IN SEINER Abschiedsrede beim Letzten Abendmahl sagt Jesus einen Satz, der für die Apostel zunächst wohl schwer greifbar war: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt (Joh 15,9). Erst angesichts der radikalen Selbsthingabe Christi bis zum Tod am Kreuz sollten sie verstehen, was diese Aussage wirklich bedeutet. Papst Franziskus gibt uns zu bedenken: „Jesus hat sich freiwillig dem Tod ausgeliefert, um der Liebe Gottes, des Vaters, zu entsprechen, in vollkommener Einheit mit seinem Willen, um seine Liebe zu uns zu beweisen. Am Kreuz hat Jesus mich geliebt und sich für mich hingegeben (Gal 2,20). Jeder von uns kann sagen: Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben. (...) Was bedeutet all das für uns? Es bedeutet, dass dies auch mein (...) Weg ist.“1
Papst Benedikt hebt hervor, dass Christus nicht bei Worten stehen bleibt. Er schenkt sich selbst – in einer Hingabe, die bis zum Äußersten geht. „Sein Wort ist mehr als Rede, es ist Fleisch und Blut für das Leben der Welt (Joh 6,51).“2 Diese Selbsthingabe gehört nicht der Vergangenheit an, sondern vergegenwärtigt sich weiterhin in den Sakramenten.
Das christliche Leben hat daher eine klare Richtung: die anderen zu lieben und ihnen zu dienen, wie Christus es getan hat – uns als Ganzes, entschlossen und großzügig zu verschenken. Am Ende wird einzig zählen, wie wir die Zeit genutzt haben, die uns in dieser Welt zur Verfügung stand, um zu lieben. Gleichzeitig bleibt uns unsere Begrenztheit bewusst. Wie Prälat Fernando Ocáriz formuliert: „Wir schaffen es nicht zu lieben, wie ich euch geliebt habe, denn wer das sagt, ist die unendliche Liebe, die Liebe selbst.“3 Ohne Gottes Hilfe ist der Mensch zur großen Liebe nicht fähig.
DER HERR hat uns seine Liebe bewiesen – und bittet nun, wie ein Bettler: Bleibt in meiner Liebe (Joh 15,9). Die Liebe Gottes zu uns ist die Quelle unseres Lebens und unserer Liebe. In ihr zu bleiben bedeutet, sich eine innere Jugendlichkeit zu bewahren – jene Unruhe des Herzens, die nicht abstumpft, auch wenn die Jahre vergehen. So sagte der heilige Josefmaria einmal: „Wenn ich an den Altarstufen zu Gott bete, der meine Jugend erfreut (Ps 42,4), dann fühle ich mich jung und weiß, dass ich mich niemals alt fühlen werde. Denn wenn ich meinem Gott treu bleibe, wird die Liebe mein Leben immer wieder erneuern. Wie es im Psalm heißt: Wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert (vgl. Ps 103,5).“5
Auf dem Weg durch das Leben entdeckt der Mensch vieles, was ihn anzieht: die Schönheit der Natur, Freundschaften, die Schönheit der Wahrheit. Doch all das stillt das tiefste Verlangen nicht. Der heilige Johannes Paul II. bringt es auf den Punkt: „In der Tat: Es ist Jesus, den ihr sucht, wenn ihr vom Glück träumt. Er ist es, der auf euch wartet, wenn euch nichts von dem zufriedenstellt, was ihr vorfindet; er ist die Schönheit, die euch so anzieht; er ist es, der euch herausfordert mit jenem Durst nach Radikalität, der es euch verbietet, ein angepasstes Leben zu führen; er ist es, der euch dazu drängt, die Masken abzulegen, die das Leben verfälschen; er ist es, der euch im Herzen die wahren Entscheidungen liest, die andere ersticken wollten. Jesus hat in euch die Sehnsucht entfacht, aus eurem Leben etwas Großes zu machen; den Willen, einem Ideal zu folgen; die Weigerung, euch von der Mittelmäßigkeit einfangen zu lassen; den Mut, euch in Demut und Treue darum zu mühen, euch selbst und die Gesellschaft besser zu machen, damit sie menschlicher und geschwisterlicher werde.“4
SEIT DER HERR entschlossen in unser Leben eingetreten ist, versuchen wir, ihm mit der Begeisterung der Apostel nachzufolgen. Sie brachen sofort auf, als sie den wahren Sinn ihres Lebens entdeckten. „Warum sofort?“, fragt Papst Franziskus und antwortet: „Einfach weil sie sich angezogen fühlten. Sie waren nicht deswegen schnell bereit, weil sie einen Befehl erhielten, sondern weil sie von der Liebe angezogen wurden.“6
Mit jedem Lebensabschnitt und den wechselnden Umständen, in denen wir uns bewegen, wird unsere Liebe reifer, denn wir wissen, mit wem wir unterwegs sind und dass es sich lohnt. Der heilige Josefmaria erinnert uns daran, dass „die Hingabe eines jeden ein großzügiges und selbstloses Geschenk seiner selbst war; da wir diese Hingabe bewahren, bedeutet Treue ein immerwährendes Sich-Schenken: Liebe, Großzügigkeit, Entsagung, die fortdauert, und kein bloßes Ergebnis der Trägheit.“7 Wir lieben den Herrn heute mit der Jugendlichkeit der ersten Liebe, die nicht vergeht, denn Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Und selbst wenn die Jahre vergehen und sich unsere Lebensumstände ändern, bleibt diese Liebe, die unser Herz birgt, eine Quelle des Lebens, denn Jesus liebt uns täglich auf neue Weise.
Auf diesem Weg „soll uns die Erfahrung der persönlichen Schwachheit – bei uns selbst und bei den anderen – im Vergleich zum großartigen Angebot des christlichen Glaubens und des Geistes des Werkes nicht entmutigen“8, so schrieb der Prälat des Werkes. Die Spannung zwischen dem hohen Ideal des christlichen Lebens und der konkreten eigenen Realität ist kein Grund zur Resignation. Entscheidend ist, immer wieder neu anzufangen – im Vertrauen auf den Heiligen Geist und mit der Hilfe Marias.
1 Franziskus, Generalaudienz, 27.3.2013.
2 Benedikt XVI., Predigt, 20.3.2008.
3 Prälat Fernando Ocáriz, Im Licht des Evangeliums, S. 142.
4 Hl. Johannes Paul II., Ansprache, 19.8.2000.
5 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 31.
6 Papst Franziskus, Predigt, 26.1.2020.
7 Hl. Josefmaria, Briefe 2, Nr. 12.
8 Prälat Fernando Ocáriz, Brief, 28.10.2020.
