugel, ein Schwert und ein Zepter. Diese Zeichen veranschaulichen eindrucksvoll das Ereignis, das wir heute feiern. Weise Männer – der Überlieferung nach Könige – werfen sich vor dem Kind nieder, nachdem sie gefragt haben: Wo ist der neugeborene König der Juden? (Mt 2,2).“1

Epiphanie bedeutet Erscheinung oder Kundmachung. Heute feiern wir voll Freude die Offenbarung des Herrn vor allen Völkern, die durch die Weisen aus dem Orient vertreten werden. Nach den Hirten offenbart Gott seinen Sohn also auch den Heidenvölkern – „durch einen Stern“2, wie es im Tagesgebet heißt. Papst Franziskus hob „die schöne Wirklichkeit des Kommens Gottes für alle“ hervor: „Jede Nation, Sprache und Bevölkerung wird von ihm aufgenommen und geliebt. Symbol dafür ist das Licht, das alles erreicht und erleuchtet.“3 Das neugeborene Kind ist der den Israeliten verheißene Messias, doch seine Sendung erstreckt sich auf alle Völker der Erde. „Wir feiern Christus, das Ziel der Pilgerschaft der Völker auf der Suche nach dem Heil“4, betonte Benedikt XVI.

Im Evangelium heißt es: Die Sterndeuter gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm (Mt 2,11). In ihrer Anbetung erkennen wir die unzähligen Menschen aller Zeiten, die sich auf den Ruf Gottes hin auf den Weg machen, um Jesus Christus zu verehren. So erfüllt sich die Prophezeiung des Jesaja: Steh auf, werde licht, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir (Jes 60,1). Von überall her werden Könige und Völker in das neue Jerusalem kommen, das Licht der Nationen, angezogen durch den Glanz seiner Herrlichkeit. Als Mutter und Lehrerin aller Völker nimmt die Kirche sie in ihren Schoß auf und führt sie Christus als wertvolle Gabe zu.


SEIT DER ANBETUNG der Könige sind mehr als zwanzig Jahrhunderte vergangen, doch dieser Zug der Völker hat gerade erst begonnen. Ein Aufruf hallt durch die Zeiten: Alle Enden der Erde sollen daran denken und sich zum Herrn bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen (Ps 22,28). Die ersten Christen trugen den Glauben in die ganze damals bekannte Welt. Seitdem kommen immer neue Menschen und Völker zum Glauben – auch wir selbst gehören dazu. Jesaja hatte es angekündigt: Erhebe deine Augen ringsum und sieh: Sie alle versammeln sich, kommen zu dir. Deine Söhne kommen von fern (Jes 60,4).

Der heilige Josefmaria erinnerte daran, dass Jesus nicht für einige Privilegierte gekommen ist, sondern um die allumfassende Liebe Gottes zu offenbaren: „Alle Menschen sind von Gott geliebt, von allen erwartet er Liebe – ungeachtet ihrer persönlichen Voraussetzungen, sozialen Stellung, Beruf oder Amt. Das gewöhnliche, alltägliche Leben ist keineswegs von geringem Wert: Alle Wege der Erde können Gelegenheit für eine Begegnung mit Christus sein, der uns zur Einswerdung mit ihm ruft, damit wir – dort, wo wir sind – seine göttliche Sendung erfüllen. Gott ruft uns durch die Zwischenfälle des täglichen Lebens, in der Freude und im Leid unserer Mitmenschen, in den alltäglichen Belastungen unserer Kollegen und in den vielen Kleinigkeiten des Familienlebens. Er ruft uns auch durch die großen Probleme, Konflikte und Aufgaben, die jede geschichtliche Epoche prägen und das Hoffen und Mühen eines Großteils der Menschheit auf sich ziehen.“5

Darum haben auch wir dieselbe Sendung wie die ersten Christen: allen Menschen den Trost der Erlösung zu bringen. Der heilige Josefmaria erinnerte uns daran: „Meine Kinder, wir sind für die Masse da, für die Menge. Es gibt keine Seele, die wir nicht lieben und der wir nicht helfen wollen, indem wir allen alles werden: omnibus omnia factus sum (1 Kor 9,22). Keiner Sorge, keiner Not der Menschen dürfen wir den Rücken kehren.“6


IN DER PRÄFATION der heutigen Messe beten wir: „Heute enthüllst du das Geheimnis unseres Heiles, heute offenbarst du das Licht der Völker, deinen Sohn Jesus Christus.“7 Seither haben sich Generationen von Christen an der Verbreitung der Nachricht beteiligt. Dennoch mahnte der heilige Johannes Paul II., „dass diese Sendung noch in den Anfängen steckt“8. In der Hoffnung, dass dieses Kind das wahre Licht der Welt ist, ein Licht, das in seiner Einfachheit erstrahlt, wollen wir anderen wie der Stern der Weisen den Weg zu Gott zu zeigen.

„Wo ist der König?“, fragte sich der heilige Josefmaria am heutigen Tag. „Ist es nicht so, dass Jesus nirgendwo herrschen will außer in den Herzen, in deinem Herzen? Deswegen machte er sich zum Kind. Denn wer würde ein so kleines Geschöpf nicht lieben? Wo ist der König? Wo ist Christus, den der Heilige Geist in unserer Seele heranbilden möchte? Im Stolz, der uns von Gott trennt, kann er nicht sein, in der Lieblosigkeit, die uns isoliert, kann er nicht sein, denn da ist der Mensch allein. Zu Füßen des Kindes, vor einem König ohne äußere Zeichen seiner Würde, könnt ihr ihm am Tag der Epiphanie sagen: Herr, befreie mein Leben von allem Stolz, durchbrich meine Eigenliebe, diesen Drang, mich um jeden Preis durchsetzen und den anderen meinen Willen aufzwingen zu wollen. Gib, dass die Einswerdung mit dir die Grundlage meines Lebens werde.“9

Am heutigen Tag blicken wir nach Betlehem, um von diesen Weisen aus dem Morgenland zu lernen, die sich vor dem Kind niederwerfen. Wir bitten Maria, uns Demut zu schenken und uns zu lehren, Licht für andere zu sein, damit Christus in unseren Herzen lebt und wir viele Menschen zu seiner erlösenden Liebe hinführen können.


1 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 31.

2 Messe vom Hochfest der Erscheinung des Herrn, Tagesgebet.

3 Franziskus, Homilie, 6.1.2019.

4 Benedikt XVI., Homilie, 6.1.2007.

5 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 110.

6 Hl. Josefmaria, Brief 6.5.1945, Nr. 42.

7 Messe vom Hochfest der Erscheinung des Herrn, Präfation.

8 Hl. Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio, Nr. 1.

9 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 31.