Betrachtungstext: 11. Woche im Jahreskreis – Samstag

Ein Schöpfer, der barmherzig ist – Einem einzigen Herrn dienen – Gott ist immer treu

DER HEILIGE PAULUS erinnerte in seinen Briefen wiederholt an die unerschütterliche Liebe Gottes: Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? (...) Weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn (Röm 8,31.39). Diese Gewissheit war für Paulus keine bloße Idee. Sie gründete auf einer persönlichen Erfahrung. Er hatte die verwandelnde Kraft der Liebe Christi im eigenen Leben erfahren und war deshalb überzeugt, dass keine Macht der Welt stärker ist als sie. Die gleiche Erfahrung ließ den heiligen Augustinus bekennen: „Meine ganze Hoffnung ruht allein auf deiner großen Barmherzigkeit.“1 

Die Liebe Gottes ist nicht nur mächtig, sie ist auch grenzenlos und übersteigt Raum und Zeit. Der Psalmist besingt sie mit den Worten: Seine Liebe reicht, soweit der Himmel ist, seine Treue bis zu den Wolken (vgl. Ps 36,6). Und im Psalm 89 erinnert er an Gottes Verheißung an David: Auf ewig werde ich ihm meine Huld bewahren, mein Bund mit ihm ist verlässlich. Sein Haus lasse ich dauern für immer (Ps 89,29-30). Umso überraschender ist die Wendung, die dieser Psalm nimmt. Nach dem feierlichen Lob der Treue Gottes folgt plötzlich eine Klage. Das davidische Königtum scheint zusammenzubrechen, die Feinde triumphieren – und Gott schweigt. Was ist aus seinen Verheißungen geworden? Der Psalm verschweigt die Ursache nicht: Das Volk hat sich von Gott entfernt, ist dem Götzendienst verfallen und erlebt nun die Folgen seiner Untreue. Dennoch hält der Beter an Gottes Zusagen fest. Gerade in der Dunkelheit klammert er sich an die Gewissheit, dass Gottes Treue größer ist als menschliches Versagen.

Darin liegt auch für uns eine wichtige Lehre. Unsere Liebe zu Gott darf nicht vom persönlichen Erfolg oder von günstigen Umständen abhängen. Der Glaube bewährt sich gerade dann, wenn Gottes Nähe nicht unmittelbar spürbar ist. Wer auf seine Verheißungen vertraut, kann auch in schwierigen Zeiten Licht weitergeben. So fordert uns Christus auf, Gutes zu tun, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen (Mt 5,16). Dieses Licht mag oft unscheinbar erscheinen – wie das kleine Samenkorn, von dem Jesus spricht. Doch in ihm ist bereits die Kraft jenes Gottes gegenwärtig, dessen Liebe niemals vergeht.


JESUS SAGT: Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (Mt 6,24-25). Wer sein Vertrauen auf vergängliche Güter setzt, läuft Gefahr, gerade dadurch den Blick für das Wesentliche zu verlieren: für die Liebe Gottes, die allein dem Herzen dauerhaften Frieden schenken kann. Darum bitten wir den Herrn, unseren Verstand zu erleuchten und unser Herz zu läutern. Ob in der Arbeit, im Familienleben, in unseren Freundschaften oder Freizeitbeschäftigungen – alles soll seinen rechten Platz finden und uns näher zu Gott führen. Deshalb erinnert Jesus uns eindringlich: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken sollt, noch um euren Leib, was ihre anziehen sollt! (...) Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern? (Mt 6,26-27).

Diese Versuchung macht auch vor apostolischen Aufgaben nicht halt. Selbst wer sich großzügig für Gott einsetzt, kann mit der Zeit das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren, wenn persönliche Interessen oder äußere Erfolge zu wichtig werden. Der heilige Josefmaria sagte deshalb über die körperschaftlichen Werke des Opus Dei, dass der Erfolg oder Misserfolg dieser Arbeit „entscheidend davon abhängt, ob sowohl die Akteure wie auch die Nutznießer dieser Arbeit dort wirksam Hilfe und Ansporn finden, um Gott mehr zu lieben, sich immer deutlicher als Brüder aller Menschen erkennen und dies durch einen selbstlosen Dienst an ihren Mitmenschen bezeugen.“2 Immer neu lernen wir, Gott an die erste Stelle zu setzen und alle anderen Wirklichkeiten von ihm her zu lieben. Je mehr Gott zum Mittelpunkt unseres Lebens wird, desto freier werden wir auch im Umgang mit den Gütern dieser Welt und desto besser können wir sie für das Gute einsetzen.


ES STEHT außer Frage, dass es das Böse in der Welt gibt – und dass es Folgen hat. Doch Gottes Gerechtigkeit hebt seine Liebe nicht auf. Durch den Psalmisten lässt er sagen: Wenn (Davids) Söhne meine Weisung verlassen, (...) werde ich ihre Vergehen mit der Rute strafen und ihre Sünde mit Schlägen. Doch ich entziehe ihm nicht meine Huld und breche ihm nicht meine Treue (Ps 89,31-34). Selbst wenn der Mensch untreu wird, bleibt Gott seinem Bund treu. Darum konnte Papst Franziskus sagen: „Unsere Treue ist nichts anderes als eine Antwort auf die Treue Gottes – Gott, der treu zu seinem Wort und zu seiner Verheißung steht.3 Diese Gewissheit schenkt dem Glaubenden Halt. 

Deshalb dürfen uns die Schwierigkeiten unserer Zeit nicht entmutigen. „Die Übel unserer Welt – und die der Kirche – sollten niemals Entschuldigungen sein, um unseren Einsatz und unseren Eifer zu verringern“, so lesen wir in Evangelii gaudium: „Betrachten wir sie als Herausforderungen, um dadurch zu wachsen. Zudem ist der Blick des Glaubens fähig, das Licht zu erkennen, das der Heilige Geist auch inmitten der Dunkelheit verbreitet. Und er vergisst nicht, dass, wo die Sünde mächtig wurde, die Gnade übergroß geworden ist (Röm 5,20).“4 Die Antwort des Christen auf das Böse ist daher nicht Angst oder Pessimismus, sondern Hoffnung. 

Gewiss kennen wir unsere Grenzen und Schwächen. Doch während wir uns selbst gegenüber realistisch bleiben, gibt es keinen Grund, an Gott zu zweifeln. Der Glaube gründet nicht auf menschlicher Stärke, sondern auf Gott, der das Fundament unserer Hoffnung ist. Deshalb kann Jesus sagen: Suchet vor allen Dingen das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; alles andere wird euch zufallen (Mt 6,30). Maria war immer offen für die Pläne Gottes, denn sie war voller Gnade. Sie zeigt uns, dass der Sieg über das Böse nicht aus eigener Kraft errungen wird, sondern durch Gottes Wirken.


1 Hl. Augustinus, Bekenntnisse, Nr. 10.

2 Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 31.

3 Franziskus, Predigt, 15.4.1920.

4 Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 84.