IM BRIEF an die Römer fordert der heilige Paulus die Christen auf, sich von der Herrschaft der Sünde zu befreien und ihr Leben in den Dienst Gottes zu stellen: Die Sünde soll nicht mehr in eurem sterblichen Leib herrschen, sodass ihr seinen Begierden gehorcht. Stellt eure Glieder nicht der Sünde zur Verfügung als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch Gott zur Verfügung als Menschen, die aus Toten zu Lebenden geworden sind, und stellt eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit in den Dienst Gottes! (Röm 6,12-13).
Paulus wusste, was die Erfahrung vieler Heiliger bestätigt: Die Sünde verspricht viel und hält wenig. Sie lockt mit Freiheit und macht doch unfrei; sie weckt Erwartungen und hinterlässt Enttäuschung. Vor allem lässt sie den Menschen zunehmend auf sich selbst vertrauen, bis Gott aus seinem Blickfeld verschwindet. Der heilige Augustinus beschrieb diesen Gegensatz mit den Worten: „Zweierlei Liebe hat die beiden Staaten gegründet: und zwar den Weltstaat die bis zur Verachtung Gottes gesteigerte Selbstliebe, den Himmelsstaat die bis zur Verachtung seiner selbst gehende Gottesliebe. Kurz gesagt: Der eine rühmt sich in sich selbst, der andere rühmt sich im Herrn.“1 Die Versuchung stellt uns stets das vermeintlich Gute vor Augen, das wir gewinnen könnten, verschweigt aber, was wir dadurch verlieren.
Unsere Entscheidungen prägen uns. Was wir immer wieder wählen, gewinnt zunehmend Einfluss auf unser Denken, Fühlen und Handeln. Wer der Selbstsucht nachgibt, wird empfänglicher für ihre Verlockungen. Wer sich dagegen für das Gute entscheidet, auch wenn es Mühe kostet, wächst in der Liebe und gewinnt an innerer Freiheit. Papst Franziskus beschreibt sie als eine Freiheit, die „eine neue, geistliche Sicht auf die irdischen Wirklichkeiten ermöglicht. Es ist die Freiheit, Gott und unsere Brüder und Schwestern mit reinem Herzen zu lieben und in freudiger Hoffnung auf das Kommen des Reiches Christi zu leben.“2
IN EINEM GLEICHNIS erzählt Jesus von einem Verwalter, dem sein Herr die Verantwortung für sein Haus anvertraut hat. Weil er glaubt, sein Herr werde noch lange ausbleiben, beginnt er, seine Mitknechte zu misshandeln und ein ausschweifendes Leben zu führen. Doch der Herr kehrt unerwartet zurück und zieht ihn zur Rechenschaft. Der Verwalter hatte sich in trügerischer Sicherheit gewiegt: Er glaubte, über seine Zeit nach Belieben verfügen zu können, ohne an die Folgen seines Handelns denken zu müssen.
Unser Herz auf das Gute auszurichten, braucht Zeit und Übung. Gott schenkt uns diese Zeit, damit wir mit seiner Gnade lernen, unsere Wünsche und Entscheidungen immer mehr auf ihn auszurichten. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, uns etwas zu versagen, sondern darum, das zu lieben, was uns wirklich glücklich macht. Papst Franziskus veranschaulicht dies am Beispiel eines jungen Mannes, der Arzt werden möchte: „Wenn ein junger Mann den Wunsch hat, Arzt zu werden, muss er Jahre des Studiums absolvieren, was bedeutet, dass er Einschränkungen in Kauf nehmen muss. Er muss ,nein‘ sagen zu anderen Studien und auch zu manchen Vergnügungen, besonders in den Phasen intensiven Studiums. Doch die Sehnsucht, seinem Leben eine Richtung zu geben und sein Ziel zu erreichen – Arzt zu werden – motiviert ihn, diese Schwierigkeiten durchzustehen. Die Sehnsucht macht ihn stark und mutig und lässt ihn vorangehen.“3
Auch der Weg zur Heiligkeit verlangt Entscheidungen, Ausdauer und manchmal Verzicht. Doch wer Gott liebt, erlebt diese Anstrengungen nicht bloß als Last. Der heilige Josefmaria schrieb: „Wo Liebe ist, dort gibt es Ganzheit: die Fähigkeit zu Hingabe, Opfer und Verzicht. Und mitten in Hingabe, Opfer und Widrigkeiten finden wir Freude – eine Freude, die uns niemand nehmen kann.“4 Nicht der Verzicht steht im Mittelpunkt des christlichen Lebens, sondern die Liebe, die ihn sinnvoll macht.
EIN BESONDERES MITTEL, das Gott uns schenkt, um unser Herz immer neu auf ihn auszurichten, ist die Beichte. In diesem Sakrament begegnet uns Christus, vergibt uns unsere Sünden und schenkt uns neue Kraft. Wer nach langer Zeit wieder beichtet, erlebt dies oft als bewegenden Neubeginn. Wer hingegen regelmäßig zur Beichte geht, läuft Gefahr, sie als bloße Routine zu empfinden. Doch der heilige Josefmaria erinnerte daran, dass „der Herr das Sakrament der Buße nicht nur eingesetzt hat, um uns die Sünden zu vergeben, sondern auch um uns Kraft zu schenken und uns die Gelegenheit zu geben, Orientierung und geistliche Hilfe zu empfangen“5. Jede Beichte ist eine Begegnung mit der Barmherzigkeit Gottes, die uns von der Last der Sünde befreit und für den täglichen Kampf stärkt.
Wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn wartet Gott voller Liebe auf unsere Rückkehr. Papst Franziskus beschreibt, was dabei geschieht: „Oft denken wir, Beichte bedeute, mit gesenktem Haupt vor Gott zu treten. Doch es ist nicht so sehr unser Schritt zu ihm, sondern sein Kommen zu uns, um uns mit seiner Gnade und Freude zu erfüllen. Beichten heißt, dem Vater die Freude zu bereiten, dass wir uns von ihm wiederaufrichten lassen. Im Zentrum stehen nicht unsere Sünden – ja, sie sind da, aber sie sind nicht das Wesentliche –, sondern seine Vergebung: das ist das Entscheidende.“6
Deshalb ermutigte der heilige Josefmaria dazu, die Beichte nicht nur regelmäßig zu empfangen, sondern sie auch lieben zu lernen: „Es macht mir große Freude, dieses Gnadenmittel zu empfangen, denn ich weiß, dass der Herr mir verzeiht und mich mit neuer Kraft erfüllt. Und ich bin überzeugt, dass die fromme Praxis der Beichte uns lehrt, mehr Reue zu empfinden und somit mehr Liebe.“7 So wird jede Beichte zu einem Schritt in die Freiheit der Kinder Gottes: Wir lassen uns aufrichten und lernen, Gott immer mehr zu lieben. Bitten wir Maria, unsere Mutter, dass wir bei jeder Beichte etwas von der Freude erfahren, ins Haus des Vaters zurückzukehren.
1 Hl. Augustinus, Über den Gottesstaat, 14, 28.
2 Franziskus, Predigt, 15.8.2014.
3 Franziskus, Audienz, 12.10.2022.
4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 75.
5 Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen von einer Betrachtung, 8.10.1972, zitiert in Alltag und Heiligkeit in der Lehre des heiligen Josefmaria (III), E. Burkhart – J. López, S. 499.
6 Franziskus, Predigt, 25.3.2022.
7 Hl. Josefmaria, Allein mit Gott, Nr. 259.
