JESUS NAHM gerne Einladungen zum Essen an, auch von Menschen, die ihm kritisch gegenüberstanden. Einmal war er bei einem Pharisäer zu Gast, der sich darüber wunderte, dass Jesus sich vor dem Essen nicht der üblichen rituellen Waschung unterzogen hatte (vgl. Lk 11,37-38). Jesus nahm dies zum Anlass, seine Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu lenken: Nicht nur das äußere Verhalten zählt, sondern vor allem die Haltung des Herzens.
Mit deutlichen Worten kritisierte er die Pharisäer: Weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen (Lk 11,42). Jesus verurteilt nicht die gewissenhafte Erfüllung religiöser Pflichten. Er warnt vielmehr davor, sich so sehr auf äußere Vorschriften zu konzentrieren, dass man darüber die Gerechtigkeit und die Liebe zu Gott vergisst.
Auch wir können in diese Versuchung geraten. Wir erfüllen unsere Pflichten, halten uns an gute Gewohnheiten und tun, was von uns erwartet wird – vielleicht manchmal nur aus Routine, aus Pflichtgefühl oder um Schwierigkeiten zu vermeiden. Doch Gott möchte nicht nur, dass wir das Richtige tun, sondern dass wir es aus Liebe tun. Der heilige Augustinus fasst dies in einem berühmten Satz zusammen: „Liebe und tu, was du willst!“ Und er erklärt: „Schweigst du, so schweige aus Liebe; redest du, so rede aus Liebe; rügst du, so rüge aus Liebe; schonst du, so schone aus Liebe.“1 Die Liebe soll die Wurzel unseres Handelns sein. Sie gibt auch den unscheinbarsten Pflichten ihren eigentlichen Wert.
„ALLES AUS LIEBE TUN“2, empfahl der heilige Josefmaria immer wieder. Denn: „Alles, was aus Liebe getan wird, erhält Schönheit und Größe.“3 Das gilt auch für die unscheinbarsten Aufgaben unseres Alltags. Nicht ihre äußere Bedeutung entscheidet über ihren Wert vor Gott, sondern die Liebe, mit der wir sie erfüllen. Und gerade diese Liebe bewegt uns dazu, unsere Arbeit möglichst gut zu tun.
Der heilige Josefmaria ermutigte deshalb: „Tut alles aus Liebe und in Freiheit, lasst euch niemals von Angst oder Routine leiten, sondern dient unserem Vater Gott.“4 Es lohnt sich, bei unserer Gewissenserforschung nicht nur zu fragen, was wir getan haben, sondern auch, warum: Habe ich aus Liebe zu Gott und den anderen gehandelt? Oder ging es mir vor allem darum, meine Ruhe zu haben, Anerkennung zu finden oder eine Pflicht hinter mich zu bringen?
Wie sehr die innere Haltung unser Leben prägt, zeigt der ältere Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Er war bei seinem Vater geblieben und hatte ihm treu gedient. Doch als sein Bruder zurückkehrte und der Vater ein Fest veranstaltete, wurde er zornig. So viele Jahre schon diene ich dir, hielt er dem Vater vor (Lk 15,29). Er hatte seine Pflichten erfüllt, aber offenbar wenig von der Freude erfahren, die aus dem Bewusstsein erwächst, beim Vater zu Hause zu sein.
Auch wir sind nicht bloß Diener, die ihre Aufgaben erledigen, sondern Kinder eines liebenden Vaters. Seine Gebote wollen uns nicht einengen, sondern uns helfen, in der Liebe zu wachsen. Je mehr wir aus dieser Liebe handeln, desto freier und froher können wir unsere täglichen Pflichten erfüllen.
WER SEINE FREUNDSCHAFT mit Gott pflegen möchte, braucht dafür auch im Alltag Zeit. Zwischen Arbeit, Familie und vielen anderen Verpflichtungen kann das Gebet leicht zu kurz kommen. Deshalb empfahl der heilige Josefmaria einen „Lebensplan“ mit festen Zeiten für das Gebet und andere Gebetsformen. Sie helfen uns, mit Gott verbunden zu bleiben und zu entdecken, dass „jede noch so gewöhnliche Situation etwas Heiliges, etwas Göttliches birgt“5. Der Lebensplan entspricht dem Bedürfnis der Seele, „Gott zu suchen, ihm zu begegnen und mit ihm in Verbindung zu bleiben, während man ihn inmitten der Mühen der gewöhnlichen Arbeit liebevoll staunend anblickt“6.
Doch der Lebensplan darf nicht zum Selbstzweck werden. Der heilige Josefmaria betonte, dass er „kein enges Korsett“ sein dürfe. Er verglich ihn vielmehr mit einem elastischen Handschuh, der sich der jeweiligen Hand anpasst.7 Denn die Umstände unseres Lebens sind verschieden, und manchmal verlangen die Bedürfnisse anderer Menschen, dass wir unsere Pläne ändern.
Entscheidend ist nicht, möglichst viele Gebetsübungen abzuhaken, sondern in der Liebe zu Gott zu wachsen. Das Gebet soll uns helfen, auch unsere Arbeit und unsere Beziehungen mit Liebe zu erfüllen. Bitten wir Maria, dass sie uns lehrt, Gott im Gebet zu suchen und ihm zugleich in den Menschen und Aufgaben unseres Alltags zu begegnen.
1 Hl. Augustinus, Predigten über den 1. Johannesbrief, 7. Predigt, Nr. 8.
2 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 813: „Tut das alles aus Liebe. (…) Beharrlichkeit in den kleinen Dingen, aus Liebe, ist Heroismus.“
3 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 429.
4 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 68.
5 Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 114.
6 Hl. Josefmaria, Brief 3, Nr. 13.
7 Vgl. hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 149.

