ALS JESUS mit seinen Jüngern durch Kornfelder ging, verspürten diese Hunger. Sie rissen einige Ähren ab, rieben die Körner zwischen den Händen und aßen sie (vgl. Lk 6,1). Das händische Pflücken von Ähren beim Durchschreiten eines Feldes war nach dem Gesetz erlaubt (vgl. Dtn 23,26) – nicht jedoch, wenn es nach den Pharisäern ging und an einem Sabbat geschah. Deshalb machten diese Jesus Vorwürfe: Sieh her, deine Jünger tun etwas, das am Sabbat verboten ist (Mt 12,2).
Gott selbst hatte Israel einst geboten: Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! (Ex 20,8). Der Sabbat sollte anfangs an Gottes Ruhe nach der Schöpfung erinnern: In sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt (Ex 20,11). Später diente er auch der Erinnerung an die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens. Im Lauf der Zeit war dieses Gebot jedoch mit einer Fülle menschlicher Vorschriften umgeben worden. Zur Zeit Jesu zählte man 39 Arbeiten, die am Sabbat verboten waren.
Jesus lässt sich auf eine Detaildiskussion gar nicht erst ein. Er lenkt den Blick auf den eigentlichen – und vielleicht vergessenen – Sinn des Gebotes: Der Sabbat war nicht dazu da, um die Menschen mit immer neuen Vorschriften und Verboten zu binden, sondern um sie einmal wöchentlich vom weniger Wichtigen zu entbinden. Das Sabbatgebot stand unter dem Motto der Befreiung: Die Menschen sollten frei werden von der Herrschaft der Arbeit, frei von der Hektik des Alltags, damit sie ihren Blick auf Gott richten konnten und sich daran erinnerten, dass sie Kinder des Schöpfers aller Dinge und desjenigen sind, der sie von aller Knechtschaft befreit.
JESUS NÜTZT die Auseinandersetzung um den Sabbat, um seine wahre Identität zu offenbaren. Er erinnert die Pharisäer daran, dass die Priester auch am Sabbat im Tempel Dienst tun, ohne sich deshalb schuldig zu machen, und fügt dann noch hinzu: Hier ist Größeres als der Tempel (Mt 12,5-6). Für seine Zuhörer war die Aussage eindeutig: Über dem Tempel steht allein Gott – Jesus erklärt hier also offen seine Göttlichkeit. Noch klarer wird er wenig später, wenn er sagt: Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat (Mt 12,8), und somit eine Vollmacht beansprucht, die allein Gott zukommt.
Jesus wollte den Sabbat weder abschaffen noch geringachten. Er selbst hielt sich treu an das Gesetz: Er besuchte regelmäßig die Synagoge, pilgerte häufig zum Tempel und feierte die Feste Israels wie jeder fromme Jude. Nur führte er das Gebot zu seinem eigentlichen Sinn zurück. Auch nach seiner Auferstehung versammelten sich seine Jünger weiterhin am Sabbat in der Synagoge, begannen aber gleichzeitig, am ersten Tag der Woche die Auferstehung des Herrn zu feiern. Dieser Tag wurde zum Zeichen der Neuschöpfung und der endgültigen Befreiung.
So trat nach und nach der Sonntag an die Stelle des Sabbats als dies Domini, als Tag des Herrn. Er wurde zum Mittelpunkt des christlichen Lebens. Deshalb lädt die Kirche die Gläubigen ein, sich an diesem Tag von allem freizuhalten, was den Gottesdienst, die Freude des Sonntags oder die notwendige Erholung von Geist und Körper beeinträchtigen könnte.1 Der heilige Johannes Paul II. fasst den Sinn des Sonntags treffend zusammen: Christus schenkt „uns ,seinen Tag‘ als ein immer neues Geschenk seiner Liebe. Die Zeit, die wir ihm widmen, ist daher niemals verlorene, sondern gewonnene Zeit – für die tiefe Vermenschlichung unserer Beziehungen und unseres Lebens.“2
ZU DEN ältesten Zeugnissen für die sonntägliche Eucharistiefeier zählt der Bericht des heiligen Justin aus dem 2. Jahrhundert. Er schildert, dass „an dem Tage, den man Sonnentag nennt, eine Versammlung aller stattfindet, die in Städten oder auf dem Lande wohnen; dabei werden die Denkwürdigkeiten der Apostel oder die Schriften der Propheten vorgelesen. (...) Dann werden Brot, Wein und Wasser herbeigeholt, der Vorsteher spricht Gebete und Danksagungen mit aller Kraft, und das Volk stimmt ein, indem es das Amen sagt.“3 In der Sonntagsmesse begegnen wir dem auferstandenen Herrn: Wir hören sein Wort und lassen uns in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche vom Brot des Lebens stärken. Papst Franziskus erinnert daran: „Es war das christliche Bewusstsein, als Kinder und nicht als Sklaven zu leben, beseelt von der Eucharistie, das den Sonntag – fast weltweit – zum Ruhetag gemacht hat. (…) Die sonntägliche Begegnung mit dem Herrn gibt uns die Kraft, das Heute mit Vertrauen und Mut zu leben und mit Hoffnung voranzugehen.“4
Der Sonntag ist deshalb zugleich der „Tag des Herrn“ und der „Tag des Menschen“. Es ist ein besonderes Ausruhen in Gemeinschaft mit Gott und der ganzen Kirche. Der heilige Josefmaria sagte einmal: „Ich habe Erholung immer als eine Auszeit vom Alltag, aber nie als Zeit des Müßiggangs verstanden. Erholung bedeutet Sammeln: Energien aufladen, Hoffnung schöpfen, Pläne schmieden – kurz gesagt: die Art der Tätigkeit wechseln, um dann mit frischem Schwung zur gewohnten Arbeit zurückzukehren.“5 Die Jungfrau Maria hat an den frühesten Sonntagsversammlungen teilgenommen. Sie möge uns helfen, aus Gottes Wort und dem Brot des Lebens Kraft für die neue Woche zu schöpfen.
1 Vgl. Kodex des kanonischen Rechts, Nr. 1247.
2 Hl. Johannes Paul II., Dies Domini, Nr. 7.
3 Hl. Justin, Apologíe, 1, 65.
4 Franziskus, Audienz, 13.12.2017.
5 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 514.
