ALS JESUS im Tempel umherging, näherten sich ihm jüdische Obrigkeiten und fragten ihn: In welcher Vollmacht tust du das? Wer hat dir diese Vollmacht gegeben, das zu tun? (Mk 11,28). In der Tat hatten viele von ihnen gesehen, wie dieser Rabbi Dämonen austrieb, Brot vermehrte und allein durch sein Wort Tote auferweckte. Und nicht nur das: Sie hatten auch bemerkt, dass seine Lehren Menschenmengen anzuziehen vermochten und bei den Leuten Anklang fanden. Und dennoch verhielt er sich stets ungewöhnlich bescheiden und zurückhaltend.
Was diese Führer des Volkes nicht anerkennen wollten, war, dass Jesu Vollmacht nicht menschlicher, sondern göttlicher Natur war. Deshalb wies er auch jegliche Versuche, ihn als irdischen König auszurufen, stets zurück. Er strebte nicht nach Erfolg oder Anerkennung, wenn er Wunder wirkte und lehrte. Ihn bewegte einzig der Wunsch, die göttliche Freundschaft mit jedem Menschen zu teilen und so den Willen seines Vaters zu erfüllen. Hierin lag der Schlüssel zu seinem Selbstverständnis.
Ganz anders die Schriftgelehrten und Gesetzeslehrer. Sie lehrten von einem erhabenen Lehrstuhl aus und zeigten oft wenig Interesse für die Menschen. Ja, sie legten ihnen erdrückende Pflichten auf, ohne selbst danach zu handeln. Sie hatten ihre Autorität verloren, weil sie weder die Nähe zu Gott noch zu den Mitmenschen pflegten und somit außerstande waren, die göttliche Freundschaft weiterzugeben. „Die Lehre Jesu hingegen“, so Papst Franziskus, „erweckt Staunen und bewegt die Herzen. Denn was Vollmacht verleiht, ist die Nähe, und Jesus war den Menschen nahe und verstand daher ihre Probleme, Schmerzen und Sünden.“1
JESU VOLLMACHT folgt keiner menschlichen Logik. Er drängt sich nicht auf und verschafft sich kein Ansehen durch besonderes Gehabe. Vielmehr erobert er die Herzen der Menschen durch die Sanftheit seiner Liebe. Besonders für diejenigen, die ihm am nächsten standen – vor allem die Apostel – war er ein Meister, der sie von ganzem Herzen liebte. Tag für Tag zeigte er ihnen seine Zuneigung durch kleine Aufmerksamkeiten, verbrachte Zeit mit ihnen und nahm, wenn nötig, liebevoll Korrekturen vor. Nicht umsonst sagte er zu ihnen, bevor er in den Himmel entschwand: Ich habe euch Freunde genannt (Joh 15,15).
Jesus hatte eine Beziehung zu ihnen aufgebaut, die sich nach und nach vertiefte, bis er ihnen sein Herz vollkommen öffnete. Dabei kannte er ihre Grenzen und Schwächen besser als jeder andere. Gerade deshalb wurde ihre Erwählung für die Apostel zu einer Quelle von Stärke und Mut: Christus vertraute ihnen trotz aller Unvollkommenheit die Verkündigung des Evangeliums an. Dieses Vertrauen ließ sie Fähigkeiten entdecken, die vielleicht lange von Unsicherheit oder Versagensängsten verdeckt gewesen waren. Dieses Vertrauen, das Jesus durch die Aussendung des Heiligen Geistes am Pfingsttag nochmals bekräftigte, machte diese Männer zu Säulen der Kirche.
„Gott bedient sich häufig echter Freundschaften, um sein Erlösungswerk zu vollbringen“2, so schrieb der Prälat des Opus Dei. In einem Klima des Vertrauens haben wir keine Angst, dass jemand unsere Schwächen und Kämpfe sieht oder unsere Hoffnungen und Projekte kennt: Wer uns liebt, wird uns unterstützen, sodass unsere Grenzen nicht zu Hindernissen werden. Um eine solche Beziehung aufzubauen, ist es wichtig, uns nicht zu isolieren, sondern zu erkennen, dass es sich lohnt, jemandem zu begegnen, der uns mit seiner Freundschaft helfen kann. Vertrauen erzeugt Vertrauen, und selbst das Risiko, enttäuscht zu werden, ist nicht vergleichbar mit dem Gewinn, den es bedeutet, lieben zu lernen und sich lieben zu lassen. Denn durch die christliche Freundschaft sichert uns Gott seine Gegenwart zu.
JESUS TAT den ersten Schritt, um die Herzen der Apostel zu gewinnen. Und sie antworteten, indem sie ihre Herzen öffneten und alles, was sich darin befand, mit ihm teilten. Diese Beziehung unseres Herrn zu seinen Jüngern inspirierte den heiligen Josefmaria, folgenden Punkt in „Der Weg“ zu schreiben: „Du hast mir geschrieben: ,Beten ist Sprechen mit Gott. Aber wovon?‘ – Wovon? Von ihm und von dir, von Freude und Kummer, von Erfolgen und Misserfolgen, von hohen Zielen und alltäglichen Sorgen ... Von deinen Schwächen! Danksagungen und Bitten. Lieben und Sühnen. Kurz, ihn erkennen und dich erkennen: beisammen sein!“3
Je mehr Zeit wir mit jemandem verbringen, desto eher zeigen wir uns so, wie wir sind. Selbst wenn wir uns anfangs vielleicht hinter einer Maske verbergen, wird diese verschwinden, wenn die Freundschaft ehrlich ist und auf der Wahrheit eines jeden von uns basiert. Etwas Ähnliches geschieht mit Jesus: Er bietet uns eine einzigartige und aufrichtige Freundschaft an und erwartet zugleich, dass wir ihn in das Innerste und Kostbarste unserer Seele einlassen. Durch Gebet und den Umgang mit ihm können wir ihm nach und nach alle Bereiche unseres Lebens offenlegen, sowohl diejenigen, die unsere edelsten Wünsche enthalten, als auch diejenigen, die komplexer und undurchsichtiger sind und bisweilen unsere Hoffnung zu vernichten drohen. Jesus antwortet immer auf unser Vertrauen und erhellt diese Wirklichkeit mit einem optimistischen Blick, sodass wir uns gestärkt fühlen, unser Bestes zu geben.
Mütter kennen ihre Kinder mit bewundernswerter Sicherheit und Tiefe. Es scheint, als existierten für sie keine Masken, die verbergen, wie ihre Kinder sind oder es ihnen geht. In ihrer Weisheit lassen sie ihren Blick zu Worten werden, die ermutigen, die einen Weg nach vorne weisen, die Vertrauen sanft wiederherstellen. Maria, unsere himmlische Mutter, kennt unsere Ängste und unsere Hoffnungen. Wie in Kana zeigt sie uns den Weg zu ihrem Sohn, damit wir ihm unser Herz ganz öffnen.
1 Franziskus, Tagesmeditation, 9.1.2018.
2 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 1.11.2019, Nr. 5.
3 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 91.
