JESUS erzählte einmal das Gleichnis von einem Mann, der in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt hatte und immer wieder nachsah, ob er Früchte trug (Lk 13,6). Doch vergeblich. Nach drei Jahren wollte er den Baum fällen lassen. Warum sollte er weiterhin den Boden beanspruchen, ohne Früchte zu bringen? Doch der Winzer bat ihn: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen! (Lk 13,8–9).
Auch wir erleben manchmal, wie andere Menschen scheinbar nicht vorankommen. Wir versuchen, ihnen zu helfen, hinderliche Gewohnheiten abzulegen, Tugenden zu entwickeln oder Schwierigkeiten zu überwinden. Doch die erhofften Fortschritte bleiben aus. Dann sind wir versucht, wie der Weinbergbesitzer zu denken: Es hat keinen Sinn, sich weiter zu bemühen.
Gerade in solchen Situationen zeigt sich die Geduld als Ausdruck echter Nächstenliebe. Nicht umsonst nennt der heilige Paulus sie als erste Eigenschaft der Liebe (vgl. 1 Kor 13,4). Auch Gott hat Geduld mit uns, ebenso wie viele Menschen, die uns auf unserem Lebensweg begleitet haben. Der heilige Josefmaria ermutigte deshalb dazu, „mit unseren Mitmenschen verständnisvoll zu sein, denn wir begreifen, dass die Seelen – wie der gute Wein – mit der Zeit besser werden“1.
Wie der Wein Zeit zum Reifen braucht, so geschieht auch das Wachstum im geistlichen Leben gewöhnlich Schritt für Schritt. Der heilige Josefmaria erklärte: „In der Regel wirkt die Gnade ähnlich wie die Natur: nach und nach. Wir können den Prozess der Gnade nicht wirklich beschleunigen. Aber wir sollten alles tun, was in unserer Macht steht, um der Gnade Raum zu geben und bereitwillig mit ihr zu kooperieren, wenn Gott sie uns schenkt. (…) Die Gnade folgt normalerweise ihrem eigenen Rhythmus und mag keinen Druck. Sei innerlich voller heiliger Ungeduld – aber verliere nie die Geduld!“2
DIE TUGEND der Geduld brauchen wir auch im Umgang mit uns selbst. Manchmal werden wir ungeduldig, weil unser innerer Kampf kaum Fortschritte zeigt. Wir bemühen uns, eine Tugend zu erwerben oder eine schlechte Gewohnheit abzulegen, und haben doch das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Aber Gott begegnet uns mit derselben Geduld wie der Winzer im Gleichnis dem unfruchtbaren Feigenbaum. Papst Franziskus betonte: „Angesichts unserer Untreue erweist Gott sich als langmütig (vgl. Ex 34,6; vgl. Num 14,18): Statt seine Abscheu gegenüber dem Bösen und der Sünde des Menschen zu äußern, erweist er sich als größer und zeigt unendliche Geduld, um immer wieder neu zu beginnen.“3
Selbst unsere Schwächen können zum Nährboden für geistliches Wachstum werden, wenn wir sie demütig anerkennen und mit Gottes Hilfe bekämpfen. Vielleicht verschwinden sie nicht vollständig, doch gerade die Auseinandersetzung mit ihnen kann uns helfen, in der Demut, im Vertrauen und in der Liebe zu wachsen. Entscheidend ist, dass wir uns nicht entmutigen lassen, sondern geduldig weiterarbeiten und auf Gottes Gnade vertrauen.
Der heilige Josefmaria erinnert daran: „In Seelenkämpfen ist die Strategie oft eine Frage der Zeit und der geduldigen und hartnäckigen Anwendung des richtigen Mittels. (...) Der allmächtige und barmherzige Herr hat uns die notwendigen Mittel gegeben, um siegreich zu sein. Es genügt, dass wir sie anwenden – ich sagte es schon – und entschlossen sind, sooft es nötig ist, immer wieder neu zu beginnen.“4
DER RHYTHMUS unseres Alltags ist der Übung der Geduld nicht gerade förderlich. Was früher viel Zeit beanspruchte, lässt sich heute oft in kürzester Zeit erledigen. Diese Erwartung übertragen wir leicht auf andere Lebensbereiche: Auch für Schwierigkeiten und leidvolle Situationen wünschen wir uns rasche Lösungen. Papst Franziskus sagte: „Wir benötigen die Geduld wie ein ,essentielles Vitamin‘, um voranzukommen, doch instinktiv werden wir ungeduldig und neigen dazu, Böses mit Bösem zu vergelten. Es ist schwierig, die Ruhe zu bewahren, unsere Instinkte zu zügeln, ein scharfes Wort zurückzuhalten oder Konflikte in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der christlichen Gemeinde zu entschärfen.“5 Wie schnell lassen wir uns zu einer verletzenden Bemerkung oder unbedachten Reaktion hinreißen, die wir später bereuen!
Geduld ist ein Zeichen menschlicher Reife und innerer Freiheit. Sie hilft uns, Schwierigkeiten zu ertragen, ohne die Hoffnung zu verlieren. Vor allem aber ist sie eine Frucht des Heiligen Geistes (vgl. Gal 5,22). Ihr vollkommenes Vorbild finden wir in Jesus Christus. Papst Franziskus beschreibt sein Verhalten während der Passion: „Jesus lässt sich mit Milde und Sanftmut gefangen nehmen, ins Gesicht schlagen und zu Unrecht verurteilen. Vor Pilatus beklagt er sich nicht, er erträgt die Schmähungen, das Spucken und die Geißelung der Soldaten. Er trägt die Last des Kreuzes, vergibt denen, die ihn ans Holz nageln und am Kreuz reagiert er nicht auf Provokationen, sondern schenkt Barmherzigkeit.“6
Die Geduld Jesu ist keine bloße Leidensfähigkeit, sondern „Frucht einer größeren Liebe“7 ist. Auch Maria blieb ihrem Sohn bis unter das Kreuz treu. Bitten wir sie, uns zu helfen, Schwierigkeiten mit Geduld und Liebe zu begegnen. Denn, so heißt es im Buch der Sprichwörter, der Geduldige ist größer als ein Kriegsheld (Spr 16,32).
1 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 78.
2 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 668.
3 Franziskus, Audienz, 27.3.2024.
4 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 219.
5 Franziskus, Audienz, 27.3.2024.
6 Ebd.
7 Ebd.
