DIE FÜHRER des Volkes Israel versuchen seit Tagen, Jesus in seinen Worten eine Ungereimtheit nachzuweisen. Nun stellen sie ihm eine besonders heikle Frage: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? (Mt 22,17). Die römische Herrschaft war den Juden nicht nur aus politischen, sondern auch aus religiösen Gründen verhasst. Mit ihrer Frage wollen die Gegner Jesus in die Enge treiben: Bejaht er die Steuerpflicht, gilt er als Freund der Besatzer; verneint er sie, können sie ihn bei den Römern des Aufruhrs bezichtigen.
Doch Jesus lässt sich nicht auf die Falle ein. Seine Antwort eröffnet eine neue Perspektive: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! (Mt 22,21). Die Münze trägt das Bild des Kaisers und verweist damit auf die Pflichten gegenüber dem Staat. Der Mensch hingegen trägt das Bild Gottes in sich und ist ihm mit seinem ganzen Leben verpflichtet. Jesus macht deutlich, dass sich die Verantwortung gegenüber Gott und die Pflichten als Bürger nicht grundsätzlich widersprechen.
Der heilige Josefmaria erinnerte häufig daran, dass es keinen Widerspruch gibt „zwischen dem Dienst an Gott und dem Dienst an den Menschen, zwischen den Rechten und Pflichten eines Staatsbürgers und den Rechten und Pflichten eines Christen, zwischen dem Einsatz für den Aufbau und die Verbesserung der irdischen Stadt und der Überzeugung, dass diese Welt ein Weg ist, der uns in die himmlische Heimat führt.“1 Beides gehört zusammen: Wer Gott liebt, kann der Welt, die aus seinen Händen hervorgegangen ist, nicht gleichgültig gegenüberstehen. Und wer sich gemeinsam mit anderen für eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft einsetzt, kann gerade darin Gott dienen.
GEBT DEM KAISER, was dem Kaiser gehört. Der heilige Josefmaria betonte immer wieder, dass Christen „mit den Füßen auf der Erde und mit dem Kopf im Himmel“ leben sollen. Seinen geistlichen Kindern schärfte er ein, dass für sie, „Männer und Frauen der Welt, jede Flucht vor den ehrbaren Wirklichkeiten des alltäglichen Lebens im Gegensatz zum Willen Gottes“2 steht. Unsere Aufgaben in Beruf und Gesellschaft sind ein Weg zur Heiligkeit. Gerade durch unsere Arbeit können wir dazu beitragen, die Welt menschlicher und gerechter zu gestalten und die verschiedenen Lebensbereiche mit dem Licht Christi zu erhellen.
Alles gehört euch; ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott (1 Kor 3,22-23), schreibt Paulus. Der Prälat des Opus Dei zieht daraus eine Konsequenz für unser Leben: „In Anbetracht dieser Wirklichkeit freuen wir uns, wenn andere sich freuen, genießen sämtliche guten Dinge, die uns umgeben, und fühlen uns von den Herausforderungen unserer Zeit angesprochen.“3 Zu diesen Herausforderungen gehören Krieg und Armut ebenso wie die Nöte in unserer unmittelbaren Umgebung: eine schwierige Familiensituation, ein Konflikt am Arbeitsplatz oder die Entmutigung von Menschen, die angesichts einer scheinbar unlösbaren Aufgabe nicht mehr weiterwissen. Christliche Weltverbundenheit bedeutet, sich von diesen Nöten berühren zu lassen.
Jeder kann dazu beitragen, Leid zu lindern und das Zusammenleben menschlicher zu gestalten. Wir können einander durch Gebet und Sakramente stützen, aber auch unsere Fähigkeiten, unsere Zeit und unsere Tatkraft einsetzen, um anderen konkret zu helfen. Papst Franziskus ermutigte dazu, gerade in Krisenzeiten die Solidarität neu zu beleben: „Möge die Kreativität des Heiligen Geistes uns ermutigen, neue Formen familiärer Gastfreundschaft, fruchtbarer Geschwisterlichkeit und universaler Solidarität zu entwickeln.“4
GEBT GOTT, was Gott gehört. Nachdem Jesus die Pflicht anerkannt hat, dem Kaiser Steuern zu zahlen, lenkt er den Blick auf eine tiefere Wirklichkeit: Wir gehören Gott. Unsere Beziehungen und gesellschaftlichen Bindungen prägen unser Leben, doch noch grundlegender ist unsere Identität als Geschöpfe Gottes. Papst Benedikt XVI. erläuterte: „Auch wenn auf den römischen Münzen das Bildnis des Kaisers eingeprägt war (…) so trägt doch das Herz des Menschen das Prägemal des Schöpfers, des einzigen Herrn unseres Lebens.“5
Alles, was wir sind und haben, verdanken wir Gott. Deshalb können wir unser Leben, wie Papst Franziskus sagt, „in der Anerkennung dieser unserer grundlegenden Zugehörigkeit und in der Dankbarkeit des Herzens gegenüber unserem Vater leben, der einen jeden von uns einzeln, unwiederholbar, doch immer nach dem Bild seines geliebten Sohnes Jesus geschaffen hat.“6 Unsere Zugehörigkeit zu Gott schränkt unsere Freiheit nicht ein, sondern gibt ihr erst ihren tiefsten Grund. Als geliebte Kinder Gottes erkennen wir unsere eigene Würde und zugleich die Würde jedes anderen Menschen. So wächst auch das Bewusstsein, dass wir alle Brüder und Schwestern sind.
Gott zu geben, was ihm gehört, bedeutet deshalb nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen. Im Gegenteil: Wer sich als Kind Gottes weiß, kann sich mit Zuversicht und Tatkraft für die Menschen und die Gesellschaft einsetzen. Auf diese Weise wird unser Engagement für eine menschlichere und gerechtere Welt auch zu einem Ausdruck unserer Liebe zu Gott. Bitten wir Maria, den Sitz der Weisheit und die Ursache unserer Freude, dass wir wie sie im Alltag Gottes Willen erfüllen und unsere Umgebung durch unsere Liebe verwandeln.
1 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 165.
2 Hl. Josefmaria, Die Welt leidenschaftlich lieben.
3 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 19.3.2022, Nr. 7.
4 Franziskus, Audienz, 2.9.2020.
5 Benedikt XVI., Audienz, 17.9.2008.
6 Franziskus, Angelus-Gebet, 22.10.2017.

