„Die Mitternachtssonne ist eine Sonne, die zu früh aufgeht“

Eine Sonne der Einheit, die die lange Nacht der Missverständnisse verdrängt, wünscht sich Raimo Goyarrola. Er stammt aus Bilbao im Baskenland und lebt seit vielen Jahren in Finnland. Er berichtet wie unkompliziert er - bei fehlenden Voraussetzungen - mit der Evangelisation begonnen hat. Die Erstpublikation seiner Geschichte findet sich im Taschenbuch „Warmer Nordwind“.

Persönliche Zeugnisse
Opus Dei - „Die Mitternachtssonne ist eine Sonne, die zu früh aufgeht“Msgr. Raimo Goyarrola und Juhani Holma, lutheranischer Pastor, Leiter des Liturgischen Zentrums der lutherischen Kirche von Finnland

„Als ich siebzehn Jahre alt war, bekam meine Mutter Krebs. Die Operation und die Strahlentherapie hatten keinen Erfolg. Sie musste mit einer Chemotherapie beginnen, bei der sie alle Haare verlor. Wir Männer können uns kaum vorstellen, wie demütigend und belastend das für eine Frau ist.

Mein Vater, meine Geschwister und ich – ich bin der Älteste – hatten angefangen, für ihre Heilung zu beten, aber es ging ihr immer schlechter, bis der Moment kam, dass wir sie ins Krankenhaus bringen mussten. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mit ihr allein war und sie mit dem Finger nach oben zeigte – sprechen konnte sie nicht mehr – so, als wollte sie mir sagen: ‚Ich bin darauf vorbereitet, zu Gott zu gehen.‘

Bring´unseren Kindern bei, dass sie Jesus lieben

Zum Schluss konnte sie sich mit uns nur noch schriftlich verständigen und eines ihrer letzten Worte, die sie meinem Vater schrieb, war: ‚Hab Glauben! Bring unseren Kindern weiterhin bei, Jesus zu lieben.‘ Kurze Zeit später starb sie, fest meine Hand umklammernd. Vorher hatte sie noch die Krankensalbung empfangen.

Ich war damals im ersten Jahr des Medizinstudiums. Ihr Tod hat eine tiefe Spur in mir hinterlassen. Ich beendete mein Studium und ging nach Rom, um weiter zu studieren. Dort war wenige Monate zuvor Alvaro del Portillo verstorben. In Rom bat mich Gott, meinen Beruf auf andere Weise auszuüben, nämlich als Seelenarzt. Ich wurde 2002 zum Priester geweiht und nicht einmal zehn Jahre später, im Sommer 2006, kam ich nach Finnland… und jeden Tag fühle ich mich mehr als Finne.

Arbeitsamkeit, soziale Verantwortung und Toleranz sind typisch finnische Tugenden

Ich habe feststellen können, dass die Tugenden der Finnen wie Arbeitsamkeit, soziale Verantwortung, berufliche Ehrenhaftigkeit und die Haltung der Toleranz es erleichtern, dass sie die Botschaft des heiligen Josefmaria verstehen…

Es ist schon mehr als ein halbes Jahrhundert her, in den Sechzigerjahren, dass die ersten Finnen in Kontakt mit dem Opus Dei kamen. Es waren ein paar Medizinstudenten, die in Österreich das Opus Dei kennengelernt hatten. Die ersten mussten die typischen Anfangsschwierigkeiten durchstehen und sie haben den Grundstein für viele apostolische Initiativen gelegt. Sie mussten eine Bresche schlagen, indem sie bei Null anfingen und es galt, unzählige Hindernisse zu überwinden. Jetzt, einige Jahre später, können wir, die wir nach ihnen gekommen sind, die Früchte von dem einsammeln, was sie gesät haben.

Als katholischer Priester war es schwierig, mit finnischen Studenten in Kontakt zu kommen

Da ich den Wunsch hatte, mich um Studenten zu kümmern, versuchte ich, als Kaplan im biomedizinischen Campus zu arbeiten. Aber ich erreichte nichts, ebenso wenig in der Universität von Helsinki, an der mehr als dreißigtausend Studenten eingeschrieben sind.

‚Okay‘, sagte ich mir, ‚wenn ich weder als Kaplan noch als Lehrer Zugang finde, versuche ich es eben als Student.‘ So fing ich an, in die Vorlesung des Dekans der Fakultät zu gehen, den ich kannte, und ich befreundete mich mit einigen Kommilitonen. Und vor wenigen Monaten, in der Osternacht, taufte ich einen von ihnen.

