JESUS WAR kein gewöhnlicher Lehrer. Mit der freimütigen Art seines Handelns und der Autorität seines Lehrens sorgte er bei seinen Zeitgenossen für Erstaunen. Denn diese waren anderes gewöhnt: Die Lehrer Israels waren zumeist akribisch damit befasst, die Gebote auszulegen, zwischen wesentlich und unwesentlich unterschieden sie oft nicht mehr. Das Ergebnis waren komplizierte Verhaltensregeln, die zu lernen und zu befolgen waren. Die Lehre Jesu hatten eine andere Tonart: Er führte die Traditionen des Volkes fort, sein Handeln und seine Lehre begnügte sich aber nicht mit der äußerlichen Einhaltung der Gebote. Ihm ging es darum, die Umkehr des Menschen von innen heraus zu erwecken.
Dass weder Jesus noch seine Jünger bei bestimmten Gelegenheiten fasteten, sahen einige Beobachter mit Befremden. Jesus fragt zurück unter Verwendung eines bekannten Bildes: Könnt ihr denn die Hochzeitsgäste fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? (Lk 5,34). Bei den damaligen Hochzeiten hatten die engsten Freunde des Bräutigams die Aufgabe, für fröhliche Festlichkeit zu sorgen. Sie konnten von bestimmten Vorschriften befreit werden, wenn diese die freudige Atmosphäre der Feier beeinträchtigten. Mit diesem Vergleich wies Jesus auf sich selbst als den Bräutigam hin und auf seine Jünger als dessen Freunde. Er hatte die Freude der Erlösung in die Welt gebracht.
Gott möchte unser Glück, und schafft uns nichts an, was uns von diesem Ziel abbringen könnte. Wahr ist jedoch – weil es ein anspruchsvolles Ziel ist –, dass es oft Mühe kostet; und manchmal werden wir seine Wege nicht verstehen, weil sie auch mit Leid verbunden sein können. Dennoch führen uns die Gebote Gottes zu einem freien und glücklichen Leben. Papst Franziskus gibt uns zu bedenken: „Ein Philosoph sagte einmal etwas von der Art: ,Ich verstehe nicht, dass man heutzutage noch glauben kann, denn diejenigen, die sagen, dass sie glauben, laufen mit einem Gesicht herum wie bei einer Totenwache. Sie legen kein Zeugnis von der Freude über die Auferstehung Jesu Christi ab.‘ Tatsächlich gibt es viele Christen mit einem Gesichtsausdruck wie bei einer Totenwache, … Aber Christus ist auferstanden! Christus liebt dich! Und du freust dich nicht? Lasst uns ein wenig darüber nachdenken und uns fragen: ,Und ich? Freue ich mich, weil der Herr mir nahe ist, weil der Herr mich liebt, weil der Herr mich erlöst hat?‘“1
JESUS NÜTZT das Bild von der Hochzeit auch für eine prophetische Ankündigung seines Todes: Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein: dann (…) werden sie fasten (Lk 5,35). Der weggenommene Bräutigam am Kreuz, dessen Anblick die Herzen seiner Jünger mit Trauer erfüllen wird, ist der Inbegriff des Fastens. Fasten und Kreuz bedeuten Trauer und Entbehrung; doch sind Fasten und Kreuz auch durchdrungen von Freude und Hoffnung: von der Freude, den Willen Gottes zu erfüllen, und von der Hoffnung auf ein neues Leben. Deshalb ist Fasten nicht reine Entbehrung und endet nicht bei uns selbst, sondern dient uns dazu, uns vom Willen des Vaters zu ernähren. So wie Jesus sagte: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden (Joh 4,34). Diese Entbehrung, dieser erste Akt des Verzichts auf sich selbst, schützt unser Herz davor, sich an Bequemlichkeiten zu hängen, und hilft unserem Geist, wach und empfänglich zu sein; so werden wir die Güter Gottes entdecken und genießen können.
Jesus lädt die Menschen einmal ein, nur vor dem Angesicht des Vaters im Himmel Almosen zu geben, zu beten und zu fasten; die anderen sollen es nicht einmal bemerken. Auch damit überraschte er einige Zuhörer, denn solche guten Taten wurden oft nur deshalb gesetzt, um vor den anderen gut dazustehen. Jesus erinnert uns daran, dass der Wert einer Handlung nicht davon abhängt, was andere darüber denken. Oftmals wird ein Gebet, ein Opfer oder eine großzügige Geste nur von Gott wahrgenommen – und das genügt. Der heilige Josefmaria wusste, dass das zwar nicht immer leicht, dafür aber verdienstvoll ist: „Zu lächeln kann für dich manchmal die beste Abtötung und sogar die beste Buße sein: dieses alter alterius onera portate (Gal 6,2), die Lasten der anderen tragen und darauf zu achten, dass deine Hilfe unbemerkt bleibt, dass man dich nicht lobt, dass man es nicht sieht und so das Verdienst vor Gott nicht verlorengeht.“2 Indem er verborgen bleibt wie das Salz, würzt der Christ alle Lebensbereiche und sorgt dafür, dass „alles übernatürlich liebenswert und schmackhaft wird“3.
AUCH füllt man nicht jungen Wein in alte Schläuche. Sonst reißen die Schläuche, der Wein läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar. Jungen Wein füllt man in neue Schläuche, dann bleibt beides erhalten (Mt 9,17). Der Schlauch, von dem hier die Rede ist, war eine Art Lederbeutel. Die Tierhaut wurde gegerbt, zugeschnitten und ringsherum zugenäht bis auf eine Öffnung am Hals, durch die der junge Wein eingefüllt wurde. Während der Gärung dehnte sich der Schlauch. Alte Schläuche waren hart und unflexibel. Wenn man also neuen Wein in alte Schläuche füllte, konnte die Gärung dazu führen, dass der Schlauch aufplatzte und der Wein verloren ging.
Jesus bringt immer neuen Wein. Dieser steht symbolisch für den Heiligen Geist, er ist die gute Nachricht von der Erlösung. Die Gegenwart des Heiligen Geistes in einem Menschen zeigt sich vor allem an dessen Freude. Es ist kein Zufall, dass Jesus sein öffentliches Leben damit begann, bei einer Hochzeit Wasser in erlesenen Wein zu verwandeln. Christus ist gekommen, um uns mit einem Leben zu erfüllen, das unser Herz erfreut, ähnlich wie der Wein zur frohen Stimmung eines Festmahls beiträgt. Doch dieser neue Wein muss in neue Schläuche gefüllt werden, und das sind unsere Herzen. Aus diesem Grund bereitet Jesus die Herzen seiner Jünger vor, damit sie die Kraft und Neuheit seines göttlichen Lebens fassen können.
Mit ihrer Kasuistik und äußerlichen Wachsamkeit stehen die Lehren mancher Schriftgelehrter und Pharisäer Israels für die alten Schläuche. Um mit neuem Wein befüllt zu werden, muss das Herz lernen, auf den Heiligen Geist zu hören und ihm gegenüber fügsam sein, denn er ist die Quelle ständiger Erneuerung. Deshalb bitten wir die heiligste Jungfrau Maria, uns ein Herz wie das ihre zu schenken, ein Herz, das fähig ist, sich dem neuen Wein – dem Leben Gottes in uns – zu öffnen.
1 Franziskus, Angelusgebet, 13.12.2020.
2 Hl. Josefmaria, Allein mit Gott, Nr. 122.
3 Ebd.