Das Opus Dei in der Kirche

Den drei Verfassern des Buches „Das Opus Dei in der Kirche“ bescheinigte Bischof Álvaro del Portillo, dass sie „gründlich und zutreffend die Stellung des Opus Dei als Personalprälatur in der Struktur der Kirche“ erörtern. Harald Bienek hat die deutsche Ausgabe des anspruchsvollen und zum theologischen Verständnis unverzichtbaren Werkes besprochen.

Die Personalprälatur

Den drei Verfassern des Buches „Das Opus Dei in der Kirche“ (1) bescheinigt Bischof Álvaro del Portillo (1914–1994) im seinem Vorwort, dass sie „gründlich und zutreffend die Stellung des Opus Dei als Personalprälatur in der Struktur der Kirche“ erörtern. Weiter schreibt der erste Prälat des Opus Dei in der spanischen Originalausgabe von 1993: „Sie gehen der Berufung zum Opus Dei als einer konkreten Manifestation der Taufberufung nach und untersuchen die Säkularität als Stellung und Eigenschaft des gewöhnlichen Christen und folglich auch der Gläubigen der Prälatur.“ Diese „ekklesiologische Einführung in das Leben und das Apostolat des Opus Dei“ – so der Untertitel – ist ebenso anspruchsvoll wie unverzichtbar für ein tieferes Verständnis der Prälatur. Harald Bienek hat die deutsche Ausgabe besprochen (2):  

Die Aktualität dieses Buches scheint nicht nur in seinem Titel auf, sondern noch stärker, wenn man ein darin behandeltes Kernthema nennt: die organische Zusammenarbeit von Priestern und Laien in der Kirche.

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel, deren erstes eine ekklesiologische Analyse der Struktur des Opus Dei und seiner Situierung im „corpus ecclesiale“ bildet. Das zweite untersucht die Berufung zum Opus Dei und ihre Charakteristika ausgehend vom Begriff der christlichen Berufung. Da die Berufung zum Opus Dei auf die Bemühung um Heiligkeit und die apostolische Sendung mitten in der Welt, d.h. innerhalb säkularer Beschäftigungen und Situationen, ausgerichtet ist, wird im dritten Kapitel die säkulare Charakteristik der Mitglieder der Prälatur des näheren bestimmt.

Die gemeinsame Perspektive der drei Beiträge bildet der Bezug zur Kirche. Erwähnenswert ist, daß diese Bezugnahme auf die Kirche nicht bloß in „kontextueller“ Weise stattfindet, so daß Kirche als bloßes Umfeld, als mehr oder weniger extrinsischer Ort aufgefaßt wird, in dem das Opus Dei geboren wird, lebt und sich entfaltet; sondern Kirche wird verstanden als Mysterium theologaler und missionarischer „Communio“ und wird erst als solche zum theologischen Erkenntnisprinzip des Opus Dei in seinem innersten Wesen. 

Das Opus Dei als ekklesiologische Wirklichkeit

In der ersten Studie arbeitet Rodriguez, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität von Navarra, die theologische Analogie zwischen dem Opus Dei und der Kommunio-Gestalt der Teilkirche heraus. Das Opus Dei wird wesentlich von Weltpriestern und Laien – Frauen und Männern – konstituiert, deren gemeinschaftsstiftendes Band die besondere Sendung bildet, die Josefmaria Escrivá am 2. Oktober 1928 von Gott empfing: nämlich jene, die universale Berufung zur Heiligkeit zu verbreiten, und zwar aus dem Inneren aller ehrbaren Tätigkeiten heraus, mittels der Heiligung der Berufsarbeit und aller anderen Dimensionen des Alltagslebens mitten in der Welt. Die Brisanz einer solchen Universalität der Heiligkeitsberufung kann nicht genügend unterstrichen werden, zumal damit eine Neubestimmung dessen einhergeht, was christliche „Normalität“ ausmacht, wie Kardinal Ratzinger darlegt: „Das Wort ‚heilig‘ hat im Laufe der Zeit eine gefährliche Einengung erfahren, die wohl heute noch immer wirksam ist. Wir denken dabei an die Heiligen, die auf den Altären dargestellt werden, an Wunder und heroische Tugenden und wissen dann, daß das nur für einige wenige Erwählte gilt, denen wir uns nicht zurechnen können. Wir überlassen die Heiligkeit denen, diesen unbequemen wenigen, und bescheiden uns damit, so zu sein, wie wir eben sind. Aus dieser geistlichen Apathie hat Josefmaria Escrivá aufgerüttelt: Nein, Heiligkeit ist nicht das Ungewöhnliche, sondern das Gewöhnliche, das Normale für jeden Getauften. Sie besteht nicht in irgendwelchen unnachahmlichen Heroismen, sie hat tausend Gestalten; sie kann an jeder Stelle und in jedem Beruf verwirklicht werden. Sie ist das Normale; sie besteht darin, das gewöhnliche Leben auf Gott hin zu leben und es mit dem Geist des Glaubens zu durchformen.“

An dieser spezifischen Sendung, die sich in den Kern der Sendung der Kirche überhaupt einfügt, beteiligen sich alle Mitglieder des Opus Dei, jeder gemäß der Gegebenheiten seines Lebens, seien diese priesterlich oder laikal.

