KURZ NACH Jesu Ankunft in Kafarnaum trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn: Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen (Mt 8,6). Es war ungewöhnlich, dass ein hochrangiger römischer Offizier sich einem Juden in einer solch demütigen Art und Weise näherte: ihn als „Herr“ ansprach und sich hilfsbedürftig, machtlos und niedergedrückt zeigte. Vielleicht war dem Römer bewusst, dass er durch diese Selbsterniedrigung sein Ansehen gefährdete, doch ihm war eines wichtig: die Genesung seines Dieners. Jesus war berührt von der Demut des Hauptmanns, und antwortete ihm, noch bevor dieser eine konkrete Bitte aussprach: Ich will kommen und ihn heilen (Mt 8,7).
Wenn ein Jude das Haus eines Nichtjuden betrat, wurde er vor dem Gesetz unrein und trat aus der Gegenwart Gottes heraus. Der Hauptmann kannte dieses jüdische Verbot und sagte deshalb: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund! (Mt 8,8). Der Römer kam dem Herrn mit einem solchen Glauben entgegen, dass dieser ein erstes Wunder wirkte. „Wenn wir zulassen, dass er uns begegnet“, so Worte von Papst Franziskus, „dann ist er es, der in uns eintritt und uns von Grund auf erneuert. Denn das ist die Bedeutung des Kommens Christi: alles neu machen, das Herz neu machen, die Seele, das Leben, die Hoffnung, den Weg.“1
Jesus möchte mit seiner Liebe in das Herz dieses einfachen und in Not befindlichen Menschen einziehen, der sich für unwürdig hält. Wir können dies vielleicht nachfühlen, andererseits wissen wir, dass Gott gerade den Schwächsten aufsucht, den Halbgebrochenen, denjenigen, der sein Selbstwertgefühl verloren hat oder der seine Bitte als lästig empfindet. Gott ist gekommen, um zu heilen. Und er wartet nur darauf, dass wir ihn, wie der Hauptmann, in Demut darum bitten und uns ihm nähern.
DAS VERTRAUEN des Hauptmanns in Jesus war so groß, dass er dachte, nur ein einziges Wort von ihm würde genügen, um seinen Diener zu heilen. Er selbst hatte eine Stellung inne, in der die Soldaten seinen Befehlen umgehend gehorchten: Sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er (Mt 8,9). Deshalb konnte doch auch Jesus aufgrund seiner göttlichen Stellung sich mit einem einfachen Befehl begnügen, um die Krankheit seines Dieners zu vertreiben. Der Gedankengang erweckte die Bewunderung des Herrn: Amen, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden (Mt 8,10).
Jesus lobt den Glauben dieses Mannes, dem in der damaligen Zeit kaum jemand Glauben zugetraut hätte. Wie konnte er nur ein solches Lob erhalten, nachdem Gott sich seinem Volk noch nicht so offenbart hatte, wie er es Israel gegenüber getan hatte? Christus kündigt auf diese Weise an, dass das neue Volk Gottes nicht auf eine Nation beschränkt bleiben wird, sondern allen Völkern das Heil anbietet. Wie es Jesaja einst prophezeit hatte: Und die Fremden, die sich dem Herrn anschließen, um ihm zu dienen, (...) werde ich zu meinem heiligen Berg bringen (Jes 56,6-7). Wenn wir wie Jesus eine hoffnungsvolle Sicht auf die Welt haben, können wir in allen Menschen das Gute entdecken, auch in denen, die auf den ersten Blick vielleicht sehr weit vom Herrn entfernt sind. In vielen von ihnen, wie in dem Hauptmann, steckt der Wunsch, einem Gott zu begegnen, „der“, wie Papst Benedikt schrieb, „ein menschliches Angesicht hat und der uns geliebt hat bis ans Ende: jeden einzelnen und die Menschheit als ganze“2.
SOOFT WIR in der Heiligen Messe die Kommunion empfangen, legt uns die Liturgie den Glaubensakt des Hauptmanns in den Mund: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund! (Mt 8,8). Mit dieser Bitte bringen wir unser Bedürfnis zum Ausdruck, von Christus geheilt zu werden: Er komme in unsere Seele, um unsere Wunden zu heilen. So wie Papst Franziskus sagte: „Die Eucharistie ist keine Belohnung für die Guten, sondern Kraft für die Schwachen.“3
Im Laufe des Tages können wir durch das Gebet der geistigen Kommunion unseren Wunsch nähren, Jesus möge in unser Haus komme. „Vollziehe sie oft, und du wirst mehr Gegenwart Gottes und mehr Verbindung mit ihm in deinem Tun haben“4, empfahl der heilige Josefmaria. Wir wissen alle, wie es ist, wenn wir etwas Erfreuliches vor uns haben: ein Fest, ein Urlaub, die Ankunft eines geliebten Menschen ... Vielleicht sind die Tage davor voller Vorbereitungen, und wir fangen an, uns auszumalen, wie das Erwartete ablaufen wird. Und wenn es dann endlich soweit ist, gehen wir diesen Tag mit großer Freude an.
Mit der geistigen Kommunion bereiten wir uns nicht nur darauf vor, den Herrn in der Eucharistie zu empfangen, sondern erneuern auch unseren Wunsch, dass er komme und uns heile. Es heißt, Jesus selbst habe der heiligen Faustina Kowalska anvertraut, dass wir, wenn wir mehrmals am Tag die geistige Kommunion beten, nach bereits einem Monat sehen werden, wie sich unsere Herzen vollkommen verändern. Auch der heilige Josef ernährte sich neun Monate lang von der geistigen Kommunion. Er malte sich aus, wie das Kind sein würde, und sprach mit Maria über seine Ankunft. Und als es schließlich geboren war, übertraf diese Gabe Gottes alle seine Erwartungen: Er hielt sich für den glücklichsten Mann der Welt, weil er Gott selbst in seinen Armen hielt.
1 Franziskus, Tagesmeditation, 2.12.2013.
2 Benedikt XVI., Spe Salvi, n. 31.
3 Franziskus, Predigt, 4.6.2015.
4 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 540.
