ALS Jesus am Ufer des Sees von Galiläa entlangging, „sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, die ihre Netze herrichteten; und er berief sie“1, so hören wir im Eingangsvers der heutigen Messe. Und ohne zu zögern, ließen sie alles zurück und folgten ihm. Von diesem Augenblick an nahm ihr Leben eine ganz neue Richtung. Jakobus sollte als erster der Apostel das Martyrium erleiden (vgl. Apg 12,2), Johannes dagegen ein langes Leben führen und bis ins hohe Alter Zeugnis für Christus ablegen.
Die beiden Brüder folgten dem Herrn mit der ganzen Kraft ihres Temperaments. Nicht umsonst gab Jesus ihnen den Beinamen „Boanerges“, „Donnersöhne“ (Mk 3,17). Zugleich half er ihnen geduldig dabei, ihre Leidenschaft zu läutern. Als ihre Mutter Jesus bat, ihren Söhnen die ersten Plätze in seinem Reich zu geben, erklärte er ihnen, dass wahre Größe nicht im Herrschen, sondern im Dienen besteht: Wer unter euch groß sein will, soll euer Diener sein (vgl. Mt 20,25–28). So führte er sie Schritt für Schritt in eine neue Logik ein – in die Logik der Liebe, die sich verschenkt.
Papst Benedikt XVI. schreibt, Christus habe, „seine Freiheit nicht als Willkür oder als Herrschaft gelebt. Er hat sie als Dienst gelebt. Auf diese Weise hat er die Freiheit, die sonst die leere Möglichkeit bliebe, etwas zu tun oder zu lassen, mit Inhalt gefüllt. Wie das Leben des Menschen selbst schöpft auch die Freiheit ihren Sinn aus der Liebe.“2 Jesus eröffnete diesen einfachen Fischern aus Galiläa „die Horizonte des Dienens“3 – und machte so aus ihrem Leben ein großes Abenteuer.
VON JESUS bewegt, hatten es Jakobus und Johannes „eilig damit, zu lieben“,4 und ihr ganzes Leben in den Dienst des Evangeliums zu setzen. Jakobus, seinem Beinamen entsprechend, gleicht einem Blitz: Er bricht ohne Zögern auf, trägt die Botschaft Christi bis an die Enden der damals bekannten Welt und besiegelt seine Sendung schließlich in Jerusalem mit dem Martyrium. Johannes dagegen erinnert an den Donner: ruhig, kraftvoll und tief. Er betrachtet das Leben Jesu über viele Jahre hinweg und schenkt der Kirche den reichen Schatz seines Evangeliums und seiner Briefe.
Blitz und Donner gehören zusammen. So unterschiedlich die beiden Brüder waren, sie dienten demselben Herrn und verkündeten dieselbe Botschaft. Schon während des öffentlichen Lebens Jesu bildeten sie zusammen mit Petrus den engsten Kreis seiner Jünger. Nach der Himmelfahrt setzte jeder seine Sendung auf eigene Weise fort – der eine vor allem durch sein Zeugnis, der andere durch sein Wort.
Der heilige Jakobus ruft bis heute unzählige Menschen an sein Grab in Santiago de Compostela und lädt sie ein, aufzubrechen und gewohnte Sicherheiten hinter sich zu lassen. Wir können sie begleiten. Papst Franziskus mahnt: „Es ist keine christliche Haltung, zu sagen: ,Die Menschen sollen kommen, ich bin hier, sie sollen kommen.‘ Nein, geh du zu ihnen, mach du den ersten Schritt.“5 Johannes erinnert uns zugleich daran, dass jeder Aufbruch in der Liebe Christi verwurzelt sein muss. So schreibt auch der heilige Augustinus: „Wer abseits vom Wege läuft, läuft umsonst, ja er läuft sich nur wund und irrt um so mehr herum, je mehr er neben dem Weg läuft. Welches ist der Weg, auf dem wir laufen sollen? Christus sagt: Ich bin der Weg (...) Auf ihm läufst du, zu ihm läufst du, in ihm ruhst du.“6
ES IST bemerkenswert, wie wenig uns das Neue Testament über den heiligen Jakobus berichtet. Neben ihm tritt ein anderer Jakobus in den Vordergrund: der Bruder des Herrn (Gal 1,19), Zeuge der Auferstehung (vgl. 1 Kor 15,7), Bischof von Jerusalem und eine der „Säulen“ der Urkirche (vgl. Gal 2,9). Er hinterließ sogar einen Brief im Neuen Testament. Dennoch hat die kirchliche Überlieferung ausgerechnet den Bruder des Johannes, über den wir so wenig wissen, den Ehrentitel des „Älteren“ gegeben.
Vielleicht liegt darin ein tiefer Sinn. Jakobus erlangte seine Größe nicht durch viele Worte oder Schriften, sondern weil er den Weg ging, den Christus ihm gewiesen hatte: Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein (Mt 20, 26). Er diente, verkündete das Evangelium und gab schließlich sein Leben hin. So erfüllte sich an ihm das Wort, das sein Bruder Johannes später überlieferte: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht (Joh 12, 24). Die Frucht dieses verborgenen Lebens zeigt sich bis heute in der Anziehungskraft seines Grabes in Santiago de Compostela.
Maria, mit der Jakobus und Johannes eng verbunden waren, hat ihnen gezeigt, dass wahre Größe im Dienen liegt. Sie möge auch uns helfen, uns – mit den Worten des heiligen Josefmaria – auf das Abenteuer einzulassen, „in der Freundschaft mit Gott glücklich zu sein und ein Leben der Hingabe und des Dienens zu führen“7.
1 Schott Messbuch, Eingangsvers zum Fest des Apostels Jakobus.
2 Benedikt XVI., Angelus-Gebet, 1.7.2007.
3 Franziskus, Audienz, 11.1.2023.
4 Vgl. Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 140.
5 Franziskus, Audienz, 11.1.2023.
6 Hl. Augustinus, Predigt X über den ersten Johannesbrief.
7 Hl. Josefmaria, Brief 6, Nr. 35.
