Prälat Fernando Ocáriz regt dazu an, die innere und äußere Armut in den Fokus zu nehmen. Ziel ist es, zu mehr innerer Freiheit, Liebe zu Gott und apostolischer Wirksamkeit zu gelangen.
Meine Lieben: Jesus behüte meine Töchter und Söhne!
In dieser Botschaft möchte ich euch einladen, gemeinsam einige Aspekte der Armut bzw. Loslösung zu vertiefen, jener Tugend, die den bonus odor Christi verströmt, von dem der heilige Paulus spricht (vgl. 2 Kor 2,15).
Der heilige Josefmaria sprach häufig von der Tugend der Armut. Er verstand sie nicht nur als äußere Entsagung, sondern als eine Form der Liebe, die Christus uns gelehrt hat: als Ausdruck eines Herzens, das ganz Gott gehören möchte. Christus wollte arm geboren werden, arm leben und arm sterben; zugleich passte er sich den verschiedenen Umständen und Menschen umstandslos an. Der Sohn Gottes, der alles besitzen konnte, wählte den Weg der Erniedrigung und Selbstentäußerung (vgl. Phil 2,6-8). In einer solchen Haltung der Loslösung offenbart sich die Schönheit eines Herzens, das frei und ganz offen für den Willen des himmlischen Vaters ist.
Die Heiligen bezeugen dies auf vielfältige Weise. Sie sahen in der Armut nicht Verlust, sondern Fülle. Denn die Seele, die sich von ungeordneten Bindungen löst, erfährt eine neue Freiheit: die Freiheit der Liebe. „Angesichts des Wunsches, Gott als Weggefährten zu haben, werden Reichtümer relativ, weil wir den wahren Schatz entdecken, den wir wirklich brauchen“ (Leo XIV., Botschaft, 16.11.2025).
Die konkreten Ausdruckformen dieser Tugend können situationsabhängig sein. Was für den einen notwendig oder höchst sinnvoll ist, kann für einen anderen überflüssig sein; und was für einen heute erforderlich erscheint, muss es morgen nicht mehr sein. Abgesehen von offensichtlichen Fällen verlangt die Unterscheidung zwischen dem hier und jetzt Notwendigen, Zweckmäßigen oder Überflüssigen mehr als äußere Kriterien: Sie erfordert ein gut gebildetes Gewissen, Klugheit und den aufrichtigen Wunsch, die Loslösung zu leben. Dazu gehört unter anderem die Bereitschaft, einen Rat einzuholen, wenn unklar ist, ob eine Ausgabe oder eine finanzielle Entscheidung jeweils angemessen ist.
Wenn die Tugend der Armut, der Geist der Armut, in unserem Leben wirklich Wurzeln schlägt, wird das Herz schwerelos und erhebt sich mit Gottes Gnade leichter zur Kontemplation. Die Seele lernt, die sanften Regungen des Heiligen Geistes besser wahrzunehmen. Und sie erfährt inmitten der gewöhnlichen Beschäftigungen einen Frieden und eine Freude, die die Welt nicht geben kann (vgl. Joh 14,27). Es ist die stille Freude dessen, der weiß, dass die Liebe Gottes in ihm wohnt; eine Liebe, die auch unsere Schwäche erfasst, sie erleuchtet und uns nach und nach von innen her umwandelt, bis wir Jesus Christus ähnlich sind.
Gleichzeitig können wir nicht übersehen, dass in vielen Bereichen unserer Gesellschaft eine Denkweise vorherrscht, die Glück mit materiellem Wohlstand und weltlichen Freuden gleichsetzt. Wie wir wissen, besteht unsere Berufung keineswegs darin, dieser Welt zu entfliehen, sondern sie zu lieben und daran mitzuwirken, sie von innen her zu verwandeln. Dazu sollen wir, wie der heilige Josefmaria sagte, nach innen gerichtete Seelen sein: „Der göttliche Ruf hat ein sehr konkretes Ziel: an allen Wegkreuzungen der Erde zugegen zu sein, während du selbst tief in Gott verankert bist“ (Im Zwiegespräch mit dem Herrn, Nr. 11).
So können wir zu jenem guten Boden werden, von dem Jesus im Gleichnis vom Sämann spricht und der dem Wort Gottes erlaubt, in unserem Leben Frucht zu bringen: Frucht in Form einer größeren inneren Freiheit, einer tieferen und reflektierten Freude, eines stärkeren Vertrauens in Gott und eines aufmerksameren Blicks für die Nöte der anderen. Fällt der Same hingegen unter Dornen – unter allzu weltliche Sorgen und die Jagd nach immer mehr Gütern –, bleibt er unfruchtbar: Der Mensch verliert seine innere Freiheit, verschließt sich mehr und mehr für Gott und die anderen und setzt seine Hoffnung auf Sicherheiten, die das Herz letztlich nicht erfüllen. Achten wir daher entschlossen darauf, im Großen wie im Kleinen zu verhindern, dass die materialistische Kultur den guten Boden unseres Herzens und unserer Beziehungen erstickt (vgl. Mt 13,22).
Wird die Armut vernachlässigt, schwindet unweigerlich auch das Verlangen, dazu beizutragen, dass die Liebe Gottes in anderen Herzen Wurzeln schlägt. Der heilige Josefmaria erkannte den unmittelbaren Zusammenhang zwischen dieser Tugend und dem apostolischen Eifer: „Löse dich von den Gütern der Welt. – Übe dich in der Armut des Geistes und liebe sie: Sei zufrieden mit dem, was hinreicht, ein nüchternes und maßvolles Leben zu führen. Sonst wirst du nie ein Apostel“ (Der Weg, Nr. 631).
Hinter einem mangelnden apostolischen Eifer verbirgt sich nicht selten ein Leben, das durch Ersatzbefriedigungen, die die Seele betäuben, aus dem Gleichgewicht geraten ist. Gemeinsam mit unserem Vater, dem heiligen Josefmaria, dessen Fest wir in diesem Monat begehen, ermutige ich euch, in dieser Frage, wenn nötig, einen Schritt der Bekehrung zu machen. Das wird sich mit Sicherheit in einer tieferen Liebe zu unserem Herrn niederschlagen und uns befähigen, ihn mit mehr Wirkkraft in die Welt hineinzutragen.
Legen wir dieses Anliegen in die Hände unserer Mutter Maria, damit sie uns lehre, die Schönheit eines armen Lebens, das ganz der Liebe Gottes gewidmet ist, immer wieder neu zu entdecken.
Bleiben wir eng verbunden im Gebet für den Heiligen Vater und seine Anliegen, derzeit besonders für die Verbreitung seiner ersten Enzyklika und die Früchte seiner apostolischen Reise nach Spanien.
In Liebe segnet euch
euer Vater

Rom, 14. Juni 2026
