Betrachtungstext: 21. Woche im Jahreskreis – Mittwoch

Jesus lobt die Einfachheit – Die Kohärenz des Christen – Die Liebe Gottes widerscheinen

JESUS strahlte offenbar großen Frieden aus, denn die Kinder näherten sich ihm ohne Scheu. Zudem predigte er unermüdlich, dass das Reich Gottes den Friedfertigen gehöre. Umso mehr können uns die scharfen Worte überraschen, die er manchmal wählte – nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch wegen des Tons gegenüber manchen religiösen Führern, die sich aus Eitelkeit als Vorbilder von Tugenden darstellten, die sie selbst nicht lebten: Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie getünchte Gräber, die von außen schön aussehen, innen aber voll sind von Knochen der Toten und aller Unreinheit (Mt 23,27-32).

Wer sich in die Evangelien vertieft, merkt schnell, wie viel Geduld Jesus mit den unterschiedlichsten Menschen hatte: Er kümmerte sich liebevoll um die Kranken, nahm die Sünder barmherzig auf und begegnete Armen wie Reichen mit einem mitfühlenden und aufmerksamen Herzen. Doch Heuchelei – das Bestreben, als etwas zu erscheinen, was man nicht ist – stand im Widerspruch zu seinem einfachen und demütigen Wesen. Umgekehrt hören wir Jesus Natanaël ausdrücklich für seine Aufrichtigkeit loben. Dieser hatte, als er erstmals von Jesus hörte, frei heraus gefragt: Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen? (Joh 1,46). Als er ihm begegnet, sagt Jesus vor den anderen Aposteln: Sieh, ein echter Israelit, an dem kein Falsch ist (Joh 1,47).

Bemerkenswerterweise ist dies einer der ersten Sätze, die Jesus an die Jünger richtet. Vielleicht wollte er ihnen damit sagen, dass die Nachfolge mit Begrenzungen und menschlichen Schwächen vereinbar ist und Irrtümer und Fehltritte keine Hindernisse darstellen, dass Aufrichtigkeit aber unerlässlich ist. Die Klarheit der Absichten, Gedanken und Beweggründe ist eine wichtige Voraussetzung, um Christus zu folgen und ihm immer ähnlicher zu werden. Der heilige Josefmaria skizzierte einmal mit wenigen Zügen, was einen Christen kennzeichnen soll: „Zeige den Menschen durch dein Verhalten als christlicher Bürger den Unterschied zwischen einem Leben in Traurigkeit und einem Leben in Freude, zwischen Angst und Mut, zwischen Verschlagenheit, Doppelzüngigkeit oder Heuchelei und der Einfachheit eines Menschen aus einem Guss. Mit einem Wort: zwischen Verweltlichung und Gotteskindschaft.“1


WAS treibt mich an? Diese Frage hilft uns, unserem Leben Richtung und Einheit zu geben. Jede Handlung, jedes Wort – auch das, was wir tun oder sagen könnten und unterlassen – zeigt etwas davon, wer wir sein wollen. In der Gewissenserforschung prüfen wir, inwieweit unser Tun von dem Wunsch geleitet ist, Gott und unsere Mitmenschen immer mehr zu lieben. Denn es kann eine Kluft entstehen zwischen dem, wie wir nach außen erscheinen, und dem, was wir im Herzen tragen: Ihr erscheint von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit (Mt 23,28).

„Das Panorama unserer christlichen Berufung, die Einheit des Lebens, deren neuralgischer Punkt die Gegenwart von Gott Vater ist, kann und soll tägliche Wirklichkeit sein.“2 Damit sich kein Hauch von Heuchelei in unser Herz einschleicht, hilft es, unsere Entscheidungen in der Gegenwart Gottes zu treffen. Wenn wir uns bewusst sind, dass ein liebender Vater auf uns schaut, dass Jesus, unser bester Freund, bei uns ist und der Heilige Geist in uns wohnt, kann unser Verhalten immer mehr zum Ausdruck der Liebe werden, die uns erfüllt. Die Einheit von Denken und Tun ist kein glücklicher Zufall, sondern erwächst aus Überzeugungen, die tief in unserem Herzen verwurzelt sind.

Die Autorität, die jeden Christen auszeichnet, betonte Papst Franziskus, „besteht nicht darin, Befehle zu erteilen und sich Gehör zu verschaffen, sondern darin, kohärent zu sein, ein Zeuge und somit Begleiter im Herrn zu sein“3. Diese Übereinstimmung von Leben und Glauben verleiht auch unserem Apostolat Glaubwürdigkeit. Daher können wir uns im Gebet fragen, ob tatsächlich die Liebe zu Gott und der Wunsch, ihn zu verherrlichen, der Motor unserer Gedanken, Gefühle und Entscheidungen sind.


DIE LIEBE zu Christus verleiht unserem Denken, Fühlen und Handeln eine tiefe Einheit. Wenn der Herr im Zentrum unseres Lebens steht, fällt es uns leichter, überall derselbe Mensch zu sein. Natürlich verhalten wir uns je nach Situation unterschiedlich – ein Tag mit der Familie ist etwas anderes als ein Arbeitstreffen, und mit Freunden sprechen wir anders als mit Fremden. Doch diese Anpassung soll uns nicht dazu verleiten, unsere Identität zu verbergen oder aus den Augen zu verlieren, was unserem Leben Sinn gibt: die Liebe Christi.

Der Wunsch, in allen Situationen derselbe zu sein, führt uns zu einer Tugend, die dem heiligen Josefmaria besonders am Herzen lag: die Natürlichkeit. Er schrieb: „Wer einzig und allein zur Ehre Gottes arbeitet, handelt einfach und natürlich, wie jemand, der es eilig hat und sich nicht mit großen Gesten aufhält, um keinesfalls die kostbare Nähe des Herrn zu verlieren.“4 Wir tun das Gute nicht, um Anerkennung oder Lob zu erhalten, sondern damit unsere Werke auf Gott hinweisen, während wir selbst im Hintergrund bleiben. Genau das erwartet Jesus von uns: So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen (Mt 5,16).

Natürlichkeit bedeutet auch, keine Angst davor zu haben, unsere Fehler und Schwächen einzugestehen. Sonst laufen wir Gefahr, wie manche Pharisäer und Schriftgelehrten einem Wunschbild von uns selbst nachzujagen. Jesus sagte zu ihnen: Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten und sagt dabei: Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, wären wir nicht wie sie am Blut der Propheten schuldig geworden (Mt 23,29-30). Sie hielten sich für besser als ihre Väter und waren doch blind für die eigenen Schwächen. Wir dagegen dürfen unsere Begrenztheit anerkennen, denn auch in ihr kann die Herrlichkeit Christi sichtbar werden: Wir brauchen ihn als unseren Erlöser. Wie Maria können wir sagen: Siehe, ich bin die Magd des Herrn (Lk 1,38), im Bewusstsein, dass gerade in dieser demütigen Wahrheit unser Reichtum liegt.


1 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 306.

2 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 11.

3 Franziskus, Tagesmeditation, 14.1.2020.

4 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 555.