Betrachtungstext: 1. Woche im Jahreskreis – Freitag

Sie bringen ihren Freund zu Jesus – Die Folgen der Vergebung der Sünden – Wir alle brauchen gute Freunde

DER WUNSCH der Menschen, Jesus zu sehen, ist groß. Noch vor wenigen Tagen drängten sich die Leute im Haus des Simon, jetzt ist nicht einmal mehr vor der Türe Platz (Mk 2,2). Es erfüllt sich, was der Apostel gesagt hatte: Alle suchen dich (Mk 1,37). Jesus hat die Herzen der Menschen berührt und in einem besetzten und unterdrückten Volk die Saat der Hoffnung ausgesät – einer Hoffnung, die die kühnsten Erwartungen übersteigt. Seine Worte und seine Wunder lassen die Erfüllung der messianischen Verheißungen greifbar nahe erscheinen.

Was, wenn er wirklich der Messias ist? Diese Frage bewegt viele. Für die einfachen Menschen, die sich um Jesus scharen, gibt es kein größeres Glück, als dem zuzuhören, der sie mit seiner Lehre erleuchtet. Viele von ihnen, bisher am Rand der Gesellschaft, spüren plötzlich, dass sie einen unermesslichen Schatz gefunden haben. Diejenigen, die einst die Letzten waren, beginnen zu ahnen, dass sie berufen sind, eine neue Geschichte zu eröffnen.

Unter der Menge befinden sich vier Freunde, die einen fünften bei sich haben – einen Gelähmten. Sie sind überzeugt: Wenn sie ihn zu Jesus bringen, kann er geheilt werden. Als sie merken, dass es unmöglich ist, sich durch die Menschenmenge zu drängen, kommt einem von ihnen – vielleicht dem kreativsten – eine kühne Idee: Sie wollen ihren Freund durch das Dach des Hauses hinablassen. Es ist die einzige Möglichkeit, ihn zu Jesus zu bringen.

Viele Jahrhunderte sind seitdem vergangen, doch auch wir können Ähnliches tun, indem wir unsere Freunde im Gebet vor Gott tragen. Papst Franziskus spornt uns an: „Täglich, ohne Zeit zu verlieren, müssen wir vor Jesus stehen, als stets offene Kanäle zwischen ihm und unseren Leuten, und Menschen und Situationen zu ihm bringen.1


JESUS kennenlernen und anderen von ihm erzählen, sind zwei Seiten einer Medaille. Papst Franziskus unterstreicht: „Das Licht des Glaubens lässt uns die unendliche Barmherzigkeit Gottes erkennen, (...) aber auch die Verantwortung sehen, die uns anvertraut ist, um mit Gott an seinem Heilswerk mitzuwirken.2

Ein Apostel ist kein besserer Mensch. Doch die Dankbarkeit für die eigene Erwählung beflügelt ihn und macht ihn erfinderisch – wie diese vier Freunde. Sie deckten dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Liege durch die Öffnung hinab (Mk 2,4). So wollten sie ihren Beitrag zum Heilswerk leisten. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben (Mk 2,5).

Oben auf dem Dach sind die Freunde überwältigt. Sie wissen sich als stille Helfer des Wunders: Sie haben ihren Freund gleichsam in das Herz des Meisters hineingetragen. Vielleicht überrascht sie, dass Jesus ihm zunächst die Sünden vergibt, doch das Gesicht ihres Freundes strahlt – er fühlt sich befreit.

Auch wir sehnen uns nach dieser Befreiung, nach der Freude, die aus der Heilung durch Christus erwächst. Der heilige Josefmaria ermutigt uns: „Lasst den Kopf nicht hängen, wenn ihr eine Dummheit oder sogar dutzende hintereinander gemacht habt. Was dachtet ihr? Dass ihr fehlerfrei seid? (...) Das gesamte Leben ist Kampf, allerdings ein leichter Kampf!3


NACHDEM JESUS dem Gelähmten die Vergebung zugesprochen hat, entsteht ein Streit. Einige Schriftgelehrte empören sich darüber, dass Jesus sich anmaßt, Sünden zu vergeben – etwas, das allein Gott zusteht. Auffällig ist ihre Haltung, die der Evangelist festhält: Einige der Schriftgelehrten saßen dort (Mk 2,6). Während die Freunde des Gelähmten auf das Dach gestiegen sind, bleiben die Kritiker sitzen – bequem und distanziert – und ärgern sich über die Barmherzigkeit Gottes.

Sie zeigen kein Interesse an der Freude des Mannes und kein Staunen über das Wirken Gottes. Stattdessen verschließen sie sich innerlich. Jesus stellt ihnen eine direkte Frage: Was für Gedanken habt ihr in eurem Herzen? (Mk 2,8). Ohne ihre Antwort abzuwarten, wendet er sich erneut an den Gelähmten und sagt: Ich sage dir, steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause (Mk 2,11).

Die Freunde, die alles von oben beobachten, brechen in Jubel aus. Sie sehen ihren Freund aufstehen, seine Liege nehmen und auf eigenen Füßen hinausgehen. Sicherlich eilen sie ihm entgegen und umarmen ihn – erfüllt von Dankbarkeit und Freude. Und wie herzlich mag der Geheilte jene umarmt haben, die den Mut hatten, ihn an einem Seil hinabzulassen?

Wir alle brauchen solche Freunde, die uns zu Jesus bringen. Und niemand erfüllt diese Rolle besser als die Mutter Jesu. Ihre Nähe und ihr Einfallsreichtum helfen uns, den Weg zu ihrem Sohn zu finden. Der heilige Josefmaria drückte es so aus: „Unsere Mutter, wir danken dir dafür, dass du Fürbitte für uns einlegst bei Jesus; ohne dich wären wir nicht bis zu ihm gelangt. Wie wahr ist es doch, dass wir zu Jesus gehen und zu ihm zurückkehren immer durch Maria!4


1 Franziskus, Ansprache, 12.9.2019.

2 Ders., Audienz, 29.9.2021.

3 Hl. Josefmaria, Notizen von einem Familientreffen, 5.4.1970.

4 Ders., Notizen einer Betrachtung, 10.4.1937.