DAS EVANGELIUM berichtet von zahlreichen Begegnungen Jesu mit Schriftgelehrten und Pharisäern. Immer wieder sehen wir ihn im Dialog mit ihnen, bemüht, ihre Herzen zu bekehren, denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist (Lk 19,10). Für Christus waren diese Männer vom Reich Gottes weiter entfernt als Zöllner und Prostituierte (vgl. Mt 21,31). Dennoch gab er sie nicht auf. Auch unter ihnen fand seine Botschaft schließlich Aufnahme: Einige Pharisäer kamen zum Glauben (vgl. Apg 15,5), und Paulus, der selbst Pharisäer gewesen war, wurde zum großen Völkerapostel.
Die Begegnungen mit den jüdischen Autoritäten waren für Jesus häufig von Widerstand geprägt. Viele lauerten darauf, ihn mit seinen eigenen Worten zu überführen, und ihre geistige Blindheit hinderte sie daran, seine Botschaft anzunehmen. Trotzdem wandte er sich nicht von ihnen ab. Wir hätten uns an seiner Stelle vielleicht lieber mit jenen umgeben, die uns verstehen und wohlgesinnt sind. Doch Gott will nicht den Tod des Schuldigen, sondern dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg (Ez 33,11). Deshalb spricht Jesus auch dann in der Hoffnung auf Umkehr, wenn seine Worte scharf klingen: Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Recht, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen (Mt 23,23).
Bitten wir den Herrn um einen Durst nach Seelen, der uns das Heil aller Menschen suchen lässt, auch jener, die uns nicht verstehen oder uns ablehnend begegnen. „Wir wollen allen Gutes tun“, schrieb der heilige Josefmaria, „denen, die Jesus Christus lieben, und denen, die ihn vielleicht hassen. Doch diese tun uns auch sehr leid. Deshalb müssen wir danach trachten, ihnen mit Zuneigung zu begegnen, ihnen zu helfen, zum Glauben zu finden und das Böse in einer Fülle von Gutem zu ertränken. Wir dürfen niemanden als Feind betrachten.“1
CHRISTUS wirft den Pharisäern und Schriftgelehrten vor, dass sie sich penibel an menschliche Vorschriften halten, dabei aber die grundlegenden göttlichen Gebote vernachlässigen. Er kritisiert nicht diese Regeln an sich, sondern dass sie darüber das Wesentliche aus den Augen verlieren: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue – kurz gesagt: die Liebe. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt (Gal 5,14). Manche Schriftgelehrte und Pharisäer hatten den eigentlichen Sinn ihrer Vorschriften vergessen und waren so zu blinden Führern geworden, die eine Mücke aussieben, aber ein Kamel verschlucken (vgl. Mt 23,24).
Die Haltung, verstehen zu wollen, hilft uns, unsere Beziehung zu Gott mit „stets frischer Freiwilligkeit“2, aus Liebe, zu leben. Sie stellt sich jedoch nicht von selbst ein. Deshalb sprach der heilige Josefmaria von der Bildung als einem Kampf, der „niemals endet“3. Es geht darum, den Sinn dessen, was wir tun, immer tiefer zu erfassen und uns dadurch von Gott formen zu lassen. Der Prälat des Opus Dei schreibt: „Heilig sein bedeutet nicht, jeden Tag mehr zu tun oder bestimmte Standards zu erfüllen, die wir uns auferlegt haben. Der Weg zur Heiligkeit besteht laut Erklärung des heiligen Paulus darin, dem Wirken des Heiligen Geistes zu entsprechen, bis Christus in uns Gestalt angenommen hat (vgl. Gal 4,19).“4
So können wir alles, was das christliche Leben kennzeichnet – Gebote, religiöse Praxis, Werke der Barmherzigkeit ... – als Wege verstehen, um Christus ähnlicher zu werden. Sie sind „Teil eines Liebesgesprächs, das unser ganzes Leben umfasst, und führen uns zu einer persönlichen Begegnung mit Christus. Es sind Momente, in denen Gott uns erwartet, um sein Leben mit uns zu teilen“5.
WEH EUCH, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr haltet Becher und Schüsseln außen sauber, innen aber sind sie voll von Raffsucht und Gier (Mt 23,25). Jesus deckt den Widerspruch auf zwischen dem äußeren Schein, den diese Menschen suchen – durch auffälliges Beten oder Fasten – und dem Zustand ihres Herzens: Sie möchten etwas darstellen und suchen Anerkennung. Papst Franziskus fordert uns auf, uns gegen diese „Kultur der Schminke“ zu wehren, die das vergängliche Äußere pflegt, während das Herz, das in den Augen des Herrn kostbar ist, unbeachtet bleibt.6
Der Weg Jesu führt von innen nach außen. Du blinder Pharisäer! Mach den Becher zuerst innen sauber, dann ist er auch außen rein (Mt 23,26). Die Bildung, die der Herr für uns wünscht, besteht daher nicht in der bloßen Anhäufung von Wissen, sondern in der Formung unseres Herzens. Es geht darum, diesen tiefen und fruchtbaren Boden zu pflegen, damit der Same, den Jesus in unsere Seele gelegt hat, keimen und Frucht bringen kann.
Diese Arbeit am eigenen Herzen kann uns niemand abnehmen. Äußere gute Werke können durch Ermutigung oder auch gesellschaftlichen Druck angestoßen werden; die innere Entscheidung für das Gute muss jedoch jeder selbst treffen. Es geht darum, das Gute lieben und das Böse zurückweisen zu lernen – nicht nur, weil es verboten ist, sondern weil es uns vom wahren Glück entfernt. Dazu braucht es, wie Papst Franziskus sagte, „die Fähigkeit, innezuhalten, den ,inneren Autopiloten abzuschalten‘, und sich bewusst zu machen, wie wir handeln, welche Gefühle uns bewegen und welche Gedanken uns oft unbewusst beeinflussen.“7 Maria ist das schönste Vorbild eines Herzens, das das Wort Gottes aufnimmt und Frucht bringt (vgl. Lk 11,28). Bitten wir sie, uns auf diesem Weg zu begleiten.
1 Hl. Josefmaria, Brief 4, Nr. 24.
2 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 293.
3 Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einem Familientreffen, 18.6.1972.
4 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 28.10.2020, Nr. 6.
5 Ebd.
6 Vgl. Franziskus, Predigt, 3.11.2018.
7 Vgl. Franziskus, Audienz, 5.10.2022.
