EIN GROSSES Zeichen erschien am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt (Offb 12,1). Diese Worte der Offenbarung bezieht die Tradition seit alters auf Maria; mit ihnen beginnt die Liturgie des heutigen Festes. Mit der ganzen Kirche feiern wir, dass Gott die Mutter seines Sohnes mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen hat.
Die Einzelheiten ihres Heimgangs kennen wir nicht. Doch die christliche Tradition stellt sich Maria in ihrer letzten Stunde umgeben von den Aposteln vor, während der Himmel seine Königin erwartet. Der heilige Josefmaria beschreibt diese Szene: „Jesus will seine Mutter mit Leib und Seele im Himmel haben. Die Heiligste Dreifaltigkeit empfängt die Tochter, Mutter und Braut Gottes und überhäuft sie mit Ehren … – Und so groß ist die Majestät Mariens, dass die Engel sich fragen: Wer ist doch diese?“1
Die Aufnahme Mariens in den Himmel lenkt unseren Blick auf das Ziel unserer eigenen Reise. Vieles, was uns heute wichtig erscheint – ein familiäres Anliegen, ein berufliches Ziel, eine Sorge um die Zukunft –, verliert mit der Zeit an Gewicht. Das heutige Fest erinnert uns an das, was bleibt: Wir sind für den Himmel geschaffen. Alles andere erhält seinen Wert auch danach, wie sehr es uns diesem Ziel näherbringt.
Der heilige Josefmaria ermunterte deshalb dazu, Maria um Hilfe zu bitten, wenn uns das Irdische allzu sehr festhält: „Herrin, du kannst bewirken, dass meine Seele sich zum endgültigen, siegreichen Flug emporschwingt, dessen Ziel das Herz Gottes selbst ist.“2 Maria ist uns auf diesem Weg vorausgegangen. Bitten wir sie, unseren Blick nach oben zu richten und uns zu helfen, mit den Füßen auf der Erde und dem Herzen im Himmel zu leben.
FÜR DIE AUFNAHME MARIENS in den Himmel gibt es kein ausdrückliches biblisches Zeugnis. Deshalb greift das Evangelium der heutigen Messe auf die Heimsuchung zurück (vgl. Lk 1,39–56). Das mag zunächst überraschen: Wir feiern Maria in der Herrlichkeit des Himmels und begegnen ihr im Evangelium beim Dienst an ihrer Verwandten Elisabeth. Doch gerade darin liegt eine Botschaft des Festes. Papst Franziskus sagt: „Es ist die Liebe, die das Leben in die Höhe hebt. Wir wollen unseren Brüdern und Schwestern dienen, und gerade durch diesen Dienst werden wir ,aufsteigen‘.“3 Der Weg Mariens zum Himmel führt über die Liebe im Alltag.
Das Evangelium zeigt noch eine zweite Haltung: den Lobpreis. Kaum ist Maria bei Elisabeth angekommen, dankt sie Gott für das, was er in ihrem Leben getan hat: Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. (...) Denn der Mächtige hat Großes an mir getan (Lk 1,46-47.49). „Der Lobpreis ist wie eine Leiter: Er hebt die Herzen in die Höhe“, sagt Papst Franziskus.4 Wer dankt und Gott lobt, lernt, nach oben zu schauen und auch im eigenen Leben sein Wirken zu entdecken.
Maria möchte Gott groß machen – und wird dadurch selbst nicht kleiner. Im Gegenteil. Papst Benedikt XVI. erklärt: „Wenn Gott groß ist, sind auch wir groß.“5 Gott nimmt uns nichts von unserer Freiheit und unserem Lebensraum; seine Gegenwart weitet unser Leben. Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel zeigt uns daher einen Weg, den auch wir gehen können: dienen und loben, lieben und danken. Maria ist ihn uns vorausgegangen; Gott selbst begleitet uns auf ihm.
WIR NENNEN Maria die Königin des Himmels – und doch ist sie uns nicht fern. Gerade weil sie bei Gott lebt, ist sie uns näher, als wir denken. Als Mutter hört sie unsere Gebete und wünscht nichts sehnlicher, als dass auch wir bei ihr im Himmel ankommen. Der heilige Josefmaria schreibt: „Noch sind wir Pilger, doch unsere Mutter ist uns vorausgegangen und weist uns das Ziel des Weges.“6 Sie ist dabei nicht nur unser Vorbild, sondern auch „die Hilfe der Christen“, die sich mit mütterlicher Fürsorge um ihre Kinder kümmert.
Maria begleitet uns gerade in der Normalität des täglichen Lebens. Auch ihre Tage bestanden meist aus unscheinbaren Dingen: Arbeit, Familie, Gebet, Begegnungen mit anderen. Mitten in diesem Alltag lebte sie ganz auf Gott ausgerichtet. Sie lehrt uns, wie der Prälat des Werkes schrieb, „anhand der jeweils anstehenden Aufgaben stets den Blick des Herzens zu Gott zu erheben“7.
Deshalb ist ihre Aufnahme in den Himmel eine Botschaft der Hoffnung für unsere eigenen, manchmal mühsamen und eintönigen Tage. Papst Franziskus sagt: „Maria erinnert dich heute daran, dass Gott auch dich zu dieser Herrlichkeit beruft. Das sind keine schönen Worte, es ist die Wahrheit.“8 Unser Alltag ist der Weg, auf dem Gott uns zu sich führt. Bitten wir Maria, uns auf diesem Weg zu begleiten und in uns die Hoffnung lebendig zu halten, eines Tages mit ihr im Himmel zu sein.
1 Hl. Josefmaria, Heiliger Rosenkranz, 4. glorreiches Geheimnis.
2 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 994.
3 Franziskus, Angelus-Gebet, 15.8.2023.
4 Ebd.
5 Benedikt XVI., Predigt, 15.8.2005.
6 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 177.
7 Msgr. Fernando Ocariz, Botschaft, 15.8.2017.
8 Franziskus, Angelus-Gebet, 15.8.2021.
