DER HEILIGE Johannes war der einzige Apostel, der treu unter dem Kreuz verharrte. Ihm schien es undenkbar, zu fliehen, denn er konnte die Liebe, die ihn vollkommen erfüllte, nicht verlassen. Johannes hatte Jesus das Wertvollste übergeben, das er besaß: sein Herz. Deshalb vertraute Christus ihm auch seinen größten Schatz an. Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! (Joh 19,26-27). In diesem Moment erfüllte Jesus die Seligpreisung, die er einst verkündet hatte: Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen (Mt 5,8). Wer ein reines Herz hat, wird nicht nur Gott schauen, sondern auch seine Mutter in sein Leben aufnehmen (vgl. Joh 19,27). Papst Johannes Paul II. kommentiert dazu: „Indem der Christ sich wie der Apostel Johannes Maria kindlich anvertraut, nimmt er die Mutter Christi ,bei sich‘ auf und führt sie ein in den gesamten Raum seines inneren Lebens, das heißt in sein menschliches und christliches ,Ich‘.“1
In der Bibel steht das Herz nicht nur für die Gefühlswelt, sondern für den innersten Kern des Menschen, der seine Persönlichkeit ausmacht. Johannes zeigt uns ein leidenschaftliches Herz, das sich nicht mit Beliebigem zufriedengibt. In guten wie in schwierigen Momenten sehnt es sich nach dem Wahren, Edlen und nach der Liebe Gottes, die er in Jesus gefunden hat. Der Psalmist drückt dieses Verlangen aus: Mein Herz denkt an dich: Suchet mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Angesicht vor mir! (Ps 27,8-9). Nur Gott kann die tiefsten Sehnsüchte des menschlichen Herzens stillen. Johannes könnte bei seiner ersten Begegnung mit Jesus die Worte Ijobs gesprochen haben: Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut (Ijob 42,5).
Am heutigen siebten Tag der Novene zur Unbefleckten Empfängnis möchten wir mit der Jungfrau Maria den Wunsch erneuern, das Antlitz Jesu zu suchen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz (Mt 6,21). Maria wird uns helfen, zu erkennen, dass, wie Papst Franziskus einmal sagte, „das kostbarste Gut, das wir im Leben haben können, unsere Beziehung zu Gott ist.“2
IM EVANGELIUM begegnen wir Menschen, die, anders als Johannes und Maria, Jesus zwar vor sich haben, ihn jedoch nicht erkennen. Ein Beispiel dafür sind die Jünger von Emmaus. Während sie über den Tod des Herrn sprachen, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen. Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten (Lk 24,15-16). Gott wollte ihre innere Blindheit heilen – jene Blindheit, die sie daran hinderte, die Ereignisse in Jerusalem zu verstehen und an ihn zu glauben. So näherte sich Jesus ihnen, wie er sich auch uns heute nähert. Papst Benedikt XVI. betonte: „Wir tappen nicht im Dunkeln. Wir suchen nicht vergeblich, was das Rechte sein könnte. Wir sind nicht wie Schafe ohne Hirten, die nicht wissen, wo der rechte Weg ist. Gott hat sich gezeigt. Er selbst weist uns den Weg.“3 Am Ende jenes Tages, der mit einem Tadel begann – Unverständige, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben (Lk 24,25) –, öffnet Jesus den Jüngern die Augen, als er das Brot brach.
