Marcus Horn (58) ist Jazz-Schlagzeuger und betreibt eine Musikschule in Erfurt. Der verheiratete Familienvater ist Supernumerarier des Opus Dei und nimmt sich jedes Jahr vier Tage Auszeit in Stille und zurückgezogenheit. Über seine Erfahrungen bei Besinnungstagen spricht er im Interview.
Marcus, wann waren Deine ersten Besinnungstage beim Opus Dei?
2011 habe ich erstmalig an Besinnungstagen teilgenommen, ein Freund aus Erfurt hatte mich damals eingeladen. Ich war etwas unbedarft und wusste überhaupt nicht, was auf mich zukommt. Doch die Erfahrung war so prägend, dass ich seitdem jedes Jahr diese Tage der Stille wahrnehme. Der Alltag ist eben reserviert für die Tätigkeit: die berufliche Arbeit, das Kümmern um die Familie, die Pflege der Freundschaften. Es ist eine quasi permanente Aktion mit vielen Gesprächen. Daher benötige ich in regelmäßigen Abständen Zeiten der Ruhe, in denen ich mich in erster Linie mit Gott beschäftigen kann. Das Schweigen ist mir sehr sympathisch. Der Kopf wird dann wirklich frei, es kommen einem ganz andere Dinge und Themen in den Sinn.
Wie hilft Dir das Programm der Besinnungstage bei Deinem Vorhaben der Stille und Gotteserfahrung?
Die sogenannten Betrachtungen, vom Priester gehaltene Gebetszeiten, bilden den Hauptpunkt des Programms. Es sind für mich sehr wertvolle Anleitungen, die mich mitten in eine Szene des Evangeliums versetzen. In den ersten Minuten der Betrachtung bin ich immer hellwach, danach schweife ich ab – aber nicht, weil mich Desinteresse packt, sondern weil ich mich plötzlich selber in dieser Szene mit Christus wiederfinde und vom Zuhörer zum Akteur werden. Dann gibt es einmal täglich Impulse von Laienmitgliedern des Opus Dei. Sie empfinde ich als besonders wertvoll: Berufstätige Väter wie ich beleuchten ein Thema des christlichen Alltags und geben praktische Tipps. Diese Vorträge helfen mir in hohem Maße, meinen Glauben an Christus in meine konkrete Lebenspraxis eines jeden Tages zu überführen.
Da es Tage der Stille sind, gibt es natürlich nicht dauerhaft Programm. Wie nutzest Du die Zeiten zwischendurch?
Es gibt die Möglichkeit für Spaziergänge und Lektüre, aber am meisten genieße ich die Zeit alleine in der Kapelle vor dem Tabernakel. Das ist ein Luxus für mich, denn in meiner Heimatstadt Erfurt gibt es gerade früh morgens, wenn ich zur Arbeit gehe, keine offenen Kirchen. Im dortigen Dialog mit dem Herrn stoße ich nicht nur auf freundliche Bestätigung, sondern es ergeben sich ganz neue Aspekte: zum Beispiel liebevolle Hinweise zu schlechten Gewohnheiten oder lieblosen Verhaltensweisen in der Familie. In diesen Gesprächen merke ich sehr rasch, dass ich immer erst an zweiter und dritter Stelle komme. Daher sind Besinnungstage so wertvoll und hilfreich: Zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr gelingt es mir so sehr, endlich einmal von mir selbst wegzukommen und mich ganz den anderen und vor allem Gott als dem ganz Anderen zu widmen.
Wie gestaltet sich das Zusammensein mit den anderen Teilnehmern?
Sie sind mir eine große Motivation. Das Schöne ist, dass es sich um ganz normale Menschen handelt: Beim letzten Mal zum Beispiel waren u.a. ein Koch, ein Klavierlehrer und ein Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens mit dabei. Mit „normal“ meine ich, dass man sich – vor allem am Ende der Besinnungstage – wunderbar mit ihnen unterhalten kann. Auch zuvor verbringen sie nicht die ganze Zeit betend auf Knien. Doch im Wesentlichen ist es für mich eine wertvolle Unterstützung, wenn ich merke, dass Menschen wie ich über mehrere Tage derselben Beschäftigung nachgehen wie ich – weil sie wie ich diese Nähe zu Gott suchen.
Wie lädst Du Menschen aus Deiner Umgebung zu Besinnungstagen ein? Wie erklärst Du dieses Angebot?
In der Regel sind Tage der Stille mehr oder weniger bekannt für die Leute. Viele denken dabei an Rückzugsorte wie Klöster, da sie entsprechende Bilder schon mal in Filmen oder Sendungen gesehen haben. Besinnungstage des Opus Dei aber haben diesen Zusatzwert des säkularen Inputs. Was meine ich damit? Die Priester haben alle vor ihrer Weihe in normalen Berufen gearbeitet und kennen sich aus in der Berufs- und Arbeitswelt. Die vortragenden Laienmitglieder ebenso, häufig sind sie zudem verheiratet und haben Kinder. So sind die Besinnungstage zwar eine Entfernung vom gewohnten alltäglichen Leben, doch zugleich holen sie mich genau dort wieder ab. Meine Beziehung zu Gott wird folglich mit meinem Leben zu einer ganz engen Einheit verknüpft. Für diese Erfahrung bin ich sehr dankbar und freue mich über jeden, der sich auch einmal diesem Erlebnis von Tiefe und Stille mit dem Blick auf das eigene Leben aussetzen möchte. Es ist eine alternative Auszeit: Andere fahren in Skiurlaub, ich mache Urlaub für die Seele.
Vielen Dank für das Gespräch.

