EIN SCHRIFTGELEHRTER fragt Jesus listig nach dem Zusammenhang zwischen ewigem Leben und der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Dem Schriftgelehrten war klar, dass das mosaische Gesetz die Nächstenliebe gebot, es herrschte jedoch Unklarheit darüber, wer als „Nächster“ zu betrachten sei und ob dies von der Zugehörigkeit zum auserwählten Volk abhing. Jesus nutzt den Dialog, um anhand des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter von einer Liebe zu sprechen, die Grenzen überschreitet.
Ein Mann fällt auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber und bleibt halbtot liegen. Ein Priester kommt vorbei, dann ein Levit; beide gehen weiter. Warum sie nicht helfen, sagt Jesus nicht. Entscheidend ist, dass sie den Menschen in Not sehen und dennoch vorübergehen. Erst ein Samariter bleibt stehen und kümmert sich um ihn. Damit macht Jesus deutlich: Die Liebe zu Gott führt uns nicht am Menschen vorbei, sondern zu ihm hin. Der heilige Johannes Paul II. sagt: „Die Nächstenliebe vertreibt unseren Egoismus; sie reißt die Mauern unserer Selbstgenügsamkeit nieder; sie öffnet uns die Augen und lässt uns den Nächsten entdecken: den Menschen ganz in der Nähe, den Nächsten in der Ferne und schließlich die ganze Menschheit.“1 Und Papst Franziskus formuliert es noch unmittelbarer: „Wenn ich mich jenem Mann, jener Frau, jenem Kind, jenem alten Mann oder jener alten Frau, die leidet, nicht nähere, dann nähere ich mich Gott nicht.“2 Manchmal wartet Gott gerade in dem Menschen auf uns, an dem wir versucht wären vorüberzugehen.
JESUS FORDERT den Schriftgelehrten heraus, seine gewohnten Denkmuster zu überwinden, indem er ausgerechnet einen Samariter zum Helden des Gleichnisses macht. Zwischen Juden und Samaritern bestanden tiefe religiöse und gesellschaftliche Spannungen. Doch als der Samariter den schwer verletzten Mann sieht, hatte er Mitleid (Lk 10,33). Kardinal Ratzinger beschreibt dieses Erbarmen als eine innere Erschütterung: Die Not des anderen trifft den Samariter ins Herz. Dadurch „wird er selbst nun zum Nächsten“3.
Gerade darin liegt die Überraschung des Gleichnisses. Jesus fragt nicht danach, welcher Gruppe ein Mensch angehört, sondern ob wir bereit sind, uns von seiner Not berühren zu lassen. Vorurteile und Schubladen können uns daran hindern, den Menschen zu sehen, der tatsächlich vor uns steht.
Wer lernt, andere mit einem offenen Blick anzusehen, entdeckt auch das Gute, das Gott in sie hineingelegt hat. Der heilige Josefmaria schrieb: „Das Verständnis und die Liebe füreinander, die über die Unterschiede von Rasse, sozialer Stellung, Kultur und Ideologie hinweg uns als Geschwister sehen lässt, ist ein charakteristisches Merkmal des Christentums.“4 Christliche Liebe überwindet Unterschiede nicht, indem sie sie leugnet, sondern indem sie in jedem Menschen einen Nächsten entdeckt.
DER SAMARITER bleibt nicht beim Mitleid stehen. Was ihn innerlich berührt hat, setzt ihn in Bewegung: Er ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn (Lk 10,34). Er gibt Zeit, Mühe und Geld – und trifft Maßnahmen, damit der Verwundete auch nach seiner Abreise versorgt wird.
Liebe wird in konkreten Taten sichtbar, oft in kleinen Gesten, mit denen wir anderen helfen und ihnen das Leben leichter machen. Der heilige Josefmaria hielt schon in seiner ersten Schrift eine kleine Begebenheit fest: Jemand sagte im Gebet: „Jesus, ich liebe dich“, und hörte als Antwort: „In Werken lebt die Liebe und nicht in schönen Worten.“ Dazu fügte er hinzu: „Überlege, ob dieser liebevolle Vorwurf nicht vielleicht auch auf dich zutrifft.“5
Am Ende stellt Jesus die ursprüngliche Frage des Schriftgelehrten auf den Kopf. Nicht: Wer gehört zu meinen Nächsten?, sondern: Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde? Der Schriftgelehrte antwortet: Der barmherzig an ihm gehandelt hat (Lk 10,36-37). Unser Nächster ist also nicht nur jemand, den wir vorfinden. Wir selbst können anderen zum Nächsten werden. Bitten wir Maria um ein Herz, das sich berühren lässt und bereit ist, zu handeln.
1 Hl. Johannes Paul II., Botschaft 1986.
2 Franziskus, Audienz, 27.4.2016.
3 Kard. Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth, Band I, S. 237.
4 Hl. Josefmaria, Glaubensreichtum, Artikel in ABC vom 2.11.1969.
5 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 933.
