Kardinal Meisner: Eine Million Wege zu Gott

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner über Gottsuche, Berufung und das Beichtsakrament

Kath.net: Eminenz, Sie stehen mitten im Geschehen in Köln, so kurz vor dem Weltjugendtag und nach so viel Vorbereitung und Organisation für und mit der Jugend. Fühlen Sie sich da selbst nicht wieder ganz jung?

Kardinal Meisner: Ja, der Umgang mit der Jugend hält einen frisch und jugendlich. Gerade habe ich einen guten Urlaub hinter mir. Direkt danach bin ich einen ganzen Tag mit dem Weltjugendtagskreuz unterwegs gewesen - etwa 25 Kilometer durch den Thüringer Wald. Es war sehr heiß, und das Weltjugendtagskreuz ist ja nicht leicht. Dabei habe ich festgestellt, dass ich am Schluss der einzige war, der trotz dieser Strapaze noch hätte ein gutes Stück weiterlaufen können.

Kath.net: Jetzt laufen Sie in Köln. Wie kann man sich die Stadt im „vorweltjugendtaglichen“ Trubel vorstellen?

Kardinal Meisner: Das Stadtbild ist natürlich ganz vom Weltjugendtag geprägt. Nicht nur über die Medien, sondern ganz besonders auch durch die freiwilligen Helfer, die aus allen Ländern ankommen. In den Hallen des Registrierungsbüros stehen sie Schlange. An den riesigen Tischen bekommen sie ihre Rucksäcke ausgehändigt. Das Stadtbild ist jetzt schon mit den Jugendlichen sehr farbenfroh geprägt.

Kath.net: Die Stadt füllt sich allmählich...

Kardinal Meisner: Ja, das muss man wirklich sagen. Da ist schon Pfiff und Schwung dahinter, besonders auch in unseren Kirchen. Die Pfarrer sagen mir: In manchen Gottesdiensten gibt es keine freien Sitzplätze, es ist alles voll von Jugendlichen.

Kath.net: Dabei heißt es oft, der Glaube sei für Jugendliche „out“…

Kardinal Meisner: Die Jugendlichen sind oft gläubiger als wir Älteren. Die sind doch ihrem Ursprung aus der Schöpferhand Gottes viel näher als wir. In vielen Familien sind die Jugendlichen allein die Glaubenden. Sie geben ihren Glauben nicht an die Generationen danach weiter, sondern an die davor , an die Eltern und Großeltern. Der Heilige Vater, Johannes Paul II., hat schon gewusst, warum er gerade die Jugendlichen zu Mitarbeitern in der Re-Evangelisierung der Welt gemacht hat.

Kath.net: Dennoch gibt es immer auch solche, die suchen. Es gibt zum Beispiel so viele unterschiedliche neue geistliche Gemeinschaften. Wie finden Jugendliche den für sie richtigen Anschluss, den richtigen Weg zum Glauben?

Kardinal Meisner: Das „Wie“ müssen wir dem lieben Gott überlassen. Der Heilige Vater Benedikt XVI. hat gesagt, es gibt so viele Wege zu Gott wie es Menschen gibt. Wenn jetzt in Köln eine Million junge Leute zusammenkommen, dann eröffnen sich eine Million Wege zu Gott. Das ist hochinteressant. Ich bin jedenfalls zutiefst überzeugt, dass viele junge Menschen ihr inneres Charisma und ihre Berufung entdecken werden, so dass einige Mutter Theresas von morgen und übermorgen hier in Köln ihre Berufung erkennen und sich dafür entscheiden - oder einige Charles de Foucauld’s oder wie auch immer die großen prägenden Gestalten unserer Kirche in den letzten Jahren hießen.

Kath.net: Das finden die Jugendlichen nicht so häufig: Sie sind voller guter Dinge und Hoffnung.

Kardinal Meisner: Wieso denn nicht? Wir können immer nur durch zu kleine Erwartungen gegenüber Gott sündigen. Nicht durch zu große Erwartungen. Das Maß der Erfüllung richtet sich nach dem Maß unserer Erwartungen. Wir müssen maßlos sein in unseren positiven Erwartungen Gott gegenüber.

Kath.net: Es gibt auch Pfarrer, die weniger Hoffnungen haben, weil die Situation in den Gemeinden schwierig ist. Wie können Gläubige am besten die Hirten der Kirche beim Ausüben des Amtes unterstützen?

Kardinal Meisner: Gläubige können ihre Priester am besten unterstützen, indem sie zu ihnen beichten gehen. Denn wenn Priester nicht mehr Beichtväter sind, dann trocknet die Lunge ihres priesterlichen Daseins ein, dann kriegen sie keine Luft mehr, sie werden engherzig und engstirnig. Priester haben oft viele Erfolglosigkeiten zu verzeichnen. Ein Priester ist nirgends erfolgreicher als wenn er im Beichtstuhl einen Sünder empfängt und dann einen Geheilten, ja Geheiligten entlässt. Dann schaut er staunend in seine leeren Hände und sagt: Was durfte ich durch die Gnade Gottes alles gegenüber diesem Menschen tun?

