DIE WERKE der Barmherzigkeit laden uns ein, aus uns herauszugehen und unseren Brüdern und Schwestern mit offenen Armen zu begegnen. Der Katechismus bezeichnet sie als „Liebestaten“, durch die wir unseren Nächsten in ihren leiblichen und geistigen Bedürfnissen entgegenkommen.1 Wir lernen durch sie, die anderen mit den Augen Gottes zu sehen und ihr Wohl zu suchen. Dazu gehört auch, den zurechtzuweisen, der Unrecht tut. Gerade weil wir das Wohl unserer Brüder und Schwestern suchen, möchten wir ihnen helfen, sich von der Sünde abzuwenden oder einen Fehler zu überwinden.
So handelt Gott selbst. Immer wieder ruft er sein Volk durch die Propheten auf den rechten Weg zurück. Javier Echevarría erinnert daran, dass Gott sein Volk trotz seiner Untreue nie aufgibt, sondern es mit Geduld und Liebe zum Heil führt.2 Dasselbe sehen wir im Evangelium. Jesus scheut sich nicht, Menschen zu korrigieren – die Pharisäer ebenso wenig wie Petrus oder Martha. Dabei findet er stets den Ton, der jedem Einzelnen entspricht. Bitten wir Gott um einen Blick auf unsere Mitmenschen, der, wie Papst Benedikt sagte, „erkennt und anerkennt, der unterscheidet und vergibt (vgl. Lk 22,61)“3, wie Gott selbst mit jedem von uns tut.
IM RAHMEN seiner Rede über den Dienst an den Geringsten und die grenzenlose Vergebung sagt Jesus: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen (Mt 18,15). Die brüderliche Zurechtweisung entspringt dem aufrichtigen Wunsch, dem anderen zu helfen, auf dem Weg zu Gott voranzukommen. Schon das Buch Jesus Sirach empfiehlt: Stelle den Freund zur Rede! – Vielleicht hat er nichts getan. Und wenn er etwas getan hat, setze er es nicht fort. Stell den Nächsten zur Rede! – Vielleicht hat er nichts gesagt. (...) Stell den Nächsten zur Rede, bevor du drohst! (Sir 19,13-4.17).
Seit den Anfängen der Kirche gehört diese Haltung zum christlichen Leben. Der heilige Ambrosius schreibt: „Zurechtweisungen sind gut und manchmal besser als stumme Freundschaft. … Erträglicher sind Freundeswunden als Schmeichlerküsse“ (vgl. Spr 27,6).“4 Weil wir Glieder eines Leibes sind, sind uns die Schwierigkeiten der anderen nicht gleichgültig. Wir möchten ihnen helfen, damit niemand vom Weg des Evangeliums abkommt. Darum warnt der heilige Augustinus: „Schlimmer bist du, der du schweigst, als der, der sich verfehlt.“5
Eine brüderliche Zurechtweisung kann nur aus Liebe geschehen. Sie verlangt Feingefühl, Demut und das ehrliche Bewusstsein, selbst der Erste zu sein, der Gottes Barmherzigkeit braucht. Auf diese Weise wird sie nicht als Urteil, sondern als Dienst empfunden, als „ein Freundschaftserweis im Zeichen des Glaubens und als Vertrauensbeweis“6, wie der heilige Josefmaria sagte. Deshalb ist es gut, zuvor mit dem Herrn darüber zu sprechen und das eigene Herz zu prüfen. Papst Franziskus fasst es so zusammen: „Die oberste Regel der geschwisterlichen Zurechtweisung ist die Liebe.“7
DER HEILIGE Josefmaria riet, die brüderliche Zurechtweisung in großer Einfachheit zu üben: „Redet und handelt mit Natürlichkeit. Geht den Dingen auf den Grund ... und seid euch schon im Voraus darüber im Klaren, dass wir mit einem Unbehagen rechnen müssen, wenn wir unseren Christenpflichten ernsthaft nachkommen wollen.“8
Gerade darin zeigt sich ihre Ehrlichkeit. Statt hinter dem Rücken eines Menschen über ihn zu sprechen, wenden wir uns direkt und mit Respekt an ihn. Papst Franziskus warnt deshalb eindringlich vor dem Klatsch, der niemandem hilft, sich zu bessern, sondern nur Spaltung und Leid hervorbringt.9 Die brüderliche Zurechtweisung verlangt zwar Mut, doch sie schafft Frieden: Wer sie erteilt, versucht einem Bruder zu helfen; wer sie annimmt, darf erkennen, dass jemand für ihn betet und ihm sein Heil am Herzen liegt.
Damit sie Frucht bringt, braucht es auch Klugheit. Sie hilft uns, den richtigen Zeitpunkt, die passenden Worte und die wirklich wichtigen Dinge zu erkennen. Nicht jeder Fehler muss sofort angesprochen werden, denn jeder Mensch braucht Zeit und vor allem die Gnade Gottes, um zu wachsen. Bitten wir Maria, die kluge Jungfrau, uns zu lehren, einander auf dem Weg zur Heiligkeit zu helfen, damit wahr wird: Ein Bruder, dem der Bruder hilft, ist wie eine befestigte Stadt (vgl. Spr 18,19).
1 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2447.
2 Javier Echevarría, Podcast Corregir al que se equivoca (auf www.opusdei.es).
3 Benedikt XVI., Botschaft, 3.11.2011.
4 Hl. Ambrosius, Von den Pflichten der Kirchendiener, 3. Buch, Nr. 128.
5 Hl. Augustinus, Sermo 82, Nr. 7.
6 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 566.
7 Franziskus, Audienz, 3.11.2021.
8 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 160.
9 Franziskus, Angelus-Gebet, 10.9.2023.