Maria blieb, durch Gottes Gnade und ihre vollkommene Bereitschaft, von dieser inneren Blindheit, die aus der Sünde stammt, verschont. Auch wenn sie nicht immer alles verstand, waren ihre Sinne klar und offen für die göttliche Weisheit. Deshalb konnte sie den tiefen Sinn ihres Lebens in dem Kind finden, das sie empfing und als verletzliches Wesen in ihren Armen hielt. Maria hilft auch uns, unseren Blick zu klären, damit wir Christus erkennen, der in unser Leben tritt. Denn die menschliche Schwäche und die Folgen der Sünde neigen dazu, unsere Wahrnehmung zu verzerren. Wir laufen Gefahr, die Ereignisse der Welt aus einer rein menschlichen Perspektive zu beurteilen und auf falsche Versprechen zu vertrauen, die unser Herz enttäuschen, weil sie nicht von Gott kommen. In dieser Novene lehrt uns Maria, wie Papst Franziskus sagte, „den edlen Kampf gegen die inneren Täuschungen zu führen, die durch unsere Sünden entstehen. Denn die Sünden verändern unsere innere Sichtweise, sie verfälschen unsere Bewertung der Dinge, lassen uns Dinge sehen, die nicht wahr sind, oder die zumindest nicht so wahr sind.“4
Diese Notwendigkeit, das Herz zu reinigen, ist nicht demütigend, sondern ein Weg zur Erneuerung unseres Wunsches, das Antlitz Jesu zu schauen. Alle Heiligen haben diesen Weg beschritten. Der heilige Petrus etwa bekannte auf den Ruf Christi hin nicht seine Stärken, sondern gestand seine eigene Blindheit ein: Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr (Lk 5,8). Der heilige Josefmaria drückte dies in ähnlicher Weise aus: „Ich möchte Maria, die Mutter Gottes und meine Mutter, mit meinen geläuterten Unzulänglichkeiten krönen, da ich über Edelsteine oder Tugenden nicht verfüge.“5 Das Eingeständnis unserer Sündhaftigkeit ist der erste Schritt zur Reinheit des Herzens. Es öffnet uns die Augen, um das Antlitz Jesu zu erkennen – jenes Antlitz, das dem seiner Mutter so ähnlich ist.
MAN KÖNNTE denken, die Seligpreisung der Reinen im Herzen und die Verheißung, Gott zu schauen, bezögen sich ausschließlich auf das Leben nach dem Tod – als müssten wir erst auf den Himmel warten, um den Lohn für die Reinheit des Herzens zu empfangen. Doch die Worte Jesu weisen darauf hin, dass wir bereits hier auf Erden die Gegenwart Gottes erfahren können. Der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt: „Ein reines Herz ist Voraussetzung für die Gottesschau, befähigt uns aber schon heute, die Dinge im Lichte Gottes zu sehen und andere als ,Nächste‘ anzunehmen. Es lässt uns den menschlichen Leib, unseren eigenen wie den des Nächsten, als Tempel des Heiligen Geistes, als Spur der göttlichen Schönheit wahrnehmen.“6
Maria, die reinsten Herzens war, konnte nicht immer ihren Sohn von Angesicht zu Angesicht sehen. Nach seiner Himmelfahrt verbrachte sie einige Zeit ohne seine sichtbare Gegenwart. Doch sie lebte aus dem Auftrag, den er ihr am Kreuz anvertraute: Frau, siehe, dein Sohn. Von diesem Augenblick an nahm sie alle Menschen aller Zeiten in ihr reines Herz auf, und in jedem erkannte sie das Antlitz Jesu selbst. Sie sah nicht mehr nur „Menschen“, sondern Kinder, für die ihr Sohn sein Leben gab.
Die Reinheit des Herzens befähigt uns, Gott in allem zu erkennen: in den Ereignissen unseres Lebens und vor allem in jedem Menschen. Diese innere Reinheit lehrt uns eine Liebe, die nicht nach Nutzen oder Laune fragt, sondern den anderen als Abbild Christi sieht. Eine Liebe, die sich nach der Beschreibung des heiligen Paulus auszeichnet durch Geduld, Güte, Großzügigkeit und Demut (vgl. 1 Kor 13,4-8).
Es ist die Liebe, die Maria in einzigartiger Weise verkörperte. Der heilige Josefmaria schrieb dazu: „Kein Menschenherz kann ,menschlicher‘ sein als eines, das übervoll ist vom übernatürlichen Sinn. Denke nur an Maria, voll der Gnade, die Tochter Gottes, des Vaters, die Mutter Gottes, des Sohnes, die Braut Gottes, des Heiligen Geistes: In ihrem Herzen findet die ganze Menschheit Raum, ohne Unterscheidungen und Diskriminierungen. Jeder einzelne ist ihr Sohn, ihre Tochter ...“7
1 Hl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris Mater, Nr. 45
2 Franziskus, Botschaft zum Weltjugendtag, 31.1.2015.
3 Benedikt XVI., Predigt, 30.8.2009.
4 Franziskus, Audienz, 1.4.2020.
5 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 285.
6 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2519.
7 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 801.