JESUS weiß, dass er in wenigen Stunden von den Soldaten festgenommen werden wird. Er beschließt, die ihm verbleibenden Minuten mit jenen zu verbringen, die er besonders geliebt und mit denen er viel Zeit auf dieser Erde zugebracht hat: den Aposteln. Ihnen öffnet er sein Herz. Er weiß, dass Schmerz, Verlassenheit und Trauer auf sie zukommen, doch er will nicht, dass sich unter seinen Jüngern Schwermut ausbreitet: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! (Joh 14,1).
Dies ist der Schlüssel, den der Herr seinen Jüngern mit auf den Weg gibt, um das Kommende zu bewältigen: an ihn glauben, ihm vertrauen. Es scheint sich um einen sehr allgemeinen Hinweis zu handeln, doch entspricht er einem menschlichen Grundbedürfnis: dem Wunsch, sich auf jemanden zu stützen. Wer sich verirrt, versucht zunächst, einen vertrauten Anhaltspunkt zu finden, um von ihm aus den Weg zum Ziel neu zu bestimmen. Das Gleiche empfiehlt Jesus den Aposteln für die Tage der Passion: Sie sollen an ihn glauben – das heißt wissen, dass sein Leiden nicht vergeblich sein wird, sondern wie angekündigt dazu dienen wird, uns das Leben zu erwirken.
Auch wir können – wie die Apostel – Situationen erleben, in denen uns Jesus abwesend scheint. Müdigkeit, Unverständnis oder eine Krankheit können über unsere Kräfte gehen und uns glauben machen, allein zu sein. Gerade in solchen Momenten bittet uns Jesus, an ihn zu glauben, „das heißt“, wie Papst Franziskus erläutert, „uns nicht auf uns selbst zu stützen, sondern auf ihn. Denn die Befreiung aus dieser ängstlichen Unruhe geschieht durch das Sich-Anvertrauen. Uns Jesus anzuvertrauen, den ,Sprung‘ zu machen. Das ist die Befreiung von Verwirrung. Jesus ist auferstanden und lebt, gerade um immer an unserer Seite zu sein. Dann können wir zu ihm sagen: ,Jesus, ich glaube, dass du auferstanden und an meiner Seite bist. Ich glaube, dass du mich hörst. Ich bringe dir, was mich beunruhigt, meine Sorgen: Ich habe Vertrauen in dich und ich vertraue mich dir an.‘“1
IN SEINER Abschiedsrede nennt Jesus einen weiteren tröstlichen Grund, um die Tage der Passion durchzustehen: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin (Joh 14,2-3). Der Herr macht sich bereit zu sterben, um für uns einen Platz im Himmel zu reservieren, einen Platz, der alle Erwartungen übertrifft, die wir uns mit unserer Phantasie ausmalen können. Wir wissen gerade noch, dass es für immer sein wird – obwohl auch das ein Geheimnis darstellt – und dass wir bei Gott sein werden.
Die Auferstehung Christi war kein beliebiges Wunder. Es bestand nicht darin, einem toten Leib nochmals Leben einzuhauchen, wie es bei Lazarus (vgl. Joh 11,1-44) oder beim Jüngling von Naïn (vgl. Lk 7,11-17) der Fall war, denn sie starben später wieder. Jesus zerbrach die Ketten des Todes, um, wie Papst Benedikt in seinem Jesus-Buch darlegt, „in eine ganz neue Art des Lebens [auszubrechen], in ein Leben das nicht mehr dem Gesetz des Stirb oder Werde unterworfen ist, sondern jenseits davon steht – ein Leben, das eine neue Dimension des Menschseins eröffnet hat.“2
Das Leben, das Jesus uns erlangt hat, verschiebt das menschliche Glück nicht ins Paradies. Alle Heiligen waren, wie der heilige Josefmaria schrieb, in sehr unterschiedlichen Lagen und Zeiten schon hier auf Erden glückliche Menschen: „Die Glückseligkeit des Himmels ist für die, die es verstehen, bereits hier auf Erden wahrhaft glücklich zu leben.“3 Christus hat uns eine Zukunft bereitet, die auch schon die Gegenwart erhellt und uns auf unserem irdischen Weg mit Freude erfüllt. So können wir die Liebe Gottes in jeder Lage erkennen: in Armut und Reichtum, in Ehre und Verleumdung, in Gesundheit und Krankheit, in Frieden und Verfolgung; in jedem Augenblick unseres Lebens bereiten wir uns auf diese neue Wohnung vor, denn wir sind tatsächlich für den Himmel geschaffen (vgl. Phil 4,11-13).
THOMAS antwortet auf Jesu Rede mit einer Frage, die dem gesunden Menschenverstand entspringt: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen? (Joh 14,5). Tatsächlich scheinen die beiden Angebote des Meisters – der Glaube an ihn und die Verheißung des Himmels – nicht leicht umsetzbar. Thomas sucht daher nach weiteren Anhaltspunkten. Es ist, wie wenn er fragen würde: „Wie werde ich wissen, ob ich Gott nachfolge oder mir nur einrede, das Richtige zu tun, obwohl es das in Wirklichkeit nicht ist?“
Auch Philippus hätte gerne eine Garantie und fragt: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns (Joh 14,8). Jesus antwortet mit einer Frage: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt? (Joh 14,9). Christus hätte leicht direkt antworten können, doch er möchte, dass der Apostel die Antwort durch den Blick auf sein eigenes Leben findet. Die Erfahrung seiner Beziehung zu Jesus ist stärker als jede Erklärung. Es ist die Erinnerung an die gemeinsamen Erlebnisse – die Freude, als er ihn in seine Nachfolge rief, die ersten Wunder, die er sah und wirkte, die Gespräche unter vier Augen –, die ihn dazu bringen wird, an Jesus zu glauben, wenn ihn Zweifel überkommen.
In diesen Osterwochen können wir, so sagt Papst Franziskus, dahin zurückkehren, „wo unsere Liebesgeschichte mit Jesus begann, wo er uns zum ersten Mal gerufen hat … [und] erneut den Moment, die Situation und die Erfahrung erleben, in der wir dem Herrn begegnet sind, seine Liebe erfahren und eine strahlend neue Sichtweise auf uns selbst, auf die Wirklichkeit und auf das Geheimnis des Lebens gewonnen haben.“4 Dann wird es uns leichter fallen, Jesus und seinen Verheißungen zu glauben. Die Gottesmutter wird sich häufig an die prägenden Momente ihres Lebens erinnert haben, vor allem an jene, die mit ihrem Sohn zu tun haben. Sie wird uns helfen, unseren Weg zu gehen mit dem Blick auf die Liebe, die unser Leben genährt hat und weiterhin nährt.
1 Franziskus, Regina Coeli-Gebet, 10.5.2020.
2 Benedikt XVI., Jesus von Nazaret, 2. Teil, S. 268.
3 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 1005.
4 Franziskus, Predigt, 8.4.2023.
