EINE GROSSE Schar von Frauen begleitete den Herrn und die Apostel (vgl. Lk 8,2) und unterstützte mit ihrem Dienst die Verkündigung des Reiches Gottes (Lk 8,3). Als viele Jünger in der Stunde der Passion fliehen, bleiben sie. Sie stehen unter dem Kreuz und harren aus bis zur Beisetzung des Herrn. Nach der Sabbatruhe eilen sie als Erste zum Grab – und finden es leer. Als Erste hören sie: Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat (Mt 28, 6). Als Erste begegnen sie dem Auferstandenen (vgl. Mt 28, 9). Und ihnen wird der Auftrag anvertraut, den Jüngern die Botschaft zu bringen (vgl. Mt 28, 1-10; Lk 24, 8-11).1 Angesichts dieses unerschrockenen Auftretens rief der heilige Josefmaria aus: „Stärker als der Mann ist die Frau und treuer in der Stunde des Leidens. – Maria Magdalena und Maria Kleophae und Salome! Mit einer Schar mutiger Frauen wie diesen, eng vereint mit der schmerzensreichen Mutter – welch tiefgreifende Arbeit könnte man mit ihnen in der Welt leisten!“2
Diese Treue hat die Geschichte der Kirche bis heute geprägt. Von Anfang an trugen Frauen, wie Johannes Paul II. sagte, „durch ihre Gnadengaben und ihren vielfältigen Dienst“3 wesentlich zum Aufbau der christlichen Gemeinden bei. Benedikt XVI. ging sogar so weit zu sagen, dass das Christentum ohne den hochherzigen Einsatz unzähliger Frauen „eine ganz andere Entwicklung genommen hätte“4. Auch heute sind Frauen berufen, in Familie, Gesellschaft und Kirche etwas einzubringen, das in besonderer Weise zu ihrer Berufung gehört. Der heilige Josefmaria nennt ausdrücklich ihre Feinfühligkeit, ihre unermüdliche Großzügigkeit, ihre Liebe zum Konkreten, ihren Scharfsinn, ihre Intuition, ihre tiefe und schlichte Frömmigkeit und ihre Ausdauer5.
UNTER den Frauen, die Jesus nachfolgten, ragt Maria Magdalena heraus. Sie gehörte zum engsten Kreis um Jesus (Lk 8,2), zog mit ihm und den anderen von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und war schließlich aus Galiläa nach Jerusalem mitgekommen. Dort stand sie mit der Gottesmutter, Johannes und anderen Frauen unter dem Kreuz und war Zeugin von Jesu Todesstunde. Am Ostermorgen wurde sie die erste Zeugin seiner Auferstehung (vgl. Mk 16,9).
Als der auferstandene Jesus ihr erscheint (Mk 16,9), vertraut er ihr eine einzigartige Sendung an: Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen (Joh 20,17-18). Der große Lehrer der Christenheit, Thomas von Aquin, nennt sie deshalb die „Apostelin der Apostel“ und hält fest: „So wie eine Frau dem ersten Menschen Worte des Todes verkündet hatte, so verkündete eine Frau als erste den Aposteln Worte des Lebens.“6
Wie Maria Magdalena sind auch wir berufen, „zu bezeugen, dass Christus lebt“7, wie es im heutigen Tagesgebet heißt. Ihre Freude entsprang der Erfahrung, dass der Auferstandene sie beim Namen rief – er sprach ihn wie kein anderer aus. Nun wusste sie: Jesus lebt, und sie lebt mit ihm. „Wie schön ist es, sich vor Augen zu halten, dass die erste Erscheinung des Auferstandenen (…) auf so persönliche Weise geschehen ist!“, kommentiert Papst Franziskus. „Jeder Mensch ist eine Liebesgeschichte, die Gott auf dieser Erde schreibt.“8 Christus ruft jeden Menschen bei seiner Taufe mit seinem Namen – auch wir können nicht schweigen. Mit unserem Leben und unseren Worten bezeugen wir: Der Herr ist auferstanden. Er lebt unter uns und bringt der Welt das Heil.
VOR IHRER BEGEGNUNG mit Christus war das Leben der Maria von Magdala ein einsamer Leidensweg. Sieben Dämonen quälten sie. Jesus befreite sie (vgl. Lk 8,2) und schenkte ihr ein neues Leben. Bewegt von Liebe und Dankbarkeit begann Maria, ihm überall hin zu folgen. Jesus war der Inhalt ihres Lebens geworden. Was sie dann am Ostersonntag zum Grab trieb, war die Sehnsucht nach dem Meister und der Wunsch, ihm noch einen letzten Dienst zu erweisen: seine Einbalsamierung zu Ende zu führen. Mit anderen Frauen hatte sie wohlriechende Öle gekauft, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben (Mk 16,1). Selbst der Tod konnte ihre Liebe nicht bremsen. Der heilige Gregor der Große schreibt: „Sie suchte ihn, und fand nichts. Sie suchte noch einmal, und fand den Herrn. Und so geschah es, dass ihre Sehnsucht durch die Verzögerung wuchs und stets anwachsend schließlich erlangte, wonach sie verlangte.“9
Maria Magdalena hatte ihre Schwächen, doch sie ließ sich nicht mehr von ihrer Vergangenheit bestimmen. Ihre Geschichte zeigt, dass das christliche Leben aus der persönlichen Begegnung mit Christus lebt. Wer seine Liebe erfahren hat, möchte ihm immer näherkommen und sein Leben nach ihm ausrichten. In der Gemeinschaft der heiligen Frauen fand Magdalena eine einzigartige Weggefährtin in der Gottesmutter. Bitten wir beide, uns eine Liebe zu schenken, die auch in dunklen Stunden nicht schwindet und den Herrn beharrlich sucht, bis sie ihm begegnet.
1 Vgl. hl. Johannes Paul II., Mulieris Dignitatem, Nr. 16.
2 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 982.
3 Hl. Johannes Paul II., Mulieris Dignitatem, Nr. 27.
4 Benedikt XVI., Audienz, 14.2.2007.
5 Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 87.
6 Hl. Thomas, Super Joannem, zitiert von Benedikt XVI., Audienz,14.2.2007.
7 Schott-Messbuch, Tagesgebet zum Fest der Hl. Maria Magdalena.
8 Franziskus, Audienz, 17.5.2017.
9 Hl. Gregor der Große, Homilie 21 (zum 5. Sonntag nach Ostern).