Kath.net: Für die Zukunft der Kirche müssten also die wesentlichen Dinge, die Sakramente, oberste Priorität haben?

Kardinal Meisner: Nicht müssten – das müssen sie haben. Und das haben sie theoretisch auch heute. Nur wird das nicht praktiziert. Das Bußsakrament, muss man leider sagen, ist verloren gegangen. Die höchste Gnade ist die Begnadigung, und die höchste Gabe ist die Vergabe, die Vergebung. Wenn ein Kind seinem Vater die kostbarsten Gaben nicht mehr abnimmt, dann hört er auf für sein Kind Vater zu sein. Wenn wir von Gott im Bußsakrament seine höchsten Gaben nicht mehr entgegennehmen, dann hört er für uns auf Gott zu sein. Schon aus dem Grunde, damit die Schöpfungs- und die Erlösungsordnung stimmig wird, müssen wir wieder die ganze sakramentale Welt der Kirche entdecken und praktizieren.

Kath.net: Wie kann man sie konkret entdecken helfen?

Kardinal Meisner: Indem zum Beispiel die Gläubigen anfangen, sich vor den Beichtstühlen aufzustellen und dadurch die Priester wieder zu wahren Beichtvätern machen. Dann bekommen auch die Priester wieder Lust, selbst beichten zu gehen und das steckt wieder andere an.

Kath.net: Aber es gibt so viele Jugendliche, die gar nicht beichten gehen wollen…

Kardinal Meisner: Ja, aber wenn Sie gehen - und ich, dann sind wir schon mal zwei. Und dann lädt man den einen oder anderen ein. Es gibt kein Allerweltsrezept. Der Glaube ist eine Gnade. Gott geht mit jedem seinen eigenen Weg. Und diesen Weg weiß nur Gott.

Kath.net: Ich würde gern noch auf die Situation der Ehen und Familien eingehen. Immer mehr Ehen scheitern, und die Kirche sieht sich mit einer wachsenden Anzahl von Wiederverheirateten Geschiedenen konfrontiert. Papst Benedikt XVI. meinte vor einiger Zeit, die Kirche müsse deren Situation „intensiver studieren“. Das Sakrament der Ehe müsse einerseits geschützt werden, die Betroffenen müssten mit ihrem Leid von der Kirche aufgenommen werden. Wie könnten solche Wege der Aufnahme und Annahme konkret ausschauen?

Kardinal Meisner: Das weiß ich nicht. Das wird der Heilige Vater uns sagen, wenn dieses intensive Studium zu Lösungen führt, die die Ehe nicht verraten und auch nicht das Sakrament der Einheit von Christus mit der Kirche, die Eucharistie.

Die ersten Christen haben die Welt durch den Glanz ihres Lebens bekehrt. Auch wir dürfen unser Handeln nicht von den derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnissen diktieren lassen, wir müssen die Missstände durch unser Lebenszeugnis überwinden.

Als die Menschen zu Jesus sagten: Aber die Leute haben gesagt, ihr könnt eure Frau aus der Ehe entlassen, erwiderte Jesus: Ich aber sage euch: Ihr müsst es anders machen.

Das ist das Maß für unser Leben. Immer mehr Anpassung an die Welt wird die Kirche nicht überzeugender machen. Nicht das „wir aber auch“, sondern das „ich aber sage euch“ erwarten unsere Zeitgenossen letztlich von der Kirche.

Kath.net: Jugendlichen wird oft vorgeworfen, mehr von Karriere als von Ehe und Familie zu halten. Wie will man ihnen die Familie wieder schmackhaft machen?

Kardinal Meisner: Ich glaube gar nicht, dass das so negativ ist. Ich habe den Eindruck, dass die Jugendlichen wieder feste Partnerschaften, dauerhafte Ehen und die Familie hochschätzen, und dass auch der Wunsch nach Kindern unter jungen Menschen wieder groß ist. Das wird aus Umfragen deutlich. Auch wenn die Jugendlichen das noch nicht praktizieren, ist doch das Bedürfnis da. Das ist meine große Hoffnung.

Kath.net: Woher kommt es, dass der Wunsch nach dauerhaften Ehen und Kindern wieder wächst?

Kardinal Meisner: Das hängt damit zusammen, dass junge Leute noch nicht so weit von ihrem Schöpfungsursprung aus der Hand Gottes entfernt sind, so dass die Nähe zum Schöpfer in ihnen die Sehnsucht nach Schönheit und Reinheit sehr stark wirksam werden lässt.

Kath.net: Davon werden wir sicher auch auf dem Weltjugendtag zu spüren bekommen. Was erhoffen Sie sich allgemeinen vom Weltjugendtag?

Kardinal Meisner: Dass alle, die zu uns kommen, glücklicher, gottinniger wieder nach Hause fahren und uns Kölner ein wenig gottinniger und glücklicher zurücklassen. Dann bin ich schon zufrieden. Alles andere lenkt die Gnade Gottes selbst.