EIN MANN hatte zwei Söhne (Mt 21,28). So beginnt das Gleichnis, mit dem sich Jesus an die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes richtet. Es war nicht das erste Mal, dass sie mit dem Meister sprachen. Sie konnten ahnen, dass seine scheinbar einfachen Geschichten oft etwas über ihre eigene Beziehung zu Gott offenlegten. Jesu Gleichnisse wollen nicht nur gehört und verstanden werden; sie laden dazu ein, sich selbst in ihnen wiederzuerkennen.
Der Vater richtet an beide Söhne dieselbe Bitte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! (Mt 21,28). Keiner der beiden scheint eine besondere Leidenschaft für den Weinberg zu haben, keiner hatte geplant, sich ihm an diesem Tag zu widmen. Die Bitte des Vaters überrascht sie, und jeder reagiert auf seine Weise. Der erste antwortet unverblümt: Ich will nicht. Später aber bereut er seine Antwort und geht doch. Der zweite sagt bereitwillig: Ja, Herr!, tut aber nicht, was er versprochen hat (vgl. Mt 21,29-30). Jesus fragt seine Zuhörer: Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Die Antwort ist eindeutig: Der erste (Mt 21,31).
Nicht das erste Wort entscheidet also, sondern die Bereitschaft, sich zu ändern und schließlich den Willen des Vaters zu tun. Auch ein Nein zu Gott muss nicht unser letztes Wort bleiben. Wir können Widerstand spüren, uns einer Bitte Gottes zunächst entziehen oder einen falschen Weg einschlagen – und dennoch umkehren. Entscheidend ist, dass wir unser Herz von ihm verändern lassen. Gerade in der Begegnung mit Jesus kann ans Licht kommen, was wirklich in uns vorgeht. Papst Franziskus sagt: „Eines ist klar: in der Gegenwart Jesu kommen die wahren Gefühle des Herzens, die wahren Einstellungen ans Licht.“1 Und was dabei sichtbar wird, ist für Gott nicht das Ende, sondern kann der Anfang einer echten Bekehrung sein.
IN DER ZWEITEN LESUNG DER HEUTIGEN MESSE begegnet uns ein Wort des heiligen Paulus, das geradezu als Leitgedanke für das christliche Leben gelten kann: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht (Phil 2,5). Christus ähnlich zu werden bedeutet nicht, ihn äußerlich nachzuahmen, wie ein kleines Kind unbewusst Gesten der Erwachsenen übernimmt. Es geht vielmehr um eine innere Verwandlung, bei der Christus immer mehr unser Herz prägt. Zu empfinden wie er ist Frucht der Gnade und zugleich unseres persönlichen Bemühens. Papst Benedikt mahnt: „Die Gesinnung Jesu nachvollziehen – das wäre die tägliche Übung, die wir als Christen leben sollen.“2
Unsere spontanen Gefühle angesichts bestimmter Ereignisse oder Menschen verraten uns etwas darüber, was in unserem Inneren vorgeht. Sie können uns zeigen, was uns wichtig ist, was wir suchen oder wovor wir zurückschrecken. Zu wissen, was uns traurig macht und worüber wir uns freuen, hilft uns deshalb, uns selbst besser kennenzulernen. Dann können wir uns fragen: Entspricht meine Reaktion der Gesinnung Christi?
Der Blick auf Jesus hilft uns so, auch unsere eigenen Gefühle besser zu verstehen und sie nach und nach von seiner Liebe prägen zu lassen. Der heilige Josefmaria regte etwa dazu an, die eigene Haltung zur Armut auf diese Weise zu prüfen: „Du sagst mir, du möchtest die heilige Armut leben, die Loslösung von den Dingen, die du gebrauchst. – Frage dich also: Habe ich in Bezug auf Armut und Reichtum die Empfindungen und die Gesinnung Jesu Christi?“3 Eine ähnliche Frage können wir uns bei jeder Tugend und in den verschiedensten Situationen unseres Lebens stellen: Wie würde Christus hier erkennen, empfinden und handeln?
IM GLEICHNIS von den zwei Söhnen hat die erste Reaktion nicht das letzte Wort. Der eine sagt zunächst Nein und geht schließlich doch in den Weinberg; der andere sagt Ja und geht nicht. Jesus macht damit deutlich, dass nicht das erste Empfinden oder die erste Antwort entscheidet, sondern das, was wir schließlich tun. Auch in unserem Leben können Gefühle in unterschiedliche Richtungen weisen. Sie helfen uns, wahrzunehmen, was in unserem Inneren vorgeht, legen aber nicht fest, wie wir handeln müssen. Wir können müde sein und trotzdem jemandem helfen, Angst haben und dennoch einen notwendigen Schritt tun, keine Lust verspüren und doch eine Aufgabe aus Liebe übernehmen. Unsere Freiheit ermöglicht uns, über die erste Reaktion hinauszugehen und uns für das zu entscheiden, was wir als gut erkannt haben.
Das bedeutet nicht, dass das christliche Leben Gefühle geringachtet. Der heilige Josefmaria bekannte einmal, dass ihm die Dinge häufig „gegen den Strich“ gingen und er dennoch weiterarbeitete – nicht weil es ihm Spaß machte, sondern „aus Liebe“4. Liebe ist mehr als ein Gefühl, sie kann unsere Gefühle aber sogar nach und nach verwandeln. Was uns zunächst schwerfällt, können wir schließlich gern tun, weil wir darin eine Möglichkeit entdecken, Gott oder anderen Freude zu bereiten.
Einen unvergleichlich tieferen Ausdruck dieser Freiheit sehen wir in Jesus am Ölberg. Er verbirgt seine Angst und Bedrängnis nicht: Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Doch er fügt hinzu: Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen (Lk 22,42). Jesus handelt nicht deshalb frei, weil ihm das Leiden nichts ausmacht, sondern weil seine Liebe zum Vater und zu uns stärker ist als die Angst vor dem, was vor ihm liegt. Bitten wir Maria, dass auch wir lernen, unsere Gefühle wahrzunehmen, ohne uns von ihnen beherrschen zu lassen, und uns aus Liebe für das Gute zu entscheiden.
1 Franziskus, Predigt, 22.3.2020.
2 Benedikt XVI., Audienz, 1.6.2005.
3 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 888.
4 Vgl. Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 152.
