NACHDEM die Israeliten am Fuße des Bergs Sinai ihr Lager aufgeschlagen hatten, stieg Mose hinauf auf den Berg, um mit Gott zu reden. Der Herr, der die Zweifel und Nöte Israels nach der Flucht aus Ägypten aus der Nähe miterlebt hatte, bestätigte ihm den Bund, den er mit seinem Volk geschlossen hatte: Ihr werdet unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören (Ex 19,5). Und zum Beweis der Vorliebe, die er für sie empfand, erinnerte Gott Mose an das, was sie vor kurzem erlebt hatten: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe (v. 6).
Wenn wir auf unser Leben zurückblicken, können wir uns an manche Momente erinnern, in denen wir Gottes Gegenwart besonders spürten; an Umstände, in denen Gottes Nähe für uns sehr offensichtlich war und die uns vielleicht mit unvergleichlichem Glück erfüllten. Diese Erinnerungen stehen möglicherweise im Gegensatz zu jüngeren oder aktuellen Situationen. Wie das Volk Israel durchleben auch wir Zeiten der Wüste: Ereignisse, die uns erschöpfen, Rückschläge, die uns die Hoffnung nehmen.
Gott, der diese Schwierigkeiten kennt, lädt uns ein, auf sein erlösendes Handeln zu blicken: auf die vielen Wunder, die er schon für uns gewirkt hat, und auf die vielen Male, in denen er uns wie Israel aus der Sklaverei befreit hat. Papst Franziskus ermuntert uns, „erneut den Moment, die Situation und die Erfahrung nachzuerleben, in der wir dem Herrn begegnet sind, seine Liebe erfahren haben und eine strahlend neue Sichtweise auf uns selbst, auf die Wirklichkeit und auf das Geheimnis des Lebens gewonnen haben“1. Wie das auserwählte Volk müssen wir durch das Gedenken und die Erinnerung an das Handeln Jesu die Hoffnung in unserer Seele nähren. Papst Franziskus versichert: „Wenn du die erste Liebe, das Staunen und die Freude über die Begegnung mit Gott wiederfindest, wirst du vorankommen.“2
JESUS ist in die Welt gekommen, um alle zu retten. Deshalb kann er nicht anders, als von Mitleid ergriffen zu werden, wenn er sieht, dass Menschen sich erschöpft oder verlassen fühlen, weil sie niemanden haben, an den sie sich wenden können. Der Herr würde gerne jeden Menschen erreichen, der nach ihm fragt. Zu diesem Zweck will er auf die Mittlerschaft anderer Hirten zählen, die wie er den Wunsch haben, sich um die Schafe zu kümmern, die über die ganze Welt verstreut sind. Daher wendet er sich an seine Jünger und sagt: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! (Mt 9,37-38).
Der Herr zählt auf jeden von uns, um den Durst der Seelen nach Gott zu stillen und die Frohe Botschaft des Heils zu verkünden. Und das ist eine Sendung, die einen mitleidsvollen Blick verlangt, wie Jesus ihn hatte: einen Blick, der niemanden ausschließt und der uns dazu führt, uns mutig und ohne Vorbehalte hinzugeben. Jeden Tag können wir das Evangelium an andere weitergeben, vor allem durch unser authentisches Leben voll Freude, Anteilnahme und Liebe, ein Leben, das die Wirklichkeit unseres Nächsten umfängt. Der heilige Josefmaria schrieb: „Der Klageruf des Gottessohnes zerreißt einem das Herz und ist immer aktuell: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter! Dieser Aufschrei entkam dem Munde Christi, damit auch du ihn hörst! Wie hast du bisher geantwortet? Betest du, zumindest täglich, dafür, dass der Herr Arbeiter in seine Ernte sende?“3
ALS CHRISTUS die Apostel aussandte, um das Kommen des Himmelreichs anzukündigen und Heilungen zu wirken, sagte er zu ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!(Mt 10,5-6). Der Herr wollte, dass die Ankündigung des Heils als erstes sein Volk erreiche, wegen des Bundes, den er mit ihm geschlossen hatte. So würde das erneuerte Israel der Same für das neue Gottesvolk sein. Erst später wird Jesus auch in Samaria predigen und werden die Heiden den Glauben annehmen.
Christus ruft auch uns auf, das Evangelium zuallererst den Menschen zu verkünden, die uns am nächsten stehen: unserer Familie, unseren Freunden und Arbeitskollegen ... „Gott hat es gefallen“, so lesen wir in den Texten des II. Vatikanischen Konzils, „die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll.“4 Deshalb entspricht es ganz dem Evangelium, wenn wir dafür sorgen, dass die Menschen, die uns in unserem Leben begleiten, als erstes die Freude der christlichen Botschaft erfahren können. Dies ist der natürliche Weg der Ausbreitung des Reiches. Anders, auf sich allein gestellt, werden die Menschen nicht zum Licht finden, wie Papst Franziskus ausführte: „Niemand kann sich allein, als isoliertes Individuum, retten, sondern Gott zieht uns an, wobei er das komplexe Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen berücksichtigt, das der menschlichen Gemeinschaft innewohnt: Gott wollte in eine soziale Dynamik eintreten, in die Dynamik eines Volkes.“5
Mütter nehmen in jeder Familie eine Sonderstellung ein. Sie zögern nicht, alles zu tun, was für das Wohl ihrer Kinder notwendig ist. Auch die Kirche besitzt eine Mutter: Maria. Sie wird uns helfen, unsere Sendung als Apostel beherzt zu leben und mit unserem eigenen Leben die Freude des Evangeliums zu bezeugen.
1 Franziskus, Predigt, 8.4.2023.
2 Ebd.
3 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 906.
4 II. Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, 9.
5 Franziskus, Gaudete et Exsultate, Nr. 6.