Die Beziehung von Priestern und Laien im Opus Dei kann nicht als bloße Interaktion zweier Stände erklärt werden, in bloßen Kategorien des Nebeneinander; noch weniger kann man das Opus Dei als ein Klerikergebilde begreifen, das von Laien umgeben ist; oder umgekehrt: als Laienvereinigung mit pastoraler Assistenz von außen, von einer Priestergruppe her, sondern die Laiengläubigen – Frauen und Männer – haben an der Sendung des Opus Dei mittels ihrer ureigenen, beruflichen Tätigkeit in der Welt teil: mit ihrer Welttätigkeit, nicht mit hinzukommenden Sondertätigkeiten. Ihrerseits tragen die Priester zu derselben Sendung als Priester, mit ihrem spezifischen priesterlichen Amt bei.

Das einheitsstiftende Band, das die Aufgaben der einen und der anderen verbindet, wird von der Art der Sendung des Opus Dei selbst gebildet. Diese wird mit den Begriffen „priesterlicher Dienst“ oder „Laienmitarbeit“ nicht hinreichend charakterisiert, sondern besteht in der Forderung und Förderung organischen Zusammenwirkens von pastoralem Amt und professioneller Tätigkeit.

Die Ähnlichkeit (Analogie) zur Teilkirche ist gerade in diesem Punkt zu auszumachen: es ist die Beziehung zwischen Allgemeinem Priestertum und priesterlichem Amt, die – in institutioneller Hinsicht – sowohl das Opus Dei wie auch die Teilkirchen strukturiert. Analogie ist jedoch Analogie und gerade nicht Identität; es gibt auch klare Unterschiede: Während in der Teilkirche diese Beziehung die ganze Fülle der sakramentalen Dienste umfaßt, umfaßt sie im Opus Dei nur diejenigen Aspekte, die nötig sind für seine spezifische Sendung.

Jene Analogie – die Gleichheit und Verschiedenheit besagt – ermöglicht es, den Grund zu verstehen, wieso die dem Opus Dei angemessene kirchenrechtliche Form (eine Institution, die kirchenrechtlich unter die ordentliche hierarchische Kirchenstruktur gehört) nicht diejenige der Diözese ist, sondern diejenige der Personalprälatur; eine Struktur, die zur Teilkirche weder alternativ noch entgegengesetzt steht. Unter den verschiedenen Konsequenzen dieser Analogie kann man beispielsweise erwähnen, daß der Prälat nicht notwendig Bischof sein muß, während in der Teilkirche die bischöfliche „Kapitalität“ notwendig und konstitutiv ist. Für das Opus Dei ist sie zwar angemessen und theologisch kongruent, aber weder notwendig noch konstitutiv. 

Die Berufung zum Opus Dei – eine Berufung in der Kirche

Das zweite Kapitel dieser Trilogie wird von Ocáriz (3), Ordinarius für Fundamentaltheologie der Hochschule vom Hl. Kreuz und Konsultor der Glaubenskongregation, entfaltet. Seine Studie bewegt sich keineswegs beziehungslos zur voraufgehenden. In ihr wurde das Opus Dei als von Priestern und Laien konstituiert dargestellt, wesentlich geeint durch jenes Band zwischen Allgemeinem Priestertum und Amtspriestertum, einer Charakteristik der Kirchenstruktur überhaupt.

Wenn das Opus Dei in seiner Grundstruktur nun so weitgehend derjenigen der Kirche ähnelt, stellt sich freilich die Frage, welche Besonderheit die Berufung zum Opus Dei mit sich bringt, die Grundlage für eine besondere Institution bilden könnte und nicht bloß für eine einfache Spiritualitäts- und Apostolats-„Strömung“? Mit anderen Worten, worin besteht die präzise Berufungseigenart der Zugehörigkeit zur Prälatur und welches ist die Natur des Engagements, das man beim Eintritt auf sich nimmt?

Es ist darauf aufmerksam zu machen, daß die Bindung an die Prälatur nicht auf einem Akt der Tugend, der „religio“, aufbaut. Daher existieren weder am Ursprung, bei der Eingliederung, noch in ihrer Entfaltung Gelübde oder andere heilige Bande, die ihrer Natur nach den Gelübden des geweihten Lebensstandes ähnlich wären. Rein juristisch betrachtet besteht die übernommene Verpflichtung darin, sich der Jurisdiktion des Prälaten zu unterstellen, die einerseits keine andere als die ordentliche Jurisdiktion der Kirche darstellt, sich jedoch in diesem Fall auf die spezifischen Bereiche (der Bildung, des geistlichen Lebens und des Apostolates) im Hinblick auf die besondere Sendung der Prälatur erstreckt.

