Betrachtungstext: 27. Woche im Jahreskreis – Sonntag (A)

Ein Weinberg, der Frucht bringt – Erinnerung an die Pflege des Weinbergs – Christus, Eckstein des Weinbergs

DER PROPHET Jesaja stimmte einmal ein Lied über einen Freund und seinen Weinberg an (vgl. Jes 5,1-7). Der Besitzer hatte alles für eine gute Ernte getan: den Boden vorbereitet, Steine entfernt, einen Turm errichtet und eine Kelter ausgehauen. Doch der Weinberg brachte nur schlechte Früchte hervor. Enttäuscht fragt er: Was hätte es für meinen Weinberg noch zu tun gegeben, das ich ihm nicht getan hätte? (Is 5,4). 

Der Weinberg steht für das Volk, das Gott mit großer Fürsorge begleitet hat und das dennoch nicht die erhofften Früchte bringt. Das Bild lädt auch uns zu der Frage ein: Wie viel hat Gott mir geschenkt – und wie habe ich darauf geantwortet? Reue entsteht dann nicht aus verletztem Stolz über das eigene Versagen, sondern aus Liebe. Papst Franziskus sagt: „Hier weint man, weil man dem Herrn nicht entspricht, der uns so sehr liebt. […] Hier sagt man: ,Ich habe jemanden verletzt, den ich liebe.‘“1

Eine solche Reue entmutigt nicht, sondern hilft uns, neu zu beginnen. Der heilige Josefmaria sagte: „Du und ich, wir wollen viel weinen, allein, in der Gegenwart Gottes, weil wir nicht das sind, was wir aus Liebe zu Gott gerne wären.“2 Christliche Reue bleibt nicht beim eigenen Versagen stehen. Sie schaut auf den, den wir lieben – und führt uns zu ihm zurück.


IM PSALM des heutigen Sonntags bitten wir Gott, seinen Weinberg nicht aufzugeben: Einen Weinstock hobst du aus in Ägypten, du hast Völker vertrieben und ihn eingepflanzt. (...) Gott der Heerscharen, kehre doch zurück, blicke vom Himmel herab und sieh, sorge für diesen Weinstock! Beschütze, was deine Rechte gepflanzt hat, und den Sohn, den du dir stark gemacht! (Ps 80,9.12-16).

Manchmal stellen wir uns Gottes Geduld allzu menschlich vor. Wir wissen, dass er uns liebt, fürchten aber vielleicht, dass er irgendwann von uns enttäuscht sein und sich zurückziehen könnte. Doch Papst Franziskus erinnert daran, dass der Herr „es nie müde wird, zu vergeben, bloß wir werden manchmal müde, um Vergebung zu bitten“3. Gott gibt uns trotz unseres Versagens niemals auf – nicht weil wir gut sind, sondern weil er gut ist. Wie ein Winzer sein Land nicht deshalb pflegt, weil es das verdient hat, sondern weil es seine Pflege braucht, so erreicht uns die Barmherzigkeit Gottes nicht, weil wir sie verdient haben, sondern weil wir sie brauchen. 

Gerne werden wir uns daran erinnern, wie oft wir seine Nähe und Fürsorge schon erfahren haben. Daher können wir den Rat des heiligen Josefmaria auch gut verstehen: „Wenn du niedergeschlagen bist, wenn du dein eigenes Elend vielleicht besonders eindringlich spürst, dann ist der Moment gekommen, dich vollkommen, fügsam, den Händen Gottes zu überlassen.“4 Und wir dürfen darauf vertrauen, dass der, der das gute Werk bei euch begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu (Phil 1,6). Gott gibt seinen Weinberg nicht auf. Auch nach unserem Versagen beginnt er von Neuem, ihn zu pflegen.


AUCH IM EVANGELIUM ist von einem Weinberg die Rede, den sein Besitzer mit großer Sorgfalt angelegt hat (vgl. Mt 21,33-43). Anders als bei Jesaja trägt dieser Weinberg Früchte. Das Problem sind nun die Winzer: Sie wollen die Ernte für sich behalten und vergessen, dass der Weinberg nicht ihnen gehört. Deshalb wird er anderen anvertraut, die dem Besitzer die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist (Mt 21,41).

Auch uns hat Gott etwas von seinem Weinberg anvertraut: Menschen, denen wir durch unser Gebet, unsere Freundschaft und unser Beispiel helfen können, Christus zu entdecken. Doch der Weinberg gehört nicht uns, sondern Gott. Wir sollen andere nicht an uns binden, sondern ihnen helfen, sich immer stärker mit Christus zu verbinden. „Um Christus muss es uns zu tun sein, nicht um uns“5, sagte der heilige Josefmaria. 

Jesus selbst verwendet dafür ein anderes Bild: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben (Joh 15,5). Die Frucht wächst aus der Verbundenheit mit ihm. Deshalb besteht auch unsere wichtigste Sorge darin, selbst bei Christus zu bleiben und anderen zu helfen, ihm näherzukommen. Denn, wie der heilige Josefmaria sagte: „Mit Christus sein heißt, sicher sein. (...) Mit Christus Umgang zu haben, heißt notwendigerweise, Christus zu lieben. Und Christus zu lieben heißt, sich die Glückseligkeit zu sichern.“6 Bitten wir Maria, uns dabei zu helfen: bei Christus zu bleiben und das, was Gott uns anvertraut hat, so zu pflegen, dass es für ihn eine gute Ernte daraus entsteht.


1 Franziskus, Audienz, 12.2.2020.

2 Hl. Josefmaria, Beisammensein, 4.3.1975, citado en Camino, ed. Histórico-crítica, comentario al n. 436.

3 Franziskus, Angelus-Gebet, 17.3.2013.

4 Hl. Josefmaria, Carta 2, Nr. 25.

5 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 163.

6 Hl. Josefmaria, Im Zwiegespräch mit dem Herrn, S. 46.