Katholische Studentenseelsorge zusammen mit den lutherischen Pastoren der Universität

Ich versuchte, anderswo angenommen zu werden, zum Beispiel in der Universität von Otaniemi, an der 16 000 Studenten verschiedener Richtungen der Ingenieurwissenschaften eingeschrieben sind. Ich ging direkt zur Universitätsseelsorge, die von der lutherischen Kirche betreut wird. Man nahm mich sehr gut auf, bot mir ein Büro an und überließ mir zu bestimmten Zeiten die Kapelle. Sehr schnell freundete ich mich mit Jyri und Juha an, den beiden Pastoren.

Von den Tausenden Studenten war, wenn es hoch kommt, nur ein Dutzend katholisch. Um möglichst viele kennenzulernen, spielte ich am Freitag Abend Hallenfußball in einer Turnhalle. Ich strengte mich an, möglichst viele Tore zu schießen, und nach diesem Einstieg sagte ich ihnen, dass ich der neue katholische Kaplan sei. Dank des Fußballs lernte ich viele Studenten der unterschiedlichsten Länder und Religionen kennen.

Dem Beispiel des heiligen Josefmaria folgend, begann ich, mit einigen von ihnen alte Menschen zu besuchen. Da die wirtschaftliche Situation des Landes sehr gut ist, haben die Senioren normalerweise keine materiellen Probleme, aber sie leiden an Einsamkeit oder Vernachlässigung.

Wie ich Chaplain einer Business-School wurde
In einer anderen Universität startete ich einen neuen Versuch, in der Business-School von Kauppakorkeakoulu. Da ich dort niemanden kannte, ging ich gleich zum Büro des Rektors. Zufällig stand die Tür zu seinem Büro offen. Ich empfahl mich Gott und nahm mir vor, der ersten Person, der ich begegnete, meine Bitte vorzutragen.

‚Entschuldigung‘, sagte ich einem Herrn, der kam, um die Tür zu schließen, ‚ich bin katholischer Priester und würde gern den Rektor sprechen, um ihm zu sagen, dass ich gern der Kaplan dieser Universität werden möchte.‘

Er schaute mich erstaunt an – es war der Rektor persönlich – und sagte zu einer Frau, dass sie sich um mich kümmern solle. ‚Das war es‘, dachte ich, ‚nun gut, so haben wir Zeit gespart.‘ Es stellte sich heraus, dass die Frau die Vizerektorin war, und nach einem kurzen Gespräch fügte sie meinen Namen in die Website der Universität als offiziellen katholischen Kaplan ein.

Meine neues Thema „die Einheit der Christen“ kam von meinem Vater

Dadurch lernte ich viele Menschen unterschiedlicher sozialer Situationen, Religionen und Altersstufen kennen. ‚Was tust du dort eigentlich?‘, fragte mich mein Vater, kurze Zeit, nachdem ich in Finnland angekommen war. Ich erzählte ihm von meinen verschiedenen pastoralen Aufgaben: ‚Ich kümmere mich um Familien, um Studenten, Jugendliche …‘ ‚Sehr gut‘, sagte er mit einer für mich erstaunlichen Entschiedenheit, ‚vergiss nicht, dass eine deiner wichtigsten Aufgaben darin besteht, dich für die Einheit der Christen einzusetzen.‘ Mich wunderte das sehr, denn niemals zuvor hatten wir darüber gesprochen.

Hilfsangebot für Menschen in einer Palliativ-Klinik

Eines Tages las ich den Artikel eines nicht-katholischen Arztes, der die Euthanasie verteidigte. Ich fuhr in das Palliativzentrum, das er leitete. Er empfing mich sehr distanziert, denn er wollte nicht mit mir über das Thema sprechen, da er wusste, dass wir unterschiedlicher Ansicht waren. Ich beruhigte ihn und erklärte, dass ich ihn nur darum bitten wollte, dass einige mit mir befreundete Studenten bei der Versorgung der Patienten, die im Endstadium waren, helfen dürften. Ich erklärte ihm, dass es sehr wichtig sei, dass junge Leute den Wert des Schmerzes und des Leidens kennenlernen.

