Die Intimität in der Ehe: eheliches Glück und Offensein für das Leben (2)

Die Ehe als Lebenseinheit der Ehegatten ist auf den gegenseitigen zwischenmenschlichen Beistand der Ehepartner und auf die Zeugung, Annahme und Erziehung der Kinder hingeordnet.

Menschliche Liebe
Opus Dei - Die Intimität in der Ehe: eheliches Glück und Offensein für das Leben (2)

Die Liebe der Ehepartner findet Ausdruck und Vollendung im ehelichen Akt

Gefühle, Trieb und Verstand in der sexuellen Sphäre der Ehepartner entfalten sich in menschenwürdiger und der ehelichen Liebe entsprechender Weise, wenn sie zum wahren Ausdruck ehelicher Liebe und Vereinigung werden, also innerhalb einer treuen und unauflöslichen Liebesbindung, die offen ist für die Weitergabe des Lebens. Die Ehe leistet so auch wirkliche Erziehungsarbeit in Bezug auf die Sexualität und befreit sie von jeder Zügellosigkeit.

Die eheliche Vereinigung ist ein ausschließlich der Ehe vorbehaltener, nur ihr gehöriger Akt. In ihm drücken sich die Eheleute als „ein Fleisch“ 1aus und „erkennen“ sich gegenseitig als Eheleute. In diesem Akt schenken sich die Eheleute einander ganz, so wie sie es mit ihrem Jawort bei der Eheschließung bekräftigt haben. In dieser Sprache drücken sie einander aus: Ich liebe dich bedingungslos und treu für immer und mit meinem ganzen Sein. Ich bin fest entschlossen, mit dir eine Familie zu gründen.

Die sexuelle Vereinigung ist ein Akt der Hingabe, deshalb ist sie eine ausschließlich der Ehe vorbehaltene Handlung. Sie setzt den vorangegangenen Ehevertrag voraus, und auch den tatsächlichen Entschluss, mit jedem ehelichen Akt die wahre Hingabe auszudrücken und zu verwirklichen, durch die jeder Ehepartner zuerst und vor allem das Wohl und die Befriedigung des anderen sucht. 2 Es ist daher normal und gut, dass sich die Ehepartner gegenseitig Liebeserweise schenken, die sie miteinander vereinen und sie glücklich machen, weil sie zusammen sein können. Diese intimen Liebesbezeigungen können sehr verschiedenartig sein; sie sind ein Geschenk Gottes und des Ehepartners. Nur sehr gewichtige Gründe könnten das Ehepaar berechtigterweise veranlassen, auf die eheliche Vereinigung zu verzichten.

Die physische Vereinigung ist aber nicht nur ein wunderbarer Ausdruck der Liebe und der Einheit der Ehegatten, sondern durch sie entstehen in der Familie auch die Kinder. „Die eheliche Vereinigung von Mann und Frau ahmt die Freigebigkeit und Fruchtbarkeit des Schöpfers leiblich nach.“ 3 Sie ist daher etwas Schönes und Heiliges. Die Vereinigung der Ehegatten ist der Raum, in dem die Schöpferkraft Gottes bei der Weitergabe des Lebens wirkt und sollte daher Zeichen der Liebe Gottes sein.

Daher gilt: „Jene Akte also, durch die die Eheleute innigst und lauter eins werden, sind von sittlicher Würde; sie bringen, wenn sie human vollzogen werden, jenes gegenseitige Übereignet-Sein zum Ausdruck und vertiefen es, durch das sich die Gatten gegenseitig in Freude und Dankbarkeit reich machen.“ 4 Der eheliche Akt ist nicht nur moralisch gut, sondern heilig und Quelle der Heiligung für die Verheirateten, wenn er von der Liebe geleitet ist. 5 Das folgt direkt aus der Lehre über die Ehe als Weg der Heiligkeit. In diesem Zusammen-hang bemerkte der hl. Josefmaria: „Was der Herr von ihnen erwartet, ist, dass sie sich gegenseitig achten, loyal im Umgang miteinander sind, feinfühlig, natürlich und rücksichtsvoll. Und ich füge hinzu, dass die eheliche Begegnung echt ist, wenn sie Zeichen wirklicher Liebe ist und daher für den Willen zum Kind offen bleibt.“ 6

Der eheliche Akt ist dann wirklich gut, wenn er tatsächlich im vollen Sinn ein ehelicher Akt der Eheleute ist, d.h. wenn er das gegenseitige Sich-Schenken ausdrückt, das folgende wesentliche Elemente beinhaltet: Offenheit für Vaterschaft oder Mutterschaft, Achtung vor der Person des Partners und die Beherrschung der eigenen Triebe, so dass man sich nicht von den eigenen Begierden versklaven lässt, sondern die nötige Freiheit behält, um sich dem anderen schenken zu können. Das ist einer der Gründe, warum die Keuschheit ein notwendiges Element für die Echtheit der ehelichen Liebe darstellt. 7

