ALS DIE Stämme des Nordreichs Gott den Rücken zukehrten und in der Folge von anderen Völkern bedroht wurden, versuchten sie, Gott durch Schlacht- und Brandopfer wieder günstig zu stimmen. Da ließ dieser ihnen durch einen Propheten ausrichten: Was soll ich mit dir tun, Efraim? Was soll ich mit dir tun, Juda? Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht. Darum habe ich durch die Propheten zugeschlagen, habe sie durch die Worte meines Mundes umgebracht. Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern (Hos 6,4.6). Gott gibt nicht auf. Daher lässt er das Volk wissen, was er von ihm erwartet. Und wenn er es bestrafte, tat er es nicht aus Härte oder Vergeltungsdrang, sondern aus Barmherzigkeit: um es zur Umkehr zu bewegen.
Jesus wird die Pharisäer an Gottes Forderung erinnern, als sie ihn dafür kritisierten, dass er mit dem Zöllner Matthäus und anderen öffentlich bekannten Sündern zu Tische saß: Darum lernt, was es heißt: ,Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.‘ Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten (Mt 9,13). Und Papst Franziskus kommentiert: „Jesus betont, dass von nun an der Primat der Barmherzigkeit die Lebensregel seiner Jünger ist.“1
Wenn Gott barmherzig ist, warum lässt er dann Leid zu?, können wir fragen. Und Papst Benedikt XVI. erklärt: „Oft ist es uns nicht gegeben, den Grund zu kennen, warum Gott seinen Arm zurückhält (…) Im betenden Dialog sollten wir mit dieser Frage vor seinem Angesicht ausharren: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger? (Offb 6,10).“2 Und dann appelliert der Papst an unseren Glaubenssinn: „Unser Protest will Gott nicht herausfordern, noch ihm Irrtum, Schwäche oder Gleichgültigkeit unterstellen. (…) Christen glauben nämlich trotz aller Unbegreiflichkeiten und Wirrnisse ihrer Umwelt weiterhin an die Güte und Menschenliebe Gottes (Tit 3,4). Obwohl sie wie alle anderen Menschen eingetaucht sind in die dramatische Komplexität der Ereignisse der Geschichte, bleiben sie gefestigt in der Hoffnung, dass Gott ein Vater ist und uns liebt, auch wenn uns sein Schweigen unverständlich bleibt.“3 Mit offenem Herzen wollen wir uns den Worten der heutigen Liturgie anschließen: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens, vor wem sollte mir bangen?“4
WAS DIE Pharisäer nicht ahnten: Jesus saß mit dem Zöllner Matthäus nicht nur am selben Tisch – er hatte ihn bereits in seine Nachfolge gerufen. Und Matthäus hatte Ja gesagt.
Wie damals beruft Christus auch heute Menschen zur Hingabe. Seine Einladung macht sich oft in einer tiefen Sehnsucht nach Frieden und einer Freude bemerkbar, die keine irdische Wirklichkeit schenken kann. Doch nicht selten wird dieses Verlangen übertönt. Die Angst vor den Konsequenzen, das Bedürfnis nach Absicherung oder das übermäßige Vertrauen auf die eigenen – naturgemäß begrenzten – Kräfte lassen Zweifel aufkommen. Plötzlich erscheint die Berufung zu groß, die Heiligkeit unerreichbar und das Glück, das Gott verspricht, kaum vorstellbar. Dennoch bleibt Gott treu. Er zieht seine Liebe nicht zurück, selbst wenn der Mensch zögert oder sich abwendet. Gerade darin zeigt sich die unnachahmliche Größe seiner Barmherzigkeit: Sie umfasst auch unsere Ablehnung und bleibt offen für eine Antwort.
Der entscheidende Anstoß für jede Hingabe an das Evangelium ist die Erfahrung der Liebe Gottes. In ihr offenbart sich seine Allmacht. Wer sich auf Gott verlässt, entdeckt schließlich mit Paulus, dass Gott die Macht hat, zu erfüllen, was er verheißen hat (vgl. Röm 4,21). Dann wird auch erfahrbar, was der Apostel bekennt: Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden (2 Kor 5,17).
GEHT UND LERNT, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder (Mt 9,13). Zu den tiefsten Ausdrucksformen der Barmherzigkeit gehört die Vergebung. „Christus kam in diese Welt, (...) gerade um zu vergeben“5, schreibt Prälat Fernando Ocáriz. Und so sind auch wir gerufen zu vergeben. „Nichts macht uns Gott so ähnlich, als uns gegen die Bösen und Missetäter versöhnlich zu zeigen“6, erklärte der heilige Johannes Chrysostomus.
Papst Franziskus sieht in der Vergebung ein Kennzeichen echter Gotteskindschaft: „Die Vergebung von begangenem Unrecht wird zum sichtbarsten Ausdruck der barmherzigen Liebe.“7 Sie ist für Christen auch keine Option, sondern ein Auftrag. Zugleich weist der Papst darauf hin, dass Vergebung nicht nur dem anderen dient: Sie befreit auch das eigene Herz. Groll, Wut, Gewalt und Rache loszulassen, ist eine notwendige Voraussetzung für inneren Frieden und ein gelingendes Leben.
Dabei geht es nicht um die Bagatellisierung der Tat. Der christliche Philosoph Josef Pieper erklärte, dass mit Vergebung „nicht gemeint ist, etwas Schlechtes ,gut sein zu lassen‘, es einfach nicht wichtig zu nehmen – als sei da nur ein Versehen passiert. Vergeben kann man nur etwas, das man ausdrücklich für schlimm hält und dessen Negativität man gerade nicht ignoriert.“8
Wie konkret das aussehen kann, zeigt die Geschichte eines jungen Mannes in der Schweiz. Nachdem ihm sein Bischof die Aufnahme ins Priesterseminar verweigert hatte, ging er nach Frankreich, um dort Priester zu werden. Später kehrte er in seine Heimat zurück und wurde einem kleinen Dorf zugewiesen. Dort pflegte er liebevoll das Grab der Eltern jenes Bischofs, der ihn einst abgewiesen hatte. In seinem Herzen hatte er längst vergeben. Als der Bischof seinen Irrtum erkannte, bat er den Priester um Verzeihung.
Bitten wir die Jungfrau Maria um ein großmütiges Herz und um die Gnade, dort Versöhnung zu schenken, wo Verletzungen zurückgeblieben sind.
1 Franziskus, Misericordiae vultus, 20.
2 Benedikt XVI., Deus caritas est, Nr. 38.
3 Ebd.
4 Schott-Messbuch, 10. Sonntag im Jahreskreis (A), Eröffnungsvers.
5 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 16.2.2023.
6 Hl. Johannes Chrysostomus, Matthäus-Kommentar, XIX, 7, zitiert in Msgr. F. Ocáriz, Hirtenbrief, 16.2.2023.
7 Franziskus, Misericordiae vultus, 9.
8 Josef Pieper, Über die Liebe, Kösel Verlag, IV.
