JESUS verkündete das Reich Gottes nicht nur unter dem Volk Israel, sondern überschritt auch dessen Grenzen. So kam er bis in die Küstenregionen von Tyrus und Sidon, wohin ihm sein Ruf bereits vorausgeeilt war. Dort trat ihm etwa eine kanaanäische Frau entgegen und flehte ihn an, ihre Tochter zu heilen. Obwohl sie wusste, dass Jesus zuerst zu Israel gesandt war, hoffte sie, auch für ihr Anliegen ein offenes Ohr zu finden. Demütig sagte sie: Selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen (Mt 15,27). Ihr Glaube rührte den Herrn, und er erfüllte ihre Bitte. Wenig später, im ebenfalls heidnischen Gebiet der Dekapolis, heilte Jesus einen Taubstummen und speiste mit sieben Broten und wenigen Fischen eine große Menschenmenge. Immer wieder begegnen wir im Evangelium demselben Beweggrund seines Handelns: Ich habe Mitleid mit diesen Menschen (Mk 8,2).
Aus Liebe und Erbarmen ließ Jesus niemanden gleichgültig an sich vorüberziehen. Auch wir begegnen Menschen in Not, die Trost und Hilfe brauchen. Manche bringen dies offen zum Ausdruck, wie die kanaanäische Frau; andere verbergen ihren Schmerz, wie die hungernde Menge, und hoffen dennoch auf einen aufmerksamen Blick, der ihre Lage durchschaut. Prälat Fernando Ocáriz schreibt: „Die Vereinigung mit dem Herrn in den Sakramenten und im Gebet führt dazu, den Nächsten und seine Nöte zu sehen und weniger auf sich selbst zu achten. Nächstenliebe verändert die Sichtweise.“1 Unsere erste Aufmerksamkeit gilt den Menschen, die Gott uns anvertraut hat. Je besser wir ihre Hoffnungen und Ängste, ihre Stärken und Schwächen kennen, desto eher können wir ihre Bedürfnisse erahnen – oft noch bevor sie selbst sie aussprechen.
GALILÄA im jüdischen Kernland wurde für Jesus mehrfach zu einem Ort der Enttäuschung. Obwohl er in Chorazin und Betsaida besonders viele Wunder gewirkt hatte, waren viele Einwohner nicht bereit, ihr Leben zu ändern. Sie zogen es vor, in ihren gewohnten Bahnen zu bleiben, statt die Frohe Botschaft anzunehmen. Darüber war der Herr tief betrübt: Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wenn in Tyrus und Sidon die Machttaten geschehen wären, die bei euch geschehen sind – längst schon wären sie in Sack und Asche umgekehrt (Mt 11,21). Die heidnischen Städte, so sagt Jesus, würden am Tag des Gerichts milder behandelt werden, weil ihnen die Gnade der Erwählung nicht zuteilgeworden war. Sein Schmerz entspringt der Liebe: Er leidet darunter, dass so viele Menschen sein Kommen nicht erkennen. Papst Benedikt XVI. erklärt: „Es gibt eine innere Verschlossenheit, die den tiefen Kern der Person betrifft, jenen Kern, den die Bibel das ,Herz‘ nennt. Und Jesus ist gekommen, dieses zu ,öffnen‘, zu befreien, um uns fähig zu machen, in Fülle die Beziehung mit Gott und den anderen zu leben.“2
Auch an unsere Tür klopft der Herr immer wieder und wartet darauf, dass wir ihm öffnen:. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und Mahl mit ihm halten und er mit mir (Offb 3,20). Wenn wir auf unser Leben zurückschauen, entdecken wir wahrscheinlich viele Zeichen seiner Nähe und seines Wirkens. Doch auch wir laufen Gefahr, uns daran zu gewöhnen und sie zu übersehen – wie einst die Bewohner von Chorazin und Betsaida. Bitten wir deshalb den Heiligen Geist um einen wachen Blick, damit wir Gottes Wirken auch im Gewöhnlichen erkennen, uns von ihm verwandeln lassen und unser Herz nicht verschließen.
GOTT ist Liebe (1 Joh 4,8), das bezeugt der Apostel Johannes. Und diese Erfahrung haben alle Menschen machten, die mit Jesus lebten. Wir können sie bis heute teilen. Gottes Liebe ist dabei keine Belohnung für unser gutes oder wohlgefälliges Verhalten. Er wartet auch nicht, bis wir den ersten Schritt tun, sondern er ist es, der uns umwirbt, der die Initiative ergreift und auf uns zugeht. Deshalb fährt Johannes fort: Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat (1 Joh 4,10). Die gesamte Schöpfung erzählt von dieser vorausgehenden Liebe und lädt uns ein, Gott zu loben.
Doch oft erkennen wir seine Gegenwart nicht. Wir übersehen seine leisen Zeichen der Nähe, seinen Trost in schweren Stunden oder seine Freude an unseren Freuden. Allzu leicht bleiben wir in einer rein menschlichen Sichtweise gefangen und verschließen uns dem Wirken Gottes. Deshalb sagt Jesus: Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen (Mt 11,16-17). Gott spricht auf vielfältige Weise zu uns – doch wir sind nicht immer bereit, seine Stimme zu hören.
Seine Liebe bleibt dennoch bedingungslos. Weder seine Menschwerdung noch sein Tod am Kreuz waren an Voraussetzungen geknüpft. In Maria sehen wir, wie ein Mensch diese Liebe vorbehaltlos aufnimmt. Ihr Herz schlug ganz im Einklang mit dem Herzen ihres Sohnes. Sie möge uns helfen, Gottes Liebe immer mehr zu erkennen und ihr mit einem offenen Herzen zu antworten.
1 Msgr. Fernando Ocáriz, Ansprache am „Tag der sozialen Innovationen“, 29.9.2022 in Rom.
2 Benedikt XVI., Angelusgebet, 9.9.2012.
