IN DEN EVANGELIEN wollen ganz unterschiedliche Menschen Jesus sehen. Einer davon ist Herodes (vgl. Lk 23,8). Er hatte von den Wundern gehört, die Jesus wirkte, wusste aber nicht, was er davon halten sollte. Ihn beunruhigte, dass einige sagten, Johannes sei von den Toten auferstanden. Schließlich hatte er dessen Hinrichtung selbst angeordnet. Johannes habe ich enthaupten lassen, sagte er. Wer aber ist dieser, von dem man mir solche Dinge erzählt? (Lk 9,7-9). Als er den gefangenen Jesus schließlich vor sich hatte, freute er sich, weil er hoffte, ein Wunder zu sehen. Doch Jesus erfüllte seine Erwartung nicht. Obwohl Herodes ihm viele Fragen stellte, antwortete er ihm nicht. Daraufhin trieb Herodes Spott mit ihm, ließ ihm ein Prunkgewand umhängen und schickte ihn zu Pilatus zurück (vgl. Lk 23,6-12).
Anders der alte Simeon, ein gerechter und frommer Mann, der sich ebenfalls danach gesehnt hatte, Jesus zu sehen. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe (Lk 2,25-26). Als Simeon im Tempel das Jesuskind erblickte, nahm er es in seine Arme und pries Gott mit den Worten: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden (Lk 2,28-29).
Herodes und Simeon wollten beide Jesus sehen. Doch während Simeon in ihm den verheißenen Messias erkannte, blieb Herodes verschlossen für das Geheimnis dessen, der vor ihm stand. Er erwartete ein außergewöhnliches Zeichen; Simeon genügte ein Kind in seinen Armen. Sein Beispiel zeigt uns, wie Papst Franziskus sagt, dass „die Treue im Warten unsere geistlichen Sinne schärft und uns empfänglicher macht für die Zeichen Gottes“1. Bitten wir Gott um die Empfänglichkeit Simeons: um einen Blick, der Jesus auch dort erkennt, wo nichts Außergewöhnliches geschieht.
DAS REGELMÄSSIGE Lesen und Betrachten des Evangeliums hilft uns, Christus immer besser kennenzulernen. Und je mehr wir mit ihm vertraut werden, desto mehr wächst der Wunsch, ihm ähnlich zu werden. Der heilige Josefmaria schrieb: „Ich habe dir empfohlen, jeden Tag ein paar Minuten im Neuen Testament zu lesen und dich in die Szenen hineinzuversetzen, als wärst du eine der Gestalten. Dies wird dir helfen, das Evangelium in deinem Leben Fleisch und Blut werden zu lassen und ,zu durchleben‘.“2 So begreifen wir nach und nach, dass Heiligkeit nicht nur bedeutet, die Sünde zu meiden und die Gebote zu erfüllen, sondern immer mehr wie Jesus zu werden.
Der heilige Johannes Chrysostomus ermutigt uns: „Christus hat dir die Möglichkeit geboten, ihm so ähnlich wie möglich zu werden. Fürchte dich nicht vor dieser Herausforderung. Fürchte allein, ihm nicht ähnlich zu werden.“3 Wenn wir uns dem Heiligen Geist öffnen, formt er in uns nach und nach die Züge Christi. Das geschieht vor allem im gewöhnlichen Leben: in unserer Familie, bei der Arbeit, in unseren Freundschaften. Dort können wir, wie der heilige Josefmaria sagte, „die Prosa des Alltags in epische Dichtung“4 verwandeln.
Christus ähnlich zu werden bedeutet dabei nicht, weniger menschlich zu werden – im Gegenteil. Der heilige Josefmaria betonte: „Gott möchte, dass wir zutiefst menschlich sind. Unser Kopf soll den Himmel berühren, aber unsere Füße müssen fest auf der Erde stehen. (...) Unser Herr will, dass wir sehr menschlich und sehr göttlich sind und uns daher täglich neu bemühen, dem nachzueifern, der perfectus Deus, perfectus homo ist, vollkommener Gott und vollkommener Mensch.“5
DAS AUFRICHTIGE Bemühen, Christus besser kennenzulernen und ihm ähnlicher zu werden, führt uns zur Erkenntnis, „dass unser Leben keinen anderen Sinn haben kann als uns im Dienst an unseren Mitmenschen hinzugeben“6, wie der heilige Josefmaria sagte. Wer Christus nachfolgt, kann sein Leben nicht nur für sich selbst leben: Die Liebe zu Gott öffnet ihn für die Menschen um ihn herum. Selbst das, was ganz persönlich erscheint – unser inneres Leben und unser Wachsen in den Tugenden –, hat deshalb auch eine apostolische Dimension. Heiligkeit und Apostolat gehören zusammen.
Papst Franziskus schrieb: „Ein Christ kann seine persönliche Sendung auf Erden nicht verstehen, ohne sie als einen Weg der Heiligkeit zu begreifen.“7 Und der heilige Paulus erinnert uns: Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung (1 Thess 4,3). Dieser Ruf steht nicht neben unseren anderen Wünschen und Lebenszielen. Er kann sie vielmehr von innen her prägen und ihnen ihre tiefste Ausrichtung geben. Der Prälat des Opus Dei betont: „Möge uns allen, ob jung oder alt, bewusst sein, dass Heiligkeit kein Hindernis für unsere Träume ist, sondern ihre Erfüllung. Alle Wünsche, Projekte und Lieben können in Gottes Plan eingebunden sein.“8
Die Gottesmutter begleitet uns auf diesem Weg der Heiligung und der Hingabe an andere. „Sie wird dafür sorgen“, so lesen wir beim heiligen Josefmaria, „dass wir uns als Brüder aller Menschen fühlen; denn wir alle sind Kinder dieses Gottes, dessen Tochter, Braut und Mutter sie ist. (...) Sie wird uns helfen, Jesus zu erkennen, der nahe an uns vorübergeht und in den Nöten unserer Brüder, der Menschen, an uns herantritt.“9 Maria hilft uns, Jesus zu erkennen – im Evangelium und in den Menschen, die uns brauchen.
1 Franziskus, Audienz, 30.3.2022.
2 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 672.
3 Hl. Johannes Chrysostomus, Predigten über das Evangelium des hl. Matthäus, 78,4.
4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 50.
5 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 75.
6 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 145.
7 Franziskus, Gaudete et exultate, Nr. 19.
8 Msgr. Fernando Ocáriz, Artikel in der Zeitung ABC, Licht, um zu sehen, Kraft um zu lieben, 24.9.2018.
9 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 145.
