ES WAR an einem Sabbat, als Jesus in die Synagoge ging und lehrte. Dort war ein Mann, dessen rechte Hand verdorrt war. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer aber gaben Acht, ob er am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn (Lk 6,6-7). Der Evangelist macht deutlich, weshalb einige jüdische Oberhäupter Jesus umringten. Sie waren weder an seinen Lehren interessiert, noch wollten sie Zeugen eines Wunders werden. Stattdessen suchten sie fieberhaft nach einem Grund, ihn zu überführen. Der heilige Cyrill von Alexandrien prangerte dieses Verhalten in einer Predigt an. Er klagte: „Oh Pharisäer! Du siehst den, der mit höherer Macht Wunder vollbringt und Kranke heilt, doch aus Neid trachtest du nach seinem Tod.“1
Die den Herrn damals verurteilten, bewiesen, dass ihnen der Mann mit der verdorrten Hand gleichgültig war. Ihr erstes Anliegen war nicht das Mitgefühl mit diesem Menschen und die Möglichkeit, ihn von seiner Krankheit zu befreien. Sie waren ausschließlich auf die strikte Einhaltung des Sabbatgebots bedacht und darauf, denjenigen zu Fall zu bringen, der es nicht eingehalten hatte: Jesus, der Urheber des Gesetzes selbst. Mit ihrem überspannten Pflichtbewusstsein ließen die Pharisäer, wie Papst Franziskus sagte, „der Gnade Gottes keinen Raum“ und verharrten „in ihrer Traurigkeit und ihrem Groll“. Sie waren nicht fähig, anderen das Heil zu bringen, weil sie ihm selbst keinen Zutritt gewährten.2
Diese verirrten Führer des Volkes hatten die großzügige Straße der Barmherzigkeit Gottes zu einem schmalen Pfad des Gesetzesgehorsams verengt. Statt für das Volk eine ermutigende Hilfe auf seinem Weg zu sein, waren sie zu einem Hindernis geworden. Statt die Bedürfnisse der Menschen zu sehen, sehen sie bloß Abweichungen von der Norm. Angesichts einer solchen Art der Verblendung erinnert uns der heilige Josefmaria daran, dass es „keine vorgefertigten Formeln, keine starren Methoden oder Anleitungen“ gibt, um die Menschen Gott näher zu bringen. Jede Begegnung Gottes mit einem Menschen ist „unaussprechlich und unwiederholbar“. Unsere Aufgabe ist es, „mit Jesus Christus zusammenarbeiten“, um in jedem Fall das passende Wort und den passenden Weg zu finden, „indem wir fügsam sind und nicht versuchen, das immer originelle Wirken des Heiligen Geistes in starre Bahnen zu zwängen“3.
LUKAS betont, dass Jesus die Gedanken dieser Schriftgelehrten und Pharisäer durchschaute (vgl. Lk 6,8). Der Herr wusste, dass sie nicht gekommen sind, um ihm demütig zuzuhören und seinen Lehren zu folgen. Obwohl sie äußerlich den Anschein erweckten, wie die übrigen Menschen auf seine Worte zu lauschen, war ihr Inneres weit entfernt von der Einfachheit und Aufrichtigkeit, mit der die anderen ihm begegneten. Sie hatten nicht die Absicht, ihr Leben zu ändern oder Gott zu gefallen, sondern waren lediglich auf der Suche nach einem Grund, Jesus zu kritisieren.
Diese Führer verbargen ihre verkehrten Wünsche und heuchelten gute Absichten. Demgegenüber empfahl der heilige Josefmaria, die Lauterkeit der Absicht zu suchen und definierte diese genauer: „Lauterkeit der Absicht heißt, ,ausschließlich und in allem‘ die Ehre Gottes zu suchen.“4 Denn christliches Leben besteht nicht darin, bestimmte moralische oder religiöse Standards oder Vorschriften „zu erfüllen“. Die Pharisäer waren zwar eifrige Beobachter des Gesetzes, gaben Almosen, verbrachten viele Stunden im Tempel und fasteten ... Doch Jesus wusste, dass sie dies nicht taten, um seinen Vater zu verherrlichen. Daher brachte sie ihre ganze Mühe weder ihren Mitmenschen noch ihrem wahren Glück näher. An anderer Stelle wird der Herr ihnen mit Worten des Propheten Jesaja vorhalten: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir (Mt 15,8).
Christliches Leben zeigt sich sicherlich auch in äußeren Werken, doch entscheidend ist, dass diese Werke von einem Geist der Güte und der Heiligkeit beseelt sind. Dies können wir im Leben Jesu, der Apostel und der Heiligen feststellen. So kann der Christ, wie der Gründer des Werkes sagte, „wie König Midas alles, was er anfasst, in reines Gold verwandeln, nämlich durch lautere Absicht. Diese ermöglicht es ihm mit Gottes Gnade, alltägliche Handlungen zu etwas Heiligem zu machen.“5
NACHDEM Jesus den Mann mit der verdorrten Hand aufgefordert hatte, sich in die Mitte der Synagoge zu stellen, richtete er eine entscheidende Frage an die Schriftgelehrten und Pharisäer: Ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder zugrunde zu richten? (Lk 6,9). Ohne auf eine Antwort zu warten, vollbrachte er das Wunder und heilte die Hand des Mannes.
Jesus handelte stets ohne taktische Rücksichtnahme, wenn es darum ging, Gutes zu tun. Seine Mission auf Erden war es, die Menschheit zu erlösen, und diesem Ziel widmete er sich vollständig. Daher zögerte er nicht, auch am Sabbat zu heilen, um zu zeigen, dass das Wohl des Menschen immer Vorrang hat. Er scheute sich nicht, sich mit öffentlichen Sündern abzugeben (vgl. Mk 2,16), verschiedene Städte zu besuchen (vgl. Lk 4,43) oder in die Häuser von Nichtjuden zu gehen (vgl. Mt 8,7). Seine heilbringende Mission kannte keine festen Zeitpläne oder Schranken. Jesus war immer bereit, zu helfen.
Die Berufung, Gott bekannt zu machen, fordert auch von uns, unsere eigenen Pläne und Sicherheiten zu überwinden. Ein missionarisches Bewusstsein führt dazu, wie Papst Franziskus betont, „die Freude zu erfahren, eine Quelle zu sein, die überfließt und die anderen erfrischt. Missionar kann nur sein, wer sich wohl fühlt, wenn er das Wohl des anderen sucht, und das Glück der anderen will.“6 Eine solche Offenheit des Herzens zeichnete auch Maria aus. Ihr ganzes Leben lang stellte sie das Wohl Jesu an erste Stelle. Diese Hingabe zeigt sie weiterhin gegenüber allen, die sich in ihrer Not an sie wenden und sie um ihre mütterliche Hilfe bitten.
1 Hl. Cyrill von Alexandrien, Predigten über das Lukas-Evangelium.
2 Vgl. Franziskus, Tagesmeditation, 1.4.2014.
3 Hl. Josefmaria, Cartas 11, Nr. 42
4 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 921.
5 Hl. Josefmaria, Instrucción para la obra de San Gabriel, Nr. 98.
6 Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 272.