Die Berufung zum Opus Dei stellt paradoxerweise den Ruf dar, dort zu verbleiben, wo man bereits ist; sie ist also kein Appell, Beruf oder Lebensart zu verändern. Freilich handelt es sich auch um den Ruf zu einer Änderung; aber im Sinne einer geistlichen Umkehr, nicht im Sinne einer Entfernung von dem, was im Leben des Berufenen bereits gegeben ist.

Wie jede andere spezifische Berufung in der Kirche bildet auch der Ruf zum Opus Dei eine Konkretisierung der Taufberufung. Wer zum Opus Dei berufen wird, sieht jedoch die Bedeutung und die Tragweite der eigenen Taufberufung in neuem Licht: nämlich im Unmittelbarerwerden und im Zusammenspiel mit der geschöpflichen Berufung des Menschen; letztere meint: jene Existenzweise des Menschen, wie sie von Gott bei seinem Schöpfungsakt in Christus gewollt ist. In diesem Sinne kommt das „Neue“ zum Vorschein in der „Erneuerung“ des „Alten“; aber eben ohne etwas „Verschiedenes“ hervorzubringen.

Der berufungsmäßige Einsatz des Christen hebt nicht ab auf ein abstraktes Wesen des geistlichen Lebens einer gottverbundenen Seele, sondern bedeutet Beteiligung am Mysterium der Inkarnation des Wortes. Denn der Sohn Gottes nahm nicht bloß eine (abstrakte) menschliche Natur an. Mit seiner Inkarnation nahm er auch eine Mutter an, Maria; eine Familie, der der hl. Josef vorstand; einen Beruf, den er von seinem Vater lernte; ein Landfleckchen, in dem er den Großteil seines Lebens verbrachte; ein ausgedehntes Geflecht familiärer, gesellschaftlicher und beruflicher Beziehungen. All das sah der Herr im Hinblick auf das Kreuz, im Hinblick auf seine priesterliche Sendung. An diesem Kreuz und an diesem Priestertum nehmen die Gläubigen des Opus Dei Anteil, und zwar als gewöhnliche Christen, mittels der Bemühung um Heiligkeit mitten in der Welt: Es geht um christliche Radikalität in der Geschichte; ernsthaften und restlosen Einsatz – ohne andere Weihen als jene der Taufe; heroische Liebe im Gewöhnlichen. 

Die Säkularität der Mitglieder des Opus Dei

In der dritten Studie des Buches behandelt José Luis Illanes, Ordinarius in der Theologischen Fakultät der Universität von Navarra, die säkulare Eigenart der Christgläubigen, wie auch der Prälatur als ganzer im Bereich der Säkulardimension der Kirche.

Säkularität war der Gegenstand einer ausgedehnten Debatte in der 7. ordentlichen Versammlung der Bischofssynode, die sich der Berufung und Sendung der Laien widmete und an der Illanes als Experte teilnahm. Das Opus Dei bezieht sich wesentlich auf die Mission der Kirche und des Christen in der Welt und in der Geschichte.

Diese Sendung wurde jedoch in verschiedener Weise aufgefaßt, und zwar entsprechend der Art und Weise wie man die Beziehung des Christen zur Welt auffaßte. Es fanden sich dabei „extrinsizistische“ Positionen, die die Welt als einen schlicht äußerlichen Bereich betrachten, der die Besonderheit des christlichen Lebens nicht tiefer berühre, sondern ihm allenfalls dieses oder jenes Kolorit an der Oberfläche verleihe.

Illanes unterstreicht hingegen, daß die Beziehung des Laien zur Welt, gerade weil es sich um ein gewöhnliches Christenleben handelt, nicht von der Art eines bloß kontextuellen Bezuges ist. Die berufliche Tätigkeit, das Familienleben, die gesellschaftlichen Beziehungen usw. betreffen sowohl die Identität der Laien selbst wie auch ihr Christsein.

Es gibt eine menschliche Berufung, die dazu gerufen ist, in Christus die Fülle ihrer Bedeutung zu erlangen. Das theologische Fundament solcher Vereinigung ist in der Inkarnation des Wortes zu finden und in Seiner Sendung in der Geschichte. Auf diese Überzeugung bezieht sich das Opus Dei, das seinem Gründer durch Gottes Willen anvertraut wurde. 

Das Buch versteht sich als Grundlage für einen wissenschaftlichen „Einstieg“, als Text, der einen theologischen Raum für Dialog und Vertiefung im Verständnis der Prälatur Opus Dei öffnen möchte. 

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(1) Pedro Rodríguez, Fernando Ocariz, José Luis Illanes, Das Opus Dei in der Kirche. Ekklesiologische Einführung in das Leben und das Apostolat des Opus Dei, Paderborn (Bonifatius) 1997, 277 S., ISBN 3-87088-998-5.

(2) Harald Bienek, o.T., in: Münchener Theologische Zeitschrift, 49 (1998), S. 279–282.

(3) Seit 1994 Generalvikar der Prälatur Opus Dei.