Wichtig für die ökumenische Begegnung ist die direkte Wahrnehmung des anderen

Er lächelte ein wenig und unsere Unterhaltung wurde immer freundschaftlicher bis zu dem Punkt, dass er mir erzählte, dass er in Rom bei einer Audienz mit Papst Franziskus gewesen sei, und was für eine Freude das für ihn gewesen war. Als wir uns verabschiedeten, bat er mich darum, dass ich möglichst kurzfristig mit dem Studenten kommen solle. Trotz unserer in einigen Punkten unterschiedlichen Auffassungen hatte sich zwischen uns ein Vertrauen gebildet, was sehr wichtig ist, wenn der Dialog fruchtbar sein soll. Sehr wesentlich für die ökumenische Bewegung war die veränderte Wahrnehmung des anderen und ein Klima der Freundschaft, das jetzt zwischen so vielen Menschen unterschiedlicher Konfessionen entstanden ist.


Ein Buch und eine Tagung über Euthanasie als Begegnungspunkt
Da ich die Haltung der öffentlichen Meinung in Bezug auf die Euthanasie kannte, schrieb ich in der wenigen Zeit, die mir bei meinen seelsorglichen Verpflichtungen blieb, ein Buch mit Fragen und Antworten zu diesem Thema. Ich bekam viele Rückmeldungen von Leuten, die es gelesen hatten, von Ärzten, lutherischen Bischöfen und Orthodoxen. Kurz danach führten wir mit allen eine Tagung über Euthanasie und Palliativ-Versorgung durch. Und es gibt Fortschritte in diesem Bereich, sowohl in dem, was sich auf die Würde des Kranken als auch auf Mitleid und eine medizinische Praxis bezieht, die in die richtige Richtung führen.

Irgendwann wurde ich dann Generalvikar der Diözese
Während der ersten Jahre in Finnland hatte ich die verschiedensten apostolischen Aufgaben, bis der Bischof, Teemu Sippi, mich zum Generalvikar der Diözese ernannte. Das hat mir ermöglicht, die Freundschaft mit den Mitgliedern anderer Kirchen, wie zum Beispiel dem Archimandrit des Patriarchen von Konstantinopel, den ich während eines ökumenischen Empfangs in Helsinki kennenlernte, zu festigen. Er wurde zum Bischof geweiht und wird als einer der großen Experten für Bioethik innerhalb der orthodoxen Theologie betrachtet.


Lutheraner und Katholiken bei einer Papstaudienz in Rom
Ich hatte die Freude, an einer sehr schönen Tradition teilnehmen zu können: dem offiziellen Besuch der finnischen Delegation, bestehend aus Lutheranern und Katholiken, der jedes Jahr am Fest des heiligen Henrik, dem Patron von Finnland, in Rom stattfindet. Den Höhepunkt bildet eine Privataudienz beim Papst. Bei einem dieser Besuche wurden Seppo, der lutherische Bischof aus Mikkeli, und ich enge Freunde. Wir haben großes Vertrauen zueinander. Er will den Lehren Jesu treu sein und zeigt sehr viel Mut, wenn er über die Würde des Menschen und über Ehe und Familie spricht und damit gegen den Strom schwimmt.

Freundschaft mit Vertretern der orthodoxen Kirche

Ebenfalls hat sich eine Freundschaft mit vielen orthodoxen Priestern entwickelt, die mich bei zahlreichen Gelegenheiten eingeladen haben, an der göttlichen Liturgie teilzunehmen. Häufig sprechen wir miteinander über die Einheit der Christen, im Bewusstsein der doktrinellen, geistlichen und brüderlichen Nähe unserer Kirchen, und gleichzeitig sehen wir die Notwendigkeit zu beten, damit der Herr unsere Herzen bewegt.

Die Worte meines Vaters klingen mir Tag für Tag in den Ohren: ‚Du musst für die Einheit der Christen arbeiten.‘ Auch er hielt im Moment des Sterbens meine Hand, genau wie meine Mutter. Nach seinem Tod spüre ich, dass er mir vom Himmel aus sehr hilft.

Wir Christen stehen in Finnland, wie in anderen Ländern auch, vor vielen Herausforderungen. Menschen, die während des Sommers in unser Land kommen, sind begeistert von der Mitternachtssonne. ‚Es ist eine Sonne, die zu früh aufgeht‘, sagen sie. Ich bitte Gott, dass er die Zeit abkürzt und dass die Sonne der Einheit die lange Nacht der Missverständnisse unter den Christen beendet. Das ist etwas, das nur der Heilige Geist erreichen kann.“ Raimo Goyarrola

Warmer Nordwind: Lebenszeugnisse von Christen in den nordischen Ländern / José Miguel Cejas ; aus dem Spanischen von Helga Kegel und Janni Büsse, fe-Medienverlag, Kisslegg 2018 (mit freundlicher Genehmigung)