Die Keuschheit, die Tugend der Liebenden

Die Keuschheit ist nach dem Katechismus der Katholischen Kirche „eine sittliche Tugend und auch eine Gabe Gottes“. 8 Sie ist eine Tugend, die man kultivieren muss, und eine Gabe, die uns geschenkt wird; sie ist gleichzeitig Gabe und Aufgabe. Die Sexualität in der Ehe setzt die Keuschheit voraus. Als Tugend des Ehestandes fordert sie von den Eheleuten, dass sie so handeln, wie es ihrer Lebenswirklichkeit entspricht: sie sollen das Wohl des Ehepartners suchen, die eheliche Treue leben und offen sein für das Geschenk des Lebens.

Keusch zu leben bedeutet, die Liebe in ihrer ganzen Fülle zu leben. 9 Manchmal könnten die Eheleute den Ruf zur Keuschheit und Reinheit als etwas empfinden, das ihre Zuneigung beschränken könnte: Wie weit dürfen wir dabei gehen? Was erlaubt die Kirche und was verbietet sie? Aber die Keuschheit in der Ehe besteht nicht darin, dass man zu bestimmten Dingen Nein sagt. Freilich werden dabei Verhaltensweisen ausgeschlossen, die unwürdig sind; aber vor allem bedeutet die Keuschheit ein radikales, tiefes und einfaches Ja zum Partner. 10 Sie besteht in der Pflege der einen und ausschließlichen Liebe zum Partner.

Keuschheit bedeutet weder Geringschätzung noch Ablehnung der Sexualität oder der sexuellen Lust. Die eheliche Keuschheit ist vielmehr eine innere spirituelle Kraft, die die Sexualität von negativen Elementen befreit, wie zum Beispiel von Egoismus, Aggressivität, Zwang, Benützung des anderen als Mittel zum Zweck, Selbstverliebtheit, Unkeuschheit oder Gewalt… Sie führt die Liebe zur wahren Fülle. Sie ist die Tugend, die uns erlaubt, in diesem Bereich der menschlichen Natur die Herrschaft auszuüben. 11

Keuschheit setzt voraus, dass man gelernt hat, sich selbst zu beherrschen. Darin besteht ja die Erziehung zur Freiheit des Menschen. Die eheliche Keuschheit erlaubt den Ehegatten, ihre Gefühle, Emotionen und Leidenschaften in die Erlangung eines höheren Gutes zu integrieren. So können sie frei werden vom Egoismus und einander wirklich lieben und sich gegenseitig achten. Anders ausgedrückt geht es bei der Keuschheit darum, die Sexualität als Ausdruck einer Liebe zu verwirklichen, die dem Partner treu ergeben ist und Rücksicht nimmt auf seine jeweilige Situation. 12

Sich gegenseitig helfen: eheliche Intimität

Viele Menschen verwechseln die innige Vertrautheit der Ehepartner mit den ehelichen Beziehungen, aber die wahre Vertrautheit bedeutet noch viel mehr: Sie ist eine Beziehung, die die Eheleute eint und aufs Stärkste miteinander verbindet, sie besteht in der tiefen Einheit zweier Menschen, die einander lieben. 13 Diese Vertrautheit verlangt gegenseitige Hingabe und erweist sich in ihr. Sie umfasst alles, von Meinungsverschiedenheiten oder sogar Streit über alltägliche Kleinigkeiten bis hin zu den Augenblicken, in denen man einander die innersten Gefühle anvertraut, die man mit niemandem anderen teilen würde. Damit diese innige Vertrautheit entsteht, müssen die Eheleute zusammen an dieser tiefen Gemeinsamkeit bauen, deren Pfeiler aus dem gegenseitigen Sich-Kennen, aus Vertrauen, Gesprächsbereitschaft, Großzügigkeit, Achtung voreinander, Bewunderung, Verständnis, physischer Anziehung, Zärtlichkeit, Humor, Einander-Nahesein usw. bestehen. Diese tiefe Gemeinsamkeit besteht, wenn beide bedingungslos nach einander verlangen und sich lieben.

Wenn die Ehepartner sich großzügig auf diese Vertrautheit und Intimität einlassen, dann verlangen sie nach einer immer vollkommeneren und tieferen Vereinigung ihrer ganzen Existenz, mit Leib und Seele und dem ganzen Gemüt. Sie empfinden das Verlangen, einander immer mehr kennenzulernen, sich dem anderen hinzugeben und einander zum Gefährten zu werden. Sie teilen ihre Gefühle und Leidenschaften, schmieden Pläne miteinander und fassen gemeinsame Entschlüsse; mit einem Wort, sie leben wirklich gemeinsam, das Leben gehört beiden gemeinsam. Jeder ist einzigartig für den anderen, und dadurch wird auch ihre gemeinsame Beziehung einzigartig. Diese Vertrautheit des Ehepaares wirkt über sie hinaus und macht aus ihnen eine Familie, die offen ist für das Leben und auch in der Gesellschaft Frucht bringen möchte.

Alle diese Ziele hängen miteinander zusammen und wenn man sie voll und ganz verwirklichen möchte, dann muss man sich um alle bemühen, ohne künstliche Gegensätze zu schaffen. Gleichzeitig muss einem ganz klar sein, dass die gegenseitige Hilfe kein bloßes Mittel zur Erreichung anderer Ziele ist, sondern selbst ein eigenes Ziel darstellt. Mann und Frau ergänzen und helfen einander nicht nur bei der Zeugung und Erziehung der Kinder, sondern sie ergänzen einander auch in der Weise, dass jeder zum Ziel der Wünsche für seinen Partner wird.

„Die Ehe ist für einen Christen keine bloß gesellschaftliche Einrichtung und noch viel weniger bloßes Heilmittel für die menschliche Schwachheit: Sie ist eine wahrhaft übernatürliche Berufung…. Die Eheleute sind dazu berufen, ihre Ehe und dadurch sich selbst zu heiligen; deshalb wäre es falsch, wenn sie ihr geistliches Leben abseits und am Rande ihres häuslichen Lebens führten. Das Familienleben, der eheliche Umgang, die Sorge um die Kinder und ihre Erziehung, das Bemühen um den Unterhalt der Familie und ihr finanzieller Wohlstand, die gesellschaftlichen Kontakte zu anderen Menschen, dies alles – so menschlich und alltäglich – ist gerade das, was die christlichen Eheleute zur Ebene des Übernatürlichen erheben sollen.“ 14

Javier Escrivá Ivars


1 Vgl. Gen 2, 24.

2 Daraus folgt, dass jeder Akt, der der ehelichen Treue und Ausschließlichkeit widerspricht, einen schwersten Angriff auf diese Ehe bedeutet.

3 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche , Nr. 2335.

4 2. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes , Nr. 49.

5 Vgl. Hl. Josefmaria, Freunde Gottes , Nr. 184.

6Christus begegnen , Nr. 25. Dasselbe gilt auch für den Gebrauch der Ehe, wenn man weiß, dass zu diesem Zeitpunkt auf Grund von Umständen, die man nicht herbeigeführt hat, keine Zeugung stattfinden kann.

7Vgl. Sarmiento, A., El matrimonio cristiano , S. 387.

8Katechismus der Katholischen Kirche , Nr. 2345. Außerdem erklärt der Katechismus: „Die Tugend der Keuschheit steht unter dem Einfluss der Kardinaltugend der Mäßigung, welche die Leidenschaften und das sinnliche Begehren des Menschen mit Vernunft zu durchdringen sucht.“ (Nr. 2341). Worin besteht aber eigentlich die Keuschheit? Der Katechismus sagt: „Keuschheit bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein.“ (Nr. 2337). Die Keuschheit erfordert „das Erlernen der Selbstbeherrschung, die eine Erziehung zur menschlichen Freiheit ist.“ (Nr. 2339).

9 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche , Nr. 2331-2391.

10 Vgl. Päpstlicher Rat für die Familie, Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung , (8.12.1995); ebd., Vademecum für die Beichtväter in einigen Fragen der Ehemoral (12.2.1997).

11 Es geht dabei nicht um eine asketische Übung des Verzichtes; in ihrem Wesen ist sie ein Geschenk Gottes. Selbstverständlich setzt sie Bemühung voraus, wie jede moralische Tugend; aber sie ist eine Gnade, die der Heilige Geist in der Taufe und im Sakrament der Ehe schenkt (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche , Nr. 2345). Daher kommt die absolute Notwendigkeit des demütigen Gebetes, um von Gott die Tugend der Keuschheit zu erbitten.

12 „Jeder Getaufte ist zur Keuschheit berufen. Der Christ hat „Christus [als Gewand] angelegt“ ( Gal 3, 27), ihn, das Vorbild jeglicher Keuschheit. Alle, die an Christus glauben, sind berufen, ihrem jeweiligen Lebensstand entsprechend ein keusches Leben zu führen. Bei der Taufe verpflichtet sich der Christ, in seinem Gefühlsleben keusch zu sein.“ ( Katechismus der Katholischen Kirche , Nr. 2348).

13 Vgl. E. Fromm, Die Kunst des Liebens .

14 Hl. Josefmaria, Christus begegnen , Nr